Die Historikerin kommt zum alten Friedhof, um Ruhe zu finden. Und sie entdeckt dort immer wieder Geschichten aus Brauweilers Vergangenheit.
Mein Lieblingsplatz200-jährige Geschichte des Brauweiler Friedhofs fasziniert Annette Gregor

Wer den alten Friedhof vom Friedhofsweg aus betritt, wird unmittelbar von der 200-jährigen Geschichte des Ortes eingefangen.
Copyright: Maria Machnik
Der alte Friedhof in Brauweiler ist für Annette Gregor ein Ort, an dem sie zur Ruhe kommt – und wo sie zugleich immer wieder etwas Neues entdeckt. Er sei ein idealer Ort, um Zugang zur Geschichte zu finden. „Was ich tatsächlich an diesem Ort schätze, ist, dass man hier nachmittags und abends eine absolute Ruhe hat.“
Pulheim: Ein Ort der Beständigkeit
Als Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Gutenberg-Gymnasium in Bergheim erlebt sie im Schulalltag eher das Gegenteil. „Da ist immer Leben.“ Das mache den Beruf schön, sagt sie, aber auch anstrengend: Ständig werde sie angesprochen, sie müsse Entscheidungen treffen und sei von Stimmen und Geräuschen umgeben, werde „beschallt“, wie sie es formuliert. „Hier will niemand etwas von mir, hier ist es friedlich.“
Auch auf dem alten Friedhof schalte sie nicht hundertprozentig ab, doch es falle ihr leichter, die Gedanken einfach mal laufen zu lassen. „Manchmal passiert es mir durchaus, dass ich abschalte, ohne es zu merken“, sagt sie und lacht. Sie schaue dann einfach in die Landschaft, bis ein Geräusch oder ein Vogel sie wieder zurückhole. Zu Hause käme sie nicht auf die Idee, eine Weile herumzusitzen und nichts zu tun. „Aber hier ist man ein bisschen im Off.“
Ich verbinde das Nützliche mit dem Angenehmen
Für Annette Gregor ist der Friedhof, der 1810 angelegt wurde, ein Ort der Beständigkeit. „Ich liebe das Alte hier, das Gewachsene, das Historische, die alten Bäume, die alten Grabsteine, es sind auch neuere Gräber dazwischen, aber man sieht, dass man hier an einem Ort mit 200-jähriger Geschichte ist.“ Von ihrem nur fünf Minuten entfernt liegenden Wohnort in Dansweiler kommt sie auf dem Weg zur Abtei oder zum Einkaufen fast automatisch am Eingang am Friedhofsweg vorbei – und nimmt sich Zeit für einen Abstecher. „Ich verbinde das Nützliche mit dem Angenehmen.“
Schon als Kind und Jugendliche ging Annette Gregor, die in Brauweiler aufgewachsen ist, gerne über Friedhöfe. Sie fand es spannend, alte Grabsteine anzuschauen. Das macht sie auch heute noch. „Ich gucke mir manchmal die Daten auf den Grabsteinen an und frage mich: Was war das für eine Zeit? Welche Gegenwart hatten diese Menschen?“, sagt sie und zeigt auf das Grab eines Mannes, der 1894 geboren wurde und 1968 gestorben ist.

Annette Gregor am Grab des Heimatdichters Anton Liethen. Mit ihm und seinem Werk möchte sich die Historikerin auch noch beschäftigen.
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Annette Gregor vom Vorstandsteam des Vereins für Geschichte Pulheim sinniert darüber, was diese Daten über sein Leben verraten. „Als diese Person 20 war, brach der Erste Weltkrieg aus. Und was war in den 60er-Jahren los, worauf blickte diese Person zurück? Es ist interessant, auf die Daten zu gucken, zu überlegen, was für ein Mensch der Verstorbene gewesen sein mag, und die Gedanken fließen zu lassen.“
Auch die Bilder auf manchen Grabsteinen ziehen ihre Aufmerksamkeit auf sich. „Sie verraten das Bedürfnis der Hinterbliebenen, der oder dem Verstorbenen ein Gesicht zu geben, sie oder ihn weniger in Vergessenheit geraten zu lassen.“ Bei den Kindergräbern sieht Annette Gregor dagegen bewusst weg. „Mir geht es nicht darum, mich mit diesen Einzelschicksalen, mit der Tragik und der Trauer der Familien auseinanderzusetzen.“ Durch ihre Arbeit in der Schule wäre die Nähe zu den eigenen Schülerinnen und Schülern für sie zu bedrückend. „Mir dann eins zu eins vorzustellen, dieses Kind ist in dem und dem Alter gestorben, was wäre wenn, das möchte ich nicht.“
Buch bietet Hilfestellung
Gerne sitzt Annette Gregor auf einer der Bänke und liest ein Buch – einen Roman, einen Krimi oder etwas Historisches. „Ich lese immer noch sehr gerne und finde es immer noch schön, in einem Buch zu blättern.“ Eines, in das sie sich auf dem Friedhof gerne vertieft, ist ein Büchlein über den Gedenkort „Friedhof Brauweiler“. „Es bietet eine Einordnung und eine Hilfestellung.“
Und man erfahre noch mal mehr über die osteuropäischen Zwangsarbeiter, die polnischen Displaced Persons, die die Nationalsozialisten verschleppt, als Zwangsarbeiter eingesetzt oder gefangengenommen hatten, sowie die Brauweiler Gestapo-Opfer und die Opfer des Krieges, die alle in Brauweiler ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Im Sommer kommt Annette Gregor etwa zweimal in der Woche hierhin. Sie liebt das Spiel von Licht und Schatten im Sommer, die Stimmung im Herbst, wenn morgens Nebelschwaden über dem Boden liegen. „Das ist schon ein traumhaftes Licht.“ Der alte Friedhof ist für Annette Gregor kein Ort, an den sie geht, um ein Problem zu lösen. Er hilft ihr vielmehr, die Dinge wieder ins rechte Maß zu rücken.
„Hierher zu kommen erdet. Man regt sich über Banalitäten auf, aber die spielen hier keine Rolle mehr.“ Zwischen den alten Bäumen und Gräbern wird ihr bewusst, wie viel Leben und Geschichte dieser Ort schon gesehen hat. Und genau das macht ihn für Annette Gregor zu ihrem Lieblingsplatz.
