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SchuldenberatungDas sind die häufigsten Schuldenfallen junger Menschen in Rhein-Erft

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Das Bild zeigt einen Mann, der den Kopf auf den Tisch gelegt hat und offenbar Geldprobleme hat.

Viele junge Leute, aber auch Rentner sind überschuldet. Mehr Aufklärung in der Schule könnte nach Angaben der Schuldnerberatung helfen.

Im Interview spricht Maike Cohrs, Schuldner- und Insolvenzberaterin im Diakonischen Werk Köln und Region, auch über Schulden im Alter.

Viele junge Menschen, aber auch Rentnerinnen und Rentner sind überschuldet. Maike Cohrs, Schuldner- und Insolvenzberaterin im Diakonischen Werk Köln und Region, spricht im Interview mit Udo Beißel über die Schuldenfallen bei jüngeren Erwachsenen und im Alter.

Überschuldung gilt oft als ausschließliches Problem von Erwachsenen. Wie stark sind junge Menschen bei uns im Rhein-Erft-Kreis betroffen?

Vorab muss ich sagen, dass wir nur volljährige Menschen beraten. Wie viele jüngere Erwachsene genau überschuldet sind, wissen wir nicht. Wir können nur die Zahl derer zugrunde legen, die zu uns kommen und sich beraten lassen. Von den etwa 120 Menschen (Erstberatungen und laufende Beratungsfälle), die jeden Monat den Weg zu einer unserer Beratungsstellen in Brühl, Bergheim und Frechen finden, sind rund 20 Prozent jüngere Erwachsene.

Mit wie hohen Schulden kommen die Menschen zu Ihnen?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche haben 3000 bis 4000 Euro Schulden und dabei komplett den Überblick verloren, andere, die ein regelmäßiges Einkommen nachweisen können, haben schon einen größeren Kredit aufgenommen. Dann reden wir auch schon mal über 40.000 oder 50.000 Euro. Zu uns kommen Personen, deren Einkommen für die Ausgaben nicht reicht und die nicht über die Runden kommen. Aber wir haben auch die Fälle, wo viel Geld pro Monat reinkommt, aber trotzdem immer noch mehr ausgegeben wird.

Was sind aus Ihrer Beratungspraxis die häufigsten Schuldenfallen für junge Menschen?

Das sind ganz eindeutig die Online-Zahlungsdienstleister wie PayPal und Klarna. Stichwort „Buy now, pay later“, also kaufe heute und bezahle später. Man klickt einfach, bekommt die Ware und zahlt später oder in Raten. Das ist die typische Schuldenfalle, die viele den Überblick komplett verlieren lässt. Wir versuchen dann, wieder Ordnung in die Finanzen zu bringen. Früher war das begehrte Statussymbol das Auto oder das Fernsehgerät – heute gilt es, den Influencern zu folgen und deren Produkte zu kaufen. Durch die Verlinkung von deren Social-Media-Beiträgen zu Online-Shops wird das sehr einfach gemacht.

Gibt es typische Warnsignale für eine drohende finanzielle Schieflage?

Das ist schwierig zu sagen. Jüngere wohnen oft noch zu Hause und müssen keine Miete oder Geld für Verpflegung ausgeben. Bei diesen Leuten zu erkennen, dass sie verschuldet sind, ist schwieriger als bei älteren Personen. Diese ziehen sich zurück, wenn die Miete nicht mehr bezahlt werden kann oder der Strom abgestellt wird oder die Kinder nicht angemessen gekleidet sind, weil kein Geld da ist. Das sind Dinge, die bekommt man als Außenstehender eher mit.

Eine Frau in grüner Bluse steht vor einem grauen Hintergrund.

Maike Cohrs leitet die Schuldnerberatung des Diakonischen Werks Köln und Region.

Bei jungen Erwachsenen kann es Eltern am ehesten auffallen, wenn ihre Kinder nach Geld fragen, abends nicht mehr ausgehen oder aber bereits ausgezogen waren und wieder in ihr Kinderzimmer ziehen. Unsere Erfahrung ist auch, dass, bevor junge Erwachsene zu uns in die Beratung kommen, die Eltern schon mehrmals Schulden beglichen haben. Doch der Schuldenausgleich durch die Eltern ist meistens nicht mit einem Lerneffekt verbunden, hilft aber erstmal kurzfristig.

Wie können Sie den jungen Menschen konkret helfen?

Zuerst verschaffen wir uns einen Überblick über die Schulden. Dann erstellen wir einen Haushaltsplan und stellen Einnahmen zu Ausgaben gegenüber. Wir schauen, wo man kürzen kann und was wirklich gebraucht wird. Wir wollen vermitteln, dass zuerst gespart werden muss, ehe man sich etwas kauft. Es geht um einen kontrollierten Umgang mit dem eigenen Geld.

Wann können Sie Personen noch vor einer Privatinsolvenz bewahren?

Das geht eigentlich nur, wenn jemand noch über ein Einkommen verfügt und noch eine freie Spitze hat. Dann kann man mit den Gläubigern sprechen und versuchen, Vergleiche auszuhandeln. Oder aber, wenn bei jungen Personen die Eltern nochmal einen Betrag zur Verfügung stellen und man damit noch etwas regulieren kann. Das ist immer der bessere Weg als ein Insolvenzverfahren. Es gelingt uns bislang, etwa die Hälfte der Personen, die uns um Hilfe bitten, vor der Insolvenz zu bewahren – die andere Hälfte leider nicht.

Kommen viele Personen einfach zu spät zu Ihnen?

Ja, aber man muss auch sagen, dass die Mitarbeiter in den Beratungsstellen am oberen Limit arbeiten. Wir können bei Weitem nicht alle aufnehmen, die einen Termin bräuchten. Die Nachfrage ist enorm. Wir benötigen im Rhein-Erft-Kreis ein größeres Beratungsangebot.

Reicht Aufklärung und Bildung in Schule und Ausbildung aus?

Nein, das Problem wird in den Schulen total unterschätzt. Wenn Lehrerinnen und Lehrer sich mehr in der Verantwortung sehen würden, wäre das Überschuldungsrisiko der jungen Menschen kleiner. Viele der heutigen Schülerinnen und Schüler wissen nicht ansatzweise, was man in welchem Beruf verdient, was eine Wohnung an Miete und Strom kostet. Wir erleben in den Präventionsveranstaltungen, dass viele nicht wissen, was die Eltern verdienen, welche festen Ausgaben man berücksichtigen muss. Viele der jungen Leute werden in einer Blase groß und wundern sich über die Kosten, wenn sie auf eigenen Füßen stehen müssen. Da könnte Schule mehr vorbereiten, die Gefahren von Darlehensverträgen behandeln oder über die Konsequenzen mit falschem Umgang mit Klarna oder PayPal aufklären. Gute finanzielle Bildung wird immer wichtiger.

Aber wie steht es um die Rentnerinnen und Rentner im Rhein-Erft-Kreis? Kommen die auch zu Ihnen und fragen um Hilfe?

Ja, es kommen welche. Aber bei vielen ist die Scham, über die finanziellen Verhältnisse zu sprechen, enorm groß. Schulden sind gerade in dieser Altersgruppe ein Tabuthema. Der Eintritt ins Rentenalter ist ein Knackpunkt. Wer dann nicht auskommt, geht an die Ersparnisse oder nimmt einen Nebenjob an, um den Lebensstandard zu halten. Wenn die Reserven aufgebraucht sind und noch gesundheitliche Probleme hinzukommen, wird es schwer. Viele rutschen dann in die Schulden. Sie nehmen in ihrer Not Kredite mit überteuerten Zinsen auf, wenn sie aufgrund ihres Alters überhaupt noch einen Kredit bekommen. Der Weg ins Insolvenzverfahren ist für ältere Personen oft mit sehr vielen Vorbehalten verbunden. Man darf nicht vergessen: Ein Insolvenzverfahren ist ein gerichtliches Entschuldungsverfahren. Und das fällt besonders älteren Menschen sehr, sehr schwer.


Schuldenfrei im Alter – Finanzen und Hilfen im Blick

Über Geld zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer – vor allem, wenn es knapp ist. Wenn sich das Einkommen im Alter mit dem Übergang in die Rente oder durch das Ende der Lebenspartnerschaft deutlich verringert, können schnell finanzielle Schwierigkeiten entstehen. Die Scham, staatliche Leistungen oder Hilfsangebote anzunehmen, ist jedoch gerade bei Älteren groß.

Der Ratgeber „Schuldenfrei im Alter“, den die BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen gemeinsam mit der Diakonie Deutschland nun in fünfter, vollständig aktualisierter Auflage herausgegeben hat, will dazu beitragen, dass Überschuldung vermieden und frühzeitig professionelle Unterstützung wie eine Schuldnerberatung in Anspruch genommen wird.

Die Autorinnen Claudia Lautner und Maike Cohrs, Schuldner- und Insolvenzberaterinnen im Diakonischen Werk Köln und Region, geben in dem umfassenden Ratgeber zahlreiche konkrete Tipps, wie man sich auf mögliche finanzielle Veränderungen im Alter vorbereiten kann. Sie informieren verständlich über Renten, Möglichkeiten der Kostensenkung oder des Hinzuverdiensts und zeigen Wege auf, einer Überschuldung vorzubeugen oder sie zu bewältigen. Die Neuauflage des Ratgebers wurde durch das Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

Die Broschüre kann auch – in größerer Stückzahl – kostenfrei bei der BAGSO über die Website, per E-Mail oder unter 0228/2499930 bestellt sowie als Datei hier heruntergeladen werden. (be)