Das Bewusstsein für die Gefahr sexueller Übergriffe an Karneval wächst langsam. Als erster Lohmarer Verein hat der KAZI ein Schutzkonzept erstellt.
PräventionsarbeitSo will der Lohmarer KAZI Kinder und Jugendliche vor Übergriffen an Karneval schützen

Eine Tanzgruppe der Rut-Wiess Maries beim Karnevalistenzirkel (KAZI) Lohmar (Symbolfoto).
Copyright: Karnevalistenzirkel Lohmar
Die Tanzgarde wirbelt herum, die Mariechen fliegen. Auf der Bühne steht ein Kind, das dem Sitzungspräsidenten nun traditionell einen Orden überreichen darf. Der Präsident beugt sich vor, das Publikum erwartet es fast automatisch – ein Bützchen, so wie immer, das gehört eben zur Tradition. Das Kind fühlt sich komisch, aber alle schauen zu. Jetzt nein sagen – geht das überhaupt? Ja.
„Leider passieren an Karneval häufig Dinge, die Kinder und Jugendliche als normal ansehen, auch wenn es sie schon stört“, sagt Daniela Kuhn. Dazu gehört das „obligatorische“ Bützchen beim Übergeben von Orden. Zentral sei, dass Kinder und Jugendliche früh lernen, dass sie in solchen Stuationen selbst ihre Grenzen ziehen dürfen. Dabei gehe es auch darum, präventiv schwerere Formen der sexuellen Belästigung oder des Missbrauchs zu verhindern. „Viele trauen sich nicht, etwas zu sagen, wenn sie sich nicht wohlfühlen – immerhin stehen sie auf einer Bühne.“
Seit Eklat in Sankt Augustin setzen sich mehr Karnevalsvereine mit Prävention auseinander
Daniela Kuhn ist Kinder- und Jugendschutzbeauftragte des Lohmarer Karnevalistenzirkels (KAZI). Als erster Karnevalsverein in Lohmar hat der Kazi ein umfassendes Schutzkonzept für Kinder und Jugendliche aufgestellt. Auch in anderen Teilen des Rhein-Sieg-Kreises haben sich Karnevalsvereine intensiv mit dem Schutz vor Belästigung und Übergriffen befasst, so gab es beispielsweise in Hennef bereits eine Plakat- und Postkartenkampagne zum Thema. Mittlerweile steige das Bewusstsein für die Gefahr sexueller Übergriffe an Karneval, ein Großteil der Vereine habe inzwischen eigene Schutzbeauftragte, so Kuhn. „Leider gibt es diesem Wandel seit erst etwa einem Jahr, vorher war das Interesse da nicht so stark.“

Der Verein auf einer Prunksitzung des KAZI mit allen aktiven Tänzern und Tänzerinnen sowie Elferrat, Senatoren und Vorstand. Davor steht die Arbeitsgruppe mit allen Betreuerinnen, die sich mit dem Thema Schutzkonzept auseinandersetzen. 2.v.r.: Daniela Kuhn, 3.v.r. Kristina Wingenfeld.
Copyright: Karnevalistenzirkel Lohmar
Als Auslöser sieht Kuhn den Eklat bei einer Sitzung der Sankt Augustiner Prinzengarde vor zwei Jahren. Der damalige Präsident der Prinzengarde hatte bei einer Ordensübergabe stark sexualisierte Bemerkungen gegenüber einem Mädchen im Grundschulalter gemacht. „Unsere Sitzungspräsidenten vom KAZI wissen, dass sie den Kindern kein Bützchen geben sollen, wenn sie ihnen einen Orden überreichen“, sagt Daniela Kuhn. „Viele dieser Dinge waren früher selbstverständlich. Es hat halt nie jemand drüber gesprochen, dass das vielleicht nicht in Ordnung ist.“
Kritisch seien vor allem Herrensitzungen, was potenziell übergriffige Situationen angehe. Wenn sie beobachte, dass eine Person sich insbesondere Kindern und Jugendlichen gegenüber unangemessen verhalte, sei der einzige Weg, das direkt anzusprechen, so Kuhn. Wichtig sei es auch, beispielsweise Trainer oder Eltern mit den Inhalten eines Schutzkonzeptes vertraut zu machen.
Viele trauen sich nicht, etwas zu sagen, wenn sie sich nicht wohlfühlen - immerhin stehen sie auf einer Bühne.
Das Schutzkonzept hat unter anderem Kristina Wingenfeld vom KAZI verfasst, die selbst Erzieherin ist. In Abstimmung mit dem Lohmarer Jugendamt habe der Verein es fertiggestellt, so Wingenfeld. „Seitdem haben sich häufig andere Lohmarer Karnevalsvereine an uns gewandt, die Rat gesucht haben.“
Zum Schutzkonzept des KAZI gehört es unter anderem, auf die Gestaltung der Uniformen von Kindern und Jugendlichen zu achten. Kürzlich habe sie bei einer Veranstaltung die Verantwortlichen darauf angesprochen, dass die Rocklänge für die Kinder einer Tanzgruppe sehr kurz war, erzählt Daniela Kuhn. „Es gibt Situationen, wo man sich aufwärmt, sich bücken und das Bein hochziehen muss“, sagt Kristina Wingenfeld. Ihr Verein achte auf entsprechende Hosen unter den Kleidern, um zusätzlichen Schutz vor dem Fotografieren unter Röcke zu bieten, was ohnehin verboten ist.
Betreuerinnen und Betreuer des KAZI müssen laut Schutzkonzept außerdem sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche geschützte und nach Geschlechtern getrennte Umkleidemöglichkeiten haben. Wenn das nicht möglich ist, können beispielsweise verschiedene Umziehzeiten eine Lösung sein. Wichtig sei vor allem, mit Kindern und Jugendlichen offen darüber zu sprechen, wie sie sich sicher fühlen, sagt Daniela Kuhn.
Seit sie selbst Schutzbeauftragte ist, habe es aber noch keinen Fall gegeben, in dem sie akut einschreiten musste, so Kuhn. Die Frage sei auch, ob die Kinder und Jugendlichen es ehrlich äußern würden, wenn sich jemand ihnen gegenüber verbal oder körperlich übergriffig verhält. „Ich denke schon, dass die Kinder da auf uns zukommen würden, aber da muss sich natürlich auch erstmal ein Bewusstsein für entwickeln“, so Kuhn. „Auch die Teenies kennen das Schutzkonzept ja jetzt noch nicht so lange.“
Für mehr Sicherheit: Im Lohmarer „Netzwerk Kinderschutz“ tauschen Vereine sich aus
Um gemeinsam am Kinder- und Jugendschutz in Lohmar zu arbeiten, hat sich im März 2025 das „Netzwerk Kinderschutz“ gegründet. Hier tauschen sich Vertreterinnen und Vertreter unter anderem aus verschiedenen Bereichen, unter anderem auch aus Karnevalsvereinen regelmäßig aus.
Kürzlich habe es ein Treffen des Netzwerkes in der Lohmarer Jabachhalle gegeben, um die Räumlichkeiten hinsichtlich der Gefahr von Übergriffen zu evaluieren, berichtet Daniela Kuhn. Beispielsweise gibt es in der Jabachhalle Toiletten, die weit abseits vom Rest des Geschehens sind. „Wenn dort ein junges Mädchen allein auf Toilette geht – würde es dann überhaupt jemand merken, wenn etwas passieren würde?“, fragt Daniela Kuhn. Die Beteiligten haben dann gemeinsam Empfehlungen an das Team der Jabachhalle formuliert.

