Vor allem ein Thema hätten die sechs Anwärter auf das Bürgermeisteramt mehr in den Fokus nehmen sollen.
KandidatenübersichtPolitik trumpft im Wahlkampf in Kerpen mit Überraschungen auf

Auf dem Foto ist das Kerpener Rathaus zu sehen.
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Als Dieter Spürck 2020 Bürgermeister wurde, war das Wahlergebnis denkbar knapp: Erst in der Stichwahl setzte sich der Amtsinhaber gegen Andreas Lipp (SPD) mit einem Vorsprung von 3,6 Prozent durch. Seit 2015 ist Spürck Bürgermeister der Stadt Kerpen, nach zahlreichen Überraschungen im Wahlkampf Anfang des Jahres steht seit einigen Monaten fest: Eine erneute Amtszeit des CDU-Kandidaten wird es in dieser Wahlperiode nicht geben.
Aber auch Lipp tritt trotz seines überraschend guten Ergebnisses vor fünf Jahren von 48,2 Prozent (Spürck: 51,8 Prozent) der Stimmen nicht wieder an. Was sich sonst noch in diesem Jahr geändert hat, welche Strategien die Parteien im Wahlkampf an den Tag legen und wer am Ende Bürgermeister werden könnte - darum soll es im Folgenden gehen.
Kerpen: So sahen die Ergebnisse der vorigen Kommunalwahlen aus
Der Kerpener Stadtrat spiegelte 2020 die bundesweite Stimmung im Kleinen wider: CDU und SPD verloren im Vergleich zur vorigen Wahl an Sitzen (CDU 2020: 17, 2014: 19, SPD 2020: 12, 2014: 15), Grüne und AfD gewannen Sitze hinzu (Grüne 2020: 8, 2014: 5, AfD 2020: 2, 2014: 0). Die Wahlbeteiligung lag 2020 bei 51 Prozent.
Sollte die Stadtbevölkerung weiter dem Bundestrend folgen - was durch die zeitlich dicht liegende Bundestagswahl denkbar ist, so könnten die beiden großen Parteien, aber womöglich auch die Grünen und die FDP in diesem Jahr an Stimmen verlieren, während die Parteien an den linken und rechten Rändern weitere Stimmen dazugewinnen. Hier lohnt sich ein Blick auf die Bürgermeisterkandidaten.

Annika Effertz ist die Grünen-Bürgermeister-Kandidatin in Kerpen.
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Die Grünen könnten dem deutschlandweiten Trend in Kerpen entgehen. Nicht nur ist die Kolpingstadt durch den Tagebau ein dankbares Pflaster für Grüne, auch stellt die Partei eine starke Bürgermeisterkandidatin auf. Annika Effertz fällt durch gemäßigte Standpunkte auf, etwa wirtschaftsliberale Kernthemen wie die Förderung und Ansiedlung von Unternehmen.
Sie steht für den Teil der Partei, der bereits in der bürgerlichen Mitte angekommen ist, gleichzeitig aber auf kommunalen grünen Schwerpunktthemen beharrt, wie etwa eine Ablehnung der Gewerbeentwicklung im Kerpener Süden. Juristinnen und Juristen gelten zudem klassischerweise als geeignete Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters oder der Bürgermeisterin.
Effertz ist neben der persönlichen Präsenz auch in den sozialen Netzwerken aktiv. Ansprechbar für Bürger zu sein, ist sicherlich sinnvoll, im Kleinparteien-Duktus mit politischen Gegnern in Facebook-Kommentaren zu diskutieren, womöglich weniger. Dennoch ist Effertz eine der stärkeren Kandidatinnen in dieser Wahl.
Zerwürfnisse und unerwartete Wendungen bei der Kerpener CDU
Ganz anders als sie zeigt sich der Kandidat der CDU, Harald Stingl. In den sozialen Medien herrscht bei ihm Zurückhaltung, Kontakt zu den Wählern besteht vornehmlich bei durch die aktuelle Fraktionsspitze (hier heißt es bewusst nicht Parteispitze) organisierten Veranstaltungen. Stingls Kandidatur hat wohl die meisten Kerpener überrascht. Die CDU hat es sich nicht leichtgemacht: Erst stellte sie Dieter Spürck erneut auf. Kurz darauf zog sich dieser aus gesundheitlichen Gründen aus Verwaltung und Politik zurück.
Es schien, als sei nun die Glanzstunde des damaligen Parteichefs Addy Muckes gekommen. Er hatte schon einmal Bürgermeister werden wollen, als sich Spürck 2020 schon mal vor der Wahl zurückgezogen hatte - damals aus Angst um seine Familie. Doch dann war Spürck überraschend in den Wahlkampf zurückgekehrt und Muckes' Kandidatur vom Tisch. Und auch in diesem Jahr sollte es nicht sein, denn plötzlich tauchte ein Gegenkandidat auf: der Pressesprecher der Stadt Kerpen, Harald Stingl.

Harald Stingl siegte in der Wahl um die CDU-Bürgermeisterkandidatur gegen Addy Muckes.
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Aus CDU-Kreisen wurde schnell bekannt, dass Fraktions- und Parteispitze ihre Differenzen haben. Und so trat wenige Wochen vor der Wahl des Kandidaten Harald Stingl in die CDU ein und gewann haushoch gegen Muckes. Der legte nach dieser Klatsche sein Amt als Parteivorsitzender nieder und gab bekannt, sich auf seine Arbeit im Kreistag fokussieren zu wollen.
Die Art, wie Stingl gewählt wurde, wirft Fragen auf. Seine Kandidatur wird für viele Wähler einen schalen Beigeschmack haben. Viele Stammwähler wird das aber nicht davon abhalten, die Kreuzchen wie üblich zu setzen. Die CDU ist immer noch stärkste Kraft in Kerpen. Stingl kann sich gute Chancen auf den Sieg ausrechnen. Inhaltlich macht die CDU im Wahlkampf Sicherheit zu einem ihrer Kernthemen, Stingl setzt vor allem auf eine Optimierung des Verwaltungsapparats, begründet in seiner langjährigen Laufbahn im Öffentlichen Dienst.

Thomas Jurczyk (SPD) geht nicht nur mit klassisch sozialdemokratischen Themen an den Start.
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Einen überraschenden Kandidaten brachte die SPD ins Rennen: Soldat Thomas Jurczyk. Inhaltlich setzt er auf eine Mischung klassischer sozialdemokratischer Themen wie bezahlbares Wohnen, aber auch mittigen oder wirtschaftsliberale Positionen wie die Stärkung der lokalen Wirtschaft, unter anderem auch durch mehr Arbeitnehmerleistung.
Jurczyk fiel vor allem durch ungewöhnliche Wahlkampftaktiken auf, wie etwa das Bedrucken von Jacken mit dem eigenen Namen und der Information über die Kandidatur. Die SPD dagegen setzt derzeit vor allem in den Ortsvereinen auf eine Flut an Anträgen und Anfragen zu lokalsten Themen, wie Mängel an verschiedenen Spielplätzen. Die Strategie wirkt nicht geschlossen, der Kandidat eher blass. Auch die SPD kann jedoch klassisch auf eine gewisse Stammwählerschaft bauen.

Christian Pohlmann (FDP) will Bürgermeister in Kerpen werden.
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Mit Dr. Christian Pohlmann bringt die FDP sicherlich jemanden mit Ausstrahlung ins Rennen. Inhaltlich ist Pohlmann wirtschaftlich klassisch liberal, gesellschaftlich progressiv, setzt auf eine Stärkung der Wirtschaft vor Ort, eine Optimierung des Verwaltungsapparats und der Beschränkung der städtischen Einflussnahme in das Privatleben der Bürger.
Pohlmann hätte womöglich die Chance gehabt, unentschlossene Wähler durch das politische Spektrum hinweg abzuholen, war dafür aber vermutlich zu wenig präsent. Fernab dessen fiel die FDP in den vergangenen Monaten ähnlich wie die SPD eher mit einer massiven Antragsflut für kleinteiligste Themen auf. Es bleibt abzuwarten, ob das die Wähler überzeugt.

Alessa Flohe geht für die Piraten ins Rennen.
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Eine besonders junge Kandidatin ist die 29-jährige Alessa Flohe (Piraten). Obgleich sie ähnlich wie Stingl auf weitreichende Verwaltungserfahrung zurückblicken kann, und Digitalisierung sowie Transparenz der Verwaltung zu ihren Kernthemen macht, zeigt sie sich inhaltlich teils ideologisch, vertritt etwa die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. Die Aussichten auf einen Wahlsieg werden sicherlich in einigen Jahren steigen, in diesem Jahr wäre das aber eine Überraschung.

Andreas Erdmann ist parteiloser Bürgermeisterkandidat für Kerpen.
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Auf einen völlig anderen Ansatz setzt der parteilose Kandidat Andreas Erdmann, der vom BBK aufgestellt wurde. Er betont, dass er keiner Partei angehöre und damit keiner Ideologie folge. Seine Themen sind etwa die Sauberkeit in der Stadt und die Effizienz und Transparenz der Verwaltung. Erdmann fällt vor allem durch Videos in den sozialen Netzwerken auf, die inhaltlich weitestgehend nichtssagend bleiben. Erdmann fehlt es an Etikette - nicht immer ist es von Vorteil, mit Politik sonst gar nichts am Hut zu haben.
Es bleibt fraglich, warum die Kandidaten keinen größeren Fokus auf die Hebesätze der Grundsteuer B gelegt haben, obgleich es eines der entscheidendsten politischen Themen der vergangenen Monate war.
Vermutlich wird es ab September weitergehen mit einer Stadtverwaltung unter Stingl. Nicht aus Überzeugung vieler Wähler, sondern aus Mangel an ernstzunehmenden Alternativen. Allerdings kann es auch immer wieder zu Überraschungen kommen - vor allem in Kerpen. Sollte dem so sein, so ist diese Überraschung wohl am ehesten bei der Kandidatin der Grünen zu erwarten.