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„Ich bin nicht die einzige“Selbsthilfegruppe für Mütter in postpartalen Krisen trifft sich in Eitorf

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Eine Frau hält ein Baby.

Psychische Krisen nach der Geburt treffen nicht wenige Mütter. 

Nach der Geburt fühlte sich Jelena Mallick mit ihren Problemen allein. Der Austausch in einer Selbsthilfegruppe hilft ihr und anderen Müttern.

Jelena Mallick (33) aus Eitorf ist seit etwa einem Jahr Mutter. Die Zeit nach der Geburt lief jedoch anders, als sie es erwartet hatte: „In den ersten Monaten hatte ich psychisch und emotional starke Schwierigkeiten durch diese neue Lebenssituation.“ Sie schaute sich nach Selbsthilfegruppen um und fand eine für Mütter mit Depressionen in Bonn. Doch diese wurde Anfang des Jahres nicht fortgeführt, „und das war genau die Zeit, in der ich Hilfe gebraucht hätte“. So kam ihr der Gedanke, selbst eine Gruppe zu gründen, und sie wandte sich an die Selbsthilfekontaktstelle.

Heute trifft sich ihre neu gegründete Selbsthilfegruppe „Hand in Hand - Gemeinsam durch postpartale Stimmungskrisen“ alle 14 Tage in Eitorf. Mallick selbst geht es mittlerweile deutlich besser, dennoch ist es ihr wichtig, auch anderen Müttern die Möglichkeit zum Austausch zu bieten, „weil man mit diesem Thema doch recht isoliert ist“. Vor den Sommerferien fanden die ersten Treffen statt. Mittlerweile sind es vier Mütter, die sich regelmäßig treffen. „Es ist also aktuell eine kleine Gruppe, die noch wächst. Wir freuen uns über weitere Mitglieder mit neuen Perspektiven, da wir voneinander vieles lernen können.“  

Über Schwierigkeiten nach der Geburt wird wenig gesprochen

Die Mitglieder kommen auch aus anderen Teilen des Rhein-Sieg-Kreises und der Region nach Eitorf. „Man braucht dabei natürlich auch jemanden, der in der Zeit auf das Kind aufpasst – für viele der Frauen ist es also ein großer Aufwand, zur Gruppe zu kommen. Aber das ist es wert“, sagt Jelena Mallick. Aus diesem Grund finden die Treffen alle zwei Wochen statt. Die Gruppe ist ausschließlich für Mütter gedacht. „Für Eltern im Allgemeinen gibt es andere Anlaufstellen. Als Mutter durchläuft man aber ja auch diese ganzen körperlichen und hormonellen Veränderungen – und ich denke, damit haben auch viele der psychischen Herausforderungen zu tun“, erklärt Mallick.

Jelena Mallick (33) aus Eitorf ist seit einem Jahr Mutter und hat eine Selbsthilfegruppe für Frauen in postpartalen Krisen gestartet.

Jelena Mallick (33) aus Eitorf ist seit einem Jahr Mutter.

Von den Teilnehmerinnen bekomme sie bisher das Feedback, dass die Gruppe eine große Erleichterung sei. „Viele haben den Eindruck, wenn sie mit anderen Müttern oder Eltern sprechen, ist da einfach nicht der Raum, auch über Schwierigkeiten oder negative Emotionen zu sprechen“, schildert Mallick. 

Nicht wenige Mütter fühlen sich einsam

Ein oft besprochenes Thema in der Gruppe sei die Isolation, die viele Mütter in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt erlebten. „Viele sind erstmal zu Hause, vielleicht auch allein mit dem Kind, und tragen dann gleichzeitig eine große Verantwortung“, sagt Mallick. „Dann kann man viele Dinge nicht mehr tun wie vorher, man geht nicht mehr zur Arbeit, kann nicht mehr im gleichen Ausmaß wie vorher Freundinnen und Freunde treffen. Man beschäftigt sich – natürlich – vor allem mit dem Kind.“ Für sie sei damit ein starkes Gefühl der Einsamkeit einhergegangen. 

„Plötzlich kann man auch den eigenen Grundbedürfnissen nicht mehr wirklich nachkommen; das fängt bei Fragen an wie, wann gehe ich auf Toilette, wann gehe ich duschen?“ Dazu kommen auch hormonell bedingte emotionale Stimmungstiefs, die bis zu einer postpartalen Depression reichen können. Durch die hohe Belastung entstehen nicht selten zusätzliche Schwierigkeiten in der Partnerschaft.

Unrealistische Erwartungen an Mutterschaft durch soziale Medien

„Mir und vielen anderen ging es so, dass wir einen enormen Druck verspürt haben, jetzt alles richtig zu machen“, erzählt Mallick. „Man hat ja vorher auch bestimmte Vorstellungen und Ziele, zum Beispiel, was das Stillen angeht; und dann kommt es doch ganz anders. Man hat massiven Schlafmangel, es ist körperlich super anstrengend, und das passt so gar nicht zu dem, was man erwartet hat und was einem auch in sozialen Medien präsentiert wird.“ Währenddessen prasselten Kommentare auf Mütter ein, dass man diese erste Zeit mit dem Kind doch genießen solle. „Dann kommt die Frage auf: Ist mit mir irgendwas verkehrt, dass ich das alles so anstrengend finde?“ 

Es gebe starke gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie Mutterschaft zu sein habe. Auch in sozialen Medien werde dieses Bild oft romantisiert. Zusätzlich seien diese Plattformen voll mit Ratschlägen und Informationen, wie man was als Mutter tun solle. „Ich bin der Überzeugung, dass sehr, sehr viele Mütter am Anfang Schwierigkeiten haben. Dadurch, dass aber nicht darüber gesprochen wird, hat man das Gefühl, alle anderen kriegen das super hin – denn auch nur das wird ja gezeigt.“ 

Dadurch, dass aber nicht darüber gesprochen wird, hat man das Gefühl, alle anderen kriegen das super hin - denn auch nur das wird ja gezeigt.
Jelena Mallick

Auf der anderen Seite werde man als Mutter auf vieles nicht ausreichend vorbereitet. „Los geht das schon bei der Schwangerschaft: Dann hat man plötzlich Symptome, von denen man vorher noch nie gehört hat.“ Ihr und weiteren Teilnehmerinnen der Gruppe habe es vor allem geholfen, zu merken, dass sie nicht allein seien mit ihren Problemen. „Es entlastet schon total, zu merken: Ich bin nicht die einzige, ich bin nicht verrückt, und meine Reaktionen sind normal.“ 

Vor allem wünsche sie sich mehr gesellschaftliches Verständnis dafür, welche enorme Veränderung hinter dem Mutterwerden stecke und dass es Zeit brauche, um in diese Rolle hineinzuwachsen. „Für mich ist es nicht realistisch, dass das Kind geboren wird, und zack – ich fühle mich 100 Prozent wie eine Mama. Das ist ein Prozess, der Monate dauern kann, und in dieser Zeit macht man einiges an Persönlichkeitsentwicklung durch.“ Sie spricht das Konzept der „Muttertät“ an, ein an „Pubertät“ angelehnter Begriff. „Dahinter steht der Gedanke, dass Mutterschaft ähnlich wie die Pubertät ein Entwicklungsprozess ist, auch hormonell, der längere Zeit andauert und eben seine Höhen und Tiefen hat.“ 


Die Selbsthilfegruppe „Hand in Hand – gemeinsam durch postpartale Stimmungskrisen“ trifft sich alle 14 Tage donnerstags von 17 bis 18.30 Uhr im Familienzentrum Immergrün, Brückenstraße 33, Eitorf. Interessierte können sich unter shg.hih.eitorf@gmail.com anmelden.