Borr/Scheuren litt lange unter langsamem Internet, bis die Bürger mobil machten. Davon zeugt ein grauer Verteilerkasten.
Ein aberwitziges ProjektKonrad Alter hat einen ungewöhnlichen Lieblingsplatz in Erftstadt

Zum sichtbaren Zeichen für eine mutige und tatkräftige Gemeinschaft ist der graue Glasfaserverteilerkasten für Konrad Alter geworden.
Copyright: Oliver Tripp
Der Blick zwischen den Ortschaften Borr und Scheuren erstreckt sich bis zum Horizont nur über Felder. Hier an der Valderstraße, im südlichsten Winkel des Rhein-Erft-Kreises, steht ein Verteilerkasten für das Glasfasernetz. Das graue Kunststoffgehäuse ist längst von Wind und Wetter verblichen. Nahezu unscheinbar wirkt es gleich neben dem weitaus wuchtigeren Steuerungskasten der Hebeanlage, die die Scheurener Abwässer mangels eigener Kanalisation über ein einzelnes Rohr in das Borrer System pumpt.
Am Glasfaserverteilerkasten ist der Lieblingsplatz von Konrad Alter. Dem heutigen Sprecher der Dorfgemeinschaft Feuerwehr Borr, kurz DFB, ist der Platz zum Sinnbild geworden. Es sei ein sichtbares Zeichen, welch „aberwitzige Projekte“ gelingen können, wenn nur eine entschlossene Gemeinschaft „mutig und tatkräftig“ die Dinge selbst in die Hand nehme – allen Widerständen zum Trotz. So sei es 2018 gewesen, als immer mehr Menschen die langsame Internetverbindung des einzigen, regionalen Anbieters aus der Eifel bemängelt hatten.
Hat Borr/Scheuren kein Recht aufschnelles Internet?
Messungen hätten damals spärliche zwei bis vier Megabit pro Sekunde aus der kupfernen Telefonleitung ergeben, gespeist von einer einzigen Richtfunkstation. „Das ist sehr weit draußen“, so hatten namhafte Internet-Provider den Bau besserer Anschlussmöglichkeiten als unwirtschaftlich abgelehnt. „Wir mussten lernen, dass es kein Recht auf schnelles Internet gibt“, sagt Konrad Alter.

Der Blick schweift am südlichsten Punkt des Rhein-Erft-Kreises über Felder bis zum Horizont, es geht ländlich in Borr und Scheuren zu.
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Bis in den Rat der Stadt Erftstadt habe es ein Antrag auf Breitbandausbau geschafft, mit Aussicht auf Finanzierung aus öffentlichen Mitteln, schildert er. Einzig der schon bekannte regionale Anbieter habe auf eine Ausschreibung reagiert und gleich Einschränkungen gemacht: Scheuren müsse leider auf eine Anbindung verzichten. Zudem habe die alte Richtfunkstation weiter die neue Leitung speisen sollen, statt Glasfaser bis zum nächsten, 15 Kilometer entfernten Einspeisepunkt in Euskirchen zu verlegen.

Auch ein ausgemustertes Feuerwehrauto dreht hier bisweilen noch seine Runden.
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Der eigens gegründete Verein „Scheuren online“ bot an, die Breitbandleitung nach Scheuren selbst verlegen zu wollen, ohne Erfolg. Erst eine Anfrage per E-Mail beim „Weltkonzern Vodafone“ habe den Durchbruch gebracht. Die Besiedelung im Ort Borr sei dicht genug für die lohnenswerte Verlegung eines Glasfasernetzes mit Anschluss in Euskirchen, habe von dort die frohe Botschaft gelautet. Bis Scheuren könne der Verein gerne selbst die Leerrohre legen.
Das Breitbandfieber habe die Orte dann erfasst, erinnert sich Alter. Zur Versammlung im Dorfgemeinschaftshaus mit dem internationalen Telefonanbieter hätten Interessenten den Raum bis in die Fenster besetzt und denen, die draußen geblieben waren, zugerufen, was gerade drinnen verhandelt wurde.
Mit Hilfe zweier Trecker und eines Kabelverlegepfluges hätten Vereinsmitglieder im April und Mai 2018 die Rohre entlang der Feldwege von Borr in gut 1,8 Kilometer Entfernung an den Rand Scheurens verlegt. Im Bereich der asphaltierten Rövenicher Straße musste es ohne Pflug gehen.
Er selbst sei bei denen gewesen, die mit Spitzhacken und Schaufeln den Kanal für die Anbindung von etwa 35 Haushalten ausgeschachtet hätten. „Im September 2018 hatten die Borrer und die Scheurener endlich Empfang. Schnelles Internet mit mehr als 1000 Mbps – das erste flächendeckende Breitbandinternet im Kreisgebiet“, so Konrad Alter.
