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Interview mit ESC-LegendePeter Urban: „Ich freue mich sehr auf den Abend in Bergheim“

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Das Bild zeigt Peter Urban. Er trägt ein schwarzes T-Shirt.

Der langjährige ESC-Moderator Peter Urban kommt für eine Lesung seines Buchs „On air“  in die Stadtbibliothek Bergheim.

Der langjährige Moderator erzählt im Gespräch, warum die Menschen im Rheinland eine besondere Nähe zur Musik haben.

Gut 25 Jahre lang war Peter Urban die deutsche Stimme des Eurovision Song Contest (ESC), seine unverwechselbare Moderation trug viel zum Kultstatus dieser Sendung bei.

Mit seinem Buch „On Air. Erinnerungen an mein Leben mit der Musik“ (Rowohlt Verlag) ist der Journalist am 28. Mai um 19 Uhr in der Stadtbibliothek Bergheim zu Gast. Darin schildert Urban seinen Weg aus einer niedersächsischen Kleinstadt zu einem der wichtigsten deutschen Musikjournalisten und führt dabei gleichzeitig durch 50 Jahre deutsche Pop-Geschichte. Dazu gehörten auch Begegnungen mit Weltstars wie Keith Richards, Yoko Ono, David Bowie und Elton John. Mit Peter Urban sprach Markus Peters.

Herr Urban, die 70. Ausgabe des ESC ist Geschichte. Wie lautet Ihr Fazit?

Das war ein hochverdienter bulgarischer Sieg mit einer coolen Nummer und einer tollen Sängerin.

Die deutsche Teilnehmerin Sarah Engels aus Hürth ist nur auf ein enttäuschendes Ergebnis gekommen. Fehlt den Deutschen die Lobby, wie Hape Kerkeling vermutet?

In diesem Jahr habe ich mich mit jeglichen Äußerungen zum Vorentscheid und zum ESC zurückgehalten, und das möchte ich auch durchhalten. Nur dieses: Wenn Deutschland einen starken Song und einen überzeugenden Act aufbietet, kann man, wie die Vergangenheit gezeigt hat, auch erfolgreich sein und braucht keine Lobby.

ESC in Stockholm blieb Peter Urban in Erinnerung

Sie haben gut 25 Ausgaben des ESC begleitet. Welche davon sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Contests in Stockholm, besonders der von 2016, ein wichtiger Sieg für die ukrainische Sängerin Jamala, dazu mit Justin Timberlake ein Spitzen-Gaststar, und das in einer schönen Stadt.

Was macht dem ESC für Sie so einzigartig?

Ich habe den ESC immer als ein außergewöhnliches Zusammenkommen von Menschen erlebt, die sich gegenseitig feiern — und eben nicht nur sich selbst. Gerade dieser respektvolle, oft erstaunlich herzliche Umgang miteinander hat mich über Jahrzehnte beeindruckt. Viele Beiträge haben mich wirklich berührt. Manche Songs konnte ich regelrecht fühlen, und nicht selten hat mich ein Auftritt sogar zu Tränen gerührt. Bei allem Humor blieb für mich immer das Gefühl, Teil von etwas Positivem, Großartigem und in seiner Art Einzigartigem zu sein.

Wie wirkte sich diese Atmosphäre auf Ihre Moderation aus?

Ich habe diese Sendungen immer mit großer Freude, aber auch mit Respekt vor den Künstlerinnen und Künstlern kommentiert. Natürlich gehörte hier und da auch einmal eine kleine Spitze dazu, aber nie aus Geringschätzung. Im Gegenteil: Mein Blick auf den ESC war immer von Wertschätzung, Neugier und Sympathie geprägt.

Peter Urban liest in der Bergheimer Stadtbibliothek

In Bergheim werden Sie aus Ihrem Leben erzählen. Sie kamen über Ihr Familienorchester zur Musik. Was genau war das für ein Ensemble?

Ein Quartett für Familienfeiern mit meiner Mutter als Chefin am Klavier, mein Vater versuchte es an der Geige, mein Bruder ebenfalls und ich an der Blockflöte.

Sie waren selbst als Musiker aktiv. Gab es damals den Traum von einer großen Karriere?

Kurz, als wir unsere erste LP aufnahmen, aber als Realist wurde mir schnell klar, dass meine Zukunft in „normaleren“ Bereichen liegen würde.

Wie ergab sich Ihr Einstieg in den Journalismus?

Ich schrieb für die „Zeit“ und die Musikzeitschrift „Sounds“, arbeitete als Student für den Regisseur Horst Königstein an einer TV-Serie über Popmusik mit und ich moderierte eine beliebte Rock-Sendung „Musik für junge Leute“.

Sie konnten mit vielen bekannten Musikerinnen und Musikern sprechen. Welche Gespräche sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Das waren die Treffen mit Bruce Springsteen in seiner Umkleidekabine, mit Bob Marley in seinem Schlafzimmer, mit meinem Idol Joni Mitchell im Hotel „Vier Jahreszeiten“ oder mit Keith Richards beim Bourbon.

Rheinland hat eine besondere Nähe zu Musik

Wie blicken Sie als Norddeutscher auf das Rheinland?

Ich freue mich sehr auf den Abend in Bergheim. Über die Jahre habe ich gelernt, dass musikalische Leidenschaft keineswegs nur in den großen Metropolen zuhause ist. Gerade Regionen wie das Rheinland besitzen oft eine besondere Nähe zur Musik offen, herzlich, direkt und mit großer Begeisterungsfähigkeit. Genau darin liegt eine enorme kulturelle Kraft. Man begegnet dort Menschen, die Musik nicht nur hören, sondern mittragen, diskutieren und feiern. Vielleicht erklärt das auch, warum Künstler wie Wolfgang Niedecken und BAP so authentisch wirken konnten. Diese Musik kommt aus einer Region mit eigener Sprache, eigenem Rhythmus und einer großen Bodenständigkeit.

Die Musikszene hat sich stark gewandelt Streamingdienste dominieren den Markt, Konzertpreise steigen massiv. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Das ist eine traurige und höchst bedenkliche Entwicklung, es verdienen viele an Musik und Konzerten, leider bekommen die Kreativen, die Musiker und Autoren am wenigsten.

Wie sehen Sie die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Musikbranche?

In manchen Bereichen kann KI unterstützen, aber hoffentlich begreifen Verlage und Hörer, dass menschliche Kreativität, Emotion und Seele nicht zu ersetzen sind.

Würden Sie einem jungen Menschen heute zu einer Karriere als Musiker raten?

Wenn jemand die Leidenschaft und das Feuer spürt, auf jeden Fall – auch wenn der Weg zum Erfolg nicht einfacher geworden ist.

Welche aktuelle Musik oder welche Musikerin bzw. welcher Musiker kann Sie heute begeistern?

Deutschland hat so viele große Talente, Sänger wie Phil Siemers oder junge Singer-Songwriter wie Dee Ann und Amber & The Moon.

Sie sind weiterhin als Moderator, aber auch als Podcaster aktiv. Worum geht es in Ihrem Podcast?

Ich starte in diesen Tagen meinen Podcast „Peter Urban Big Music“. Darin geht es um großartige Musik, die bleibt — und um Künstlerinnen und Künstler, die besonders gewirkt haben. Die Auftaktfolge wird Udo Lindenberg gewidmet sein. Zuletzt sind zahlreiche Produktionen über Udo entstanden. Aber eines wird dabei oft vergessen: Seine großartige Fähigkeit, den Menschen durch seine Songs die Erlaubnis zu geben, sich selbst auch einmal zu verzeihen und gut mit sich zu sein. Denn eines ist doch klar: Menschen, die nicht gut mit sich selbst umgehen, können es erst recht nicht mit anderen. Ich gehe sogar so weit zu sagen: Udo Lindenberg hat die Welt verbessert.

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