US-Rabbinerin Lizzy Heydemann lernte durch Kim Gröner und Alexander Entius vom Stadtarchiv die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren kennen.
Verfolgung, Flucht, VerlustUS-Rabbinerin auf den Spuren ihrer Familiengeschichte in Brühl

Alexander Entius, Lizzy Heydemann und Marc Prokop.
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Alles begann mit einer Mail, die die US-Rabbinerin Lizzy Heydemann aus Chicago vor drei Wochen an die Stadt Brühl schickte. Sie brachte eine bewegende Familienhistorie zum Vorschein. Im Ergebnis saß die 45-jährige Amerikanerin am Donnerstag im Joseph-Fassbender-Saal im Rathaus und lernte durch Kim Gröner und Alexander Entius vom Stadtarchiv die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren kennen, die sie bis dato nicht kannte.
Für sie wurden es zwei emotionale Stunden. Sie hörte zu, fragte nach, staunte, vergoss Tränen, als sie erfuhr, dass ihr Großvater, ihre Urgroßeltern und Ururgroßeltern in Brühl geboren wurden, hier lebten und bedeutende Persönlichkeiten waren.
Wir fingen bei dem Hinweis an, dass ihr Großvater Julius Heydemann 1911 in Brühl geboren wurde
Ihre väterlichen Großeltern, Alice und Julius Heydemann, waren jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, die vor dem Holocaust in die USA flohen. Lizzy Heydemann wuchs mit ihnen auf. „Aber sie haben nie mit mir Deutsch gesprochen“, erzählte sie. Als Elfjährige lernte sie Deutsch und verbrachte mehrere Sommer als Austauschschülerin in Deutschland. Ihr wurde bewusst, dass sich ihre Familiengeschichte nicht allein als deutsch, sondern vor allem als deutsch-jüdisch verstehen lässt – geprägt von Verfolgung, Flucht und Verlust.
Brühl: Familienspurensuche beschäftigt sie bis heute
Dieser Weg führte zum Rabbinerstudium. Heute leitet sie die von ihr 2011 gegründete liberale Gemeinde Mishkan Chicago und verbindet Erinnerung, Spiritualität und gesellschaftliches Engagement. Ihre Familienspurensuche beschäftigt sie bis heute und so meldete sie sich in Brühl. „Wir fingen bei dem Hinweis an, dass ihr Großvater Julius Heydemann 1911 in Brühl geboren wurde“, so Kim Gröner vom Archiv.
„Dann legten wir los, suchten in Einwohnermelderegistern und Literatursammlungen, durchstöberten zig Bilder. Wir haben in Brühl allein 16.500 Fotos aus der NS-Zeit“, so Archivar Alexander Entius. „Und wir entdeckten ein spannendes Kapitel lokaler Geschichte.“ Denn ihr Urgroßvater, Alfred Adolf Heydemann, war der Direktor der Waggon-Leih-Anstalt, später Eisenbahn-Verkehrsmittel-AG, heute VTG, und zog 1920 nach Aachen.
Ihr Ururgroßvater, Samuel Levy, war Tierarzt, erster Direktor des städtischen Schlachthofes und königlicher Oberstabsveterinär im Ersten Weltkrieg. Levy war der einzige Jude in Brühl, der eine hochrangige städtische Position bekleidete.
Bei seinem Tod 1925 schrieben der Bürgermeister und der kameradschaftliche Verein einen Nachruf. Und ihr Urururgroßvater, David Fröhlich, sei einer der wohlhabendsten jüdischen Einwohner von Brühl gewesen, erzählte Entius. Er habe zu den Honoratioren der Stadt gezählt, gehörte dem Stadtrat an und besaß eine Villa. Davon zeugte ein Foto, welches eine kurfürstliche Kellerei am Belvedere zeigt.
Zudem war er für die vom Staat Preußen geforderte Gründung einer jüdischen Synagogengemeinde verantwortlich, kümmerte sich um den Kauf des Grundstücks und beauftrage den Bau. 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt und vernichtet.
„All das zu erfahren, ist spannend und sehr emotional für mich. Ich muss wiederkommen“, sagte Lizzy Heydemann. Auch für Bürgermeister Dr. Marc Prokop und den Fachbereichsleiter für Kultur und Tourismus, Oliver Mülhens, die die Amerikanerin begrüßten, zeigte der Austausch einmal mehr, wie wichtig die Pflege historischer Wurzeln ist. „Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus zunimmt, ist es unsere gemeinsame Verantwortung, jüdisches Leben sichtbar zu machen, Geschichte zu bewahren und Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft zu bauen“, so Prokop.
