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Zwei Menschen starben
Hürther Todesfahrt: Frage nach dem „Warum“ schwebt über allem

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3 min
Der Angeklagte (r.) und sein Anwalt Marc Donay kommen zu Beginn eines Prozesses wegen fahrlässiger Tötung in einen Verhandlungssaal im Landgericht Köln.

Der Angeklagte (r.) und sein Anwalt Marc Donay kommen zu Beginn eines Prozesses wegen fahrlässiger Tötung in einen Verhandlungssaal im Landgericht Köln.  

Die ersten Prozesstage um den tödlichen Unfall im Juni 2025 haben diese Frage nicht beantworten können. Ob dies jemals geklärt werden wird?

Es geht um eine Frage. Nur um diese einzige:

Warum?

Sie hatten doch alles richtig gemacht: Die Mädchen und Jungen aus einer vierten Klasse der Carl-Orff-Grundschule in Hürth trugen auf dem kurzen Weg zum Sportplatz neongelbe Warnwesten am Körper. Sie überquerten die Frechener Straße bei „Grün“.

Wie konnte es dennoch geschehen, dass im Juni 2025 ein 20-Jähriger mit seinem Auto über die Kreuzung gefahren ist, deren Ampel vier Sekunden „Rot“ gezeigt haben soll, und mehrere Menschen aus der Gruppe mit den Schulkindern, deren Lehrern und Betreuern erfasste?

Hürth: Einen technischen Defekt schließen die Gutachter aus

Es war ein angenehm warmer Juni-Tag, Temperaturen etwas über 20 Grad. Es war leicht bewölkt, die Straße war trocken. Der Fahrer in seinem BMW hatte offenkundig freie Sicht, das Gras, das die Straße säumt, soll nach Zeugenaussagen nicht dafür gesorgt haben, dass er die Fußgänger nicht gesehen haben könnte – so jedenfalls stellt es sich nach den beiden ersten Verhandlungstagen vor dem Landgericht Köln dar. Dort muss sich der 20-Jährige seit dieser Woche unter anderem wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Bei dem Unfall starben Avin (10) und der Schulbegleiter Luis (25).

Warum?

Einen technischen Defekt am 5er-BMW konnten Gutachter ausschließen. Die einzigen Beschädigungen an dem Wagen rühren vom Unfall her. Mit einer Geschwindigkeit zwischen 54 und 57 km/h soll der junge Mann frontal in die Gruppe geraten sein. Die schrecklichen Bilder dieses Zusammenstoßes und die Szenen danach werden die Zeugen, die bisher ausgesagt haben, nicht wieder vergessen. Viele von ihnen kämpften im Gerichtssaal mit den Tränen, stockten in ihren Schilderungen des Unfalltages oder nahmen das Angebot des Vorsitzenden Richters dankend an, die Sitzung zu unterbrechen. Einige, die den Unfall mit ansehen mussten, versuchen mithilfe psychologischer Unterstützung das Geschehen zu verarbeiten.

An der Unfallstelle erinnern zwei Figuren an Avin und Luis.

An der Unfallstelle erinnern zwei Figuren an Avin und Luis.

Warum passierte der Unfall dann?

Der 20-Jährige war weder betrunken, noch stand er unter Drogen. Dass er mit seinem Handy beschäftigt und daher für die wenigen Sekunden, die über Leben und Tod entschieden, abgelenkt war, konnte ihm das Gericht bisher nicht nachweisen.

Warum?

Diese Frage quält die Familien von Avin und Luis seit bald einem Jahr. Die Antwort darauf hat für sie keine geringere Bedeutung als die Hoffnung darauf, dass das Gericht Anfang Juni – so der Plan eingehalten werden kann – ein gerechtes und angemessenes Urteil sprechen wird. Damit geht ihr Wunsch einher, das Unbegreifliche wenigstens ein Stück weit zu begreifen. Sie wollen nichts mehr als eine plausible und ehrliche Antwort darauf, welche Faktoren dazu geführt haben, dass zwei geliebte junge Menschen ihr Leben verloren.

Der Angeklagte hat zu Prozessbeginn die Antwort nach dem „Warum“ gegeben. Über seinen Verteidiger ließ er wissen: Die Ampel habe Gelb gezeigt, und als er in die Kreuzung einfuhr, habe er seinen Blick nach links gewandt, um sicher zu sein, dass keine Autos von der Theresienhöhe auf die Frechener Straße abbiegen. Dann sei es zum Zusammenstoß gekommen. Was er zutiefst bedauere und dass er sein Leben für das von Avin und Luis geben würde.

Warum?

Möglicherweise wird diese Frage mit Abschluss des Verfahrens offen bleiben. Was es für alle Beteiligten schwierig macht abzuschließen – sofern das überhaupt möglich ist.