Marktforschungsstudie: 74 Prozent kaufen im Supermarkt oder Discounter, weil der Preis günstiger ist
PreiskampfKleine Bäckereien im Rhein-Erft-Kreis kämpfen gegen Filialisten

Familiengeführte Bäckereien haben es zunehmend schwerer, sich am Markt zu behaupten. Bäckereiketten können wesentlich kostengünstiger produzieren.
Copyright: DPA
Ein schmackhaftes und breites Angebot an Brot, Brötchen, Kuchen, Torten und Teilchen wartet duftend in den Regalen und Theken der Bäckerei Immerath. Das könnte sich auf Dauer ändern, fürchtet Bäckermeister Willi Immerath Senior. Die Familienbetriebe punkten zwar mit Qualität, können aber in der Herstellung und damit beim Preis mit industriellen Anbietern und Großbäckereien kaum mithalten. „Bei uns kaufen die treuen Kunden, die großen Wert auf Qualität legen“, sagt Meister Immerath (82).
1939 hatte sein Vater den Betrieb gegründet, der seit 1941 seinen Sitz an der Mittelstraße hat. 1958 übernahm er den Betrieb, nachdem der Vater aus dem Krieg nicht heimgekehrt war und die Mutter zwischenzeitlich die Bäckerei geleitet hatte. Zurzeit ist Willi Immerath Junior (59) Chef in der Backstube. Der Senior steht aber noch täglich von Dienstag bis Sonntag ab kurz nach Mitternacht in der Backstube. Rund 20 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen in der Backstube, hinter der Ladentheke von Haupthaus und zwei Filialen in Bergheim und Kerpen sowie im Büro. Beliefert werden zudem täglich, Schulen und Werkskantinen.

Bäckermeister Willi Immerath Senior und sein Team kennen noch jedes Brötchen persönlich, fürchten aber die billigere Konkurrenz bei Discountern und Supermärkten.
Copyright: Dietmar Fratz
„Die Energiepreise und fehlende Planungssicherheit machen uns kaputt“ sagt der umtriebige Senior. Rund 2000 Euro koste ihn etwa das Gas im Monat. Auch die Strompreise seien enorm wegen Backöfen und Kühlaggregaten. „Und der Sprit für die Auslieferung wurde ebenso teurer, wie Löhne und Sonntagszuschläge“, erläutert er die Lage. Hinzu kämen bürokratische Auflagen und Dokumentationspflichten. Aber auch die Zeit sei ein großer Faktor. So muss die Crew deutlich mehr in die Produkte investieren. Handarbeit statt Maschinenproduktion, längere Teigführung für mehr Geschmack und fluffigere Backwaren bleiben das große Plus der Familienbäckerei. Ein Plus, das die Kundschaft offenbar immer weniger zu schätzen weiß oder bezahlen kann.
Geld sitzt nicht mehr so locker
Das Marktforschungsunternehmen YouGov hat herausgefunden, dass zwar 46 Prozent der Kunden lieber in einer Handwerksbäckerei einkaufe. Ein Drittel bei Supermärkten und den Backstationen der Discounter. „Ich kann es den Kunden nicht verdenken“, sagt Immerath Senior. „Das Geld sitzt halt nicht mehr so locker“, vermutet er als Hauptursache und findet bei YouGov Bestätigung: 74 Prozent geben demnach an, wegen des günstigeren Preises bei Super- und Discountmarkt Backwaren zu kaufen. 43 Prozent kaufen laut Umfrage weniger häufig beim Bäcker als noch vor drei Jahren. Zudem stehen die „kleinen“ Bäckereien vor Problemen, sobald ein Großgerät ausfällt. „Ein Backofen kostet schnell 200.000 Euro.

Innungsmeiter Guido Boveleth in seiner Backstube.
Copyright: Dennis Vlaminck
Da überlegt man sich schon, ob sich das amortisiert“, sagt Immerath. Große Unternehmen könnten da besser kalkulieren. Auch Guido Boveleth, Bäckermeister in Bedburg, Obermeister der Bäcker-Innung Köln/Rhein-Erft und seit über 20 Jahren Chef eines 1911 gegründeten Familienbetriebs, sieht die Zukunft finster. „Backstationen beim Discounter verkaufen in Mischkalkulation oft unter Preis und locken damit Kunden an. Jede Preiserhöhung sortiert dagegen bei uns Kundschaft aus.“ Höhere Löhne und Kosten seien „kaum noch auf die Kundschaft umzulegen“, klagt er. „Auf lange Sicht geht es wie mit Sattlern und Schustern: Es gibt nur noch ganz wenige Spezialisten“, unkt Boveleth. Qualität werde seltener gekauft. Daher werde es Bäcker, die alles haben „bald nicht mehr geben“. Ein weiterer Wettbewerbsvorteil der Supermärkte sei der Faktor Zeit, teilt die Kölner Bäcker-Innung auf Anfrage mit. Unter anderem gut erreichbare Parkplätze seien „ein entscheidender Standortvorteil“.
Es sei bequemer, den Backwarenkauf direkt mit dem Wocheneinkauf zu verbinden. „Wenn dadurch spürbar Zeit gespart wird, rückt der Unterschied der Qualität zwischen Backhandwerk und industrieller Massenware für viele Kunden in den Hintergrund“. Bei der Innung sind aktuell im Rhein-Erft-Kreis 14 Betriebe organisiert. 2016 waren es noch 24, 2006 immerhin 41. Seit 1980 haben in Köln und Rhein-Erft rund 450 Bäckereibetriebe aufgegeben.
44 Familienunternehmen sind laut Boveleth noch übrig. Vater und Sohn Immerath denken dennoch ebenso wie Boveleth nicht ans Aufhören, sondern fordern Unterstützung etwa durch gesenkte Energiepreise. „Das wurde vom Bund angekündigt, aber dann doch nicht umgesetzt“, klagt Willi Immerath. „Mann weiß nicht, was die Zukunft bringt. Die Würfel fallen heutzutage sehr schnell“, so Boveleth.
