„Carbonchoral“ heißt das Werk. Die 30 Microstorys, extrem kurze Erzählungen, haben beinahe hypnotische Wirkung auf den Leser.
Neues BuchMartin Schatke aus Bedburg legt Geschichten aus einer düsteren Zukunft vor

Martin Schatke mit seinem aktuellen Buch „Carbonchoral“ und der neuesten Folge der Science-Fiction-Hörspielreihe „Jan Tenner“.
Copyright: Bernd Woidtke
Egon Friedell, österreichischer Schriftsteller und Journalist, schrieb 1927 in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“, dass ein Schauspieler, der immer komische Rollen spielt, privat durchaus ein sachlicher, gar freudloser Mensch sein könne. Umgekehrt seien manche ernsten Charakterdarsteller oft in ihrem Wesen überschäumende Witzbolde.
Bedburg: Brillant geschrieben
Bei Martin Schatke, dem Bedburger Autor, kann man Ähnliches konstatieren: Er schreibt Dystopien, also düstere Geschichten über die Zukunft. Im Gespräch zeigt er sich jedoch optimistisch und gut gelaunt. Ein Widerspruch? Nicht wirklich. „Klar, meine Geschichten enden meist nicht gut, aber eigentlich enden sie gar nicht. Mitunter hat der Leser, hat die Leserin die Chance, über das Ende hinauszudenken, und das kann durchaus positiv sein“, erklärt der Bedburger sein Motiv.
„Carbonchoral“ heißt sein neuestes Werk, jüngst im Tuschel-Verlag erschienen. Diese Sammlung enthält 30 Microstorys, extrem kurze Erzählungen, die „den Moment der Apokalypse, den Schock, der alles verändert, ohne zu wissen, was danach passiert“ (Schatke im Vorwort) einfangen. Sie sind brillant geschrieben, offenbaren große Fantasie beim Autor und haben beinahe hypnotische Wirkung auf den Leser.
Da muss man flexibel sein
In der Geschichte „Riegel im Bauch“ sollen Gefangene Sekrete in Brutkammern sammeln. Ein 15-Jähriger verweigert sich. Er will für seine jüngeren Schwestern Nahrung besorgen. Das schafft er auch: „Er öffnet die Hand und präsentiert zwei zerdrückte Protein-Riegel. Beide Mädchen greifen zu; zu dritt teilen sie sich den Schatz. Für einen Moment vergessen sie alles, kauen hastig, als könnten sie so die Angst mit hinunterschlucken.“ Ein Augenblick der Poesie in einer scheinbar hoffnungslosen Situation.
Schatke ist ein erfahrener Autor. Seit 18 Jahren schreibt er Lehrwerke für den Westermann-Verlag. Kein Wunder: Hauptberuflich ist er Lehrer für Deutsch, Geschichte, Politik und Wirtschaft am Berufskolleg des Rhein-Erft-Kreises in Bergheim. Er schreibt Gedichte, 2020 erhielt er den „Lyrischen Lorbeer in Gold“. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeit für die Science-Fiction-Hörspielreihe „Jan Tenner“.
Diese Serie gibt es seit 1980, Schatke las sie als Kind mit Begeisterung und freute sich natürlich gewaltig, als er später als Autor mit an Bord kam. Wie vereinbart er Schule und literarische Tätigkeit? „Da muss man flexibel sein. Ich arbeite manchmal schon am frühen Morgen ab 4 Uhr an meinem Stehpult. Meine Ideen kommen aus der Natur, aus meiner sozialen Umgebung, auch aus der Schule.“
Die reale Welt könne man manchmal auch mit zunehmender Verzweiflung betrachten, man denke nur an Trump, den Klimawandel, autokratische Tendenzen in der Politik. Aber er sei trotz allem Optimist. In Planung ist ein Roman, „ein richtig dicker Schinken“. Beim Colonia-Con, dem traditionellen Treffen der Science-Fiction- und Fantastic-Community, wird er aus seinem Buch lesen, am 9. und 10. Mai im Kulturbunker Köln, Berliner Straße 20, Köln-Mülheim.
