Der jüdische Publizist sprach sich in Bergheim dafür aus, mit Bildung Chancen herzustellen, aber auch die Demokratie zu verteidigen.
Michel Friedman in BergheimSchulen im Rhein-Erft-Kreis wollen mehr Demokratie wagen

Bei der Bildungskonferenz des Rhein-Erft-Kreises war der jüdische Publizist Michel Friedman zu Gast, hier neben Landrat Frank Rock.
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Michel Friedman kam mit zehn Jahren aus Paris nach Deutschland. Zu Beginn seiner Schullaufbahn sei jedes Wort in seinem Deutschheft rot angestrichen gewesen. „Irgendwann sagte ich meiner Lehrerin: Benutzen Sie doch einen Pinsel mit roter Farbe, das geht schneller.“ Diese Lehrerin sei einige Wochen später auf ihn zugekommen und habe ihm Nachhilfe gegeben. „Sie rettete mein Leben. Ich verdanke ihr, dass ich heute hier stehe“, sagte Friedman.
Die Anekdote erzählte der jüdische Publizist am Freitag auf der Bildungskonferenz des Rhein-Erft-Kreises im Kreishaus in Bergheim. Das Regionale Bildungsbüro hatte 45 Schulen aus dem Kreisgebiet eingeladen, die mit der Schulleitung, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern anwesend waren. Der Sitzungssaal des Kreishauses war mit rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut gefüllt.
Bergheim: Mehr Demokratie an Schulen wagen
Im Zentrum der Konferenz stand die Frage, wie die Demokratie im schulischen Alltag gestärkt werden kann. Die Anwesenden konnten sich darüber in verschiedenen Workshops austauschen, bei denen es etwa um den Umgang mit diskriminierenden Aussagen im Schulalltag ging oder um die Frage, wie Schülerinnen und Schüler wirklich mitbestimmen können.
In seiner Rede warnte Michel Friedman über die Konsequenzen eines weiteren Erstarkens der AfD oder über die Tendenz, sich nur aus fragwürdigen Quellen in den Sozialen Medien zu informieren. Die Bedeutung ordentlicher Schulgebäude hob er auf Nachfrage hervor: „Wenn ich Kinder in die Gebäude als ihren Lebensmittelpunkt einlade, und es sind Schrotthäuser, dann spüren Kinder doch, was sie uns wert sind, oder? Deshalb geht es nicht um Luxus, es geht um Respekt.“
Streit als Instrument der Demokratie
Als Instrument der Demokratie benannte Friedman den Streit, den Widerspruch, aber auch das Nachfragen aus Neugier, nach konkreten Argumenten, nach weiteren Gedanken. Dieser Aushandlungsprozess habe auch Regeln. „Die erste Regel ist die Anerkennung des Anderen“, sagte der 70-Jährige, letztlich könne die Streitkultur die Brücke zwischen mehreren Menschen sein. „Am Ende müssen wir uns nicht einig sein. Es ist kein Wettbewerb. Es ist ein unendlicher Lebensprozess.“
Ein Beweis dafür, dass auch altehrwürdige Institutionen diesen Lernprozess machen müssen, erbrachte kürzlich das Festspielhaus Bayreuth. Wie die SZ berichtete, war Friedman eingeladen worden, um in Bayreuth über Antisemitismus und die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu sprechen. Dann wurde er wegen angeblicher Sicherheitsbedenken wieder ausgeladen. Friedman selbst hatte der SZ gegenüber bezweifelt, ob das die wahren Motive sind, zumal kein Vorverkauf für die Veranstaltung gestartet worden war: „Das ist unglaubwürdig und zeigt, dass die Entscheidung, ob man die Veranstaltung überhaupt macht, schon lange infrage steht.“ Zuletzt war Friedman nach einer Entschuldigung von Festspielleiterin Katharina Wagner wieder eingeladen worden.
Studien zeigen Erstarken demokratiefeindlicher Haltungen
Dass in der Demokratie in Deutschland weitere Schritte zu gehen sind, verdeutlichte auch der zweite Redner Philip Eberhard, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin. Laut der letzten Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmten nur 86,1 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass in einer Demokratie die Würde und Gleichheit aller an erster Stelle stehen sollte – 2018/19 waren es noch 93 Prozent gewesen. 15 Prozent stimmten gar der Aussage zu: „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.“ Dazu kommen noch zehn Prozent, die dem zum Teil zustimmen konnten.
Von Schülerinnen und Schülern werde viel erwartet, allerdings könne es auch eine Überforderung sein, ihnen den Kampf gegen demokratiefeindliche Positionen aufzubürden, wenn sie ein hierarchisches Schulsystem durchlaufen, bei dem sie das nicht lernen und nur geringe Partizipationsmöglichkeiten haben, so Eberhard: „Schule muss meiner Meinung nach noch viel stärker Räume schaffen, an dem Schülerinnen und Schüler Selbstwirksamkeit erfahren können.“ Das Wirken von Schülervertretungen sei sehr begrenzt. Es sei spannend und mutig sich als Schulgemeinschaft darüber auszutauschen, in welchen Bereichen Schülerinnen und Schüler stärker partizipieren könnten. „Und das auch da, wo es zählt – nicht da, wo es ein bisschen egal ist.“
Eine gute Nachricht hatte er aber auch mitgebracht: Aus der Studie „Wer hat, dem wird gegeben“ aus dem Jahre 2019 gehe klar hervor, dass Demokratiebildung an Schulen dazu führt, dass deutlich mehr Schülerinnen und Schüler die Demokratie bejahen.
