Abbas Obaid ist vor zehn Jahren aus dem Irak geflohen. In Niederkassel angekommen, entdeckte er sein Talent für das Schauspielern.
Im Kinofilm „Extrawurst“ zu sehenWie ein Niederkasseler mit Fluchtgeschichte zum Schauspielern kam

Abbas Obaid aus Niederkassel stand schon für mehr als 35 Filmprojekte vor der Kamera.
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In einem Tennisclub in einer Kleinstadt entbrennt eine Diskussion um die Anschaffung eines separaten Grills für das einzige muslimische Mitglied: Der Film „Extrawurst“ kam am Donnerstag, 15. Januar, in die Kinos. Neben Fahri Yardim, Christoph Maria Herbst und Hape Kerkeling ist auch ein Gesicht aus Niederkassel zu entdecken: Abbas Obaid, unter anderem Mitglied im Niederkasseler Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration, außerdem engagiert bei InterKultur und Niederkassel für Demokratie.
Der 35-Jährige ist aus politischen Gründen vor zehn Jahren aus dem Irak geflohen und lebt seitdem in Niederkassel. Erst in Deutschland hat er sein Talent und seine Freude am Schauspielern entdeckt, und das eigentlich durch Zufall. Im Jahr 2016 sah er den Dokumentarfilm „Iraqi Odyssey“ in einem Kino in Köln. In einem an die Filmvorführung anschließenden Gespräch fragte der Regisseur Samir ins Publikum, wer selbst eine Verbindung in den Irak habe – „und da habe ich auch meine Hand gehoben“, erinnert sich Obaid.
Auftritte im Kölner Tatort, dem Spielfilm „Rheingold“ und Köln 50667
So sei er später mit dem Regisseur ins Gespräch gekommen. „Er sagte: ‚Wir machen nächstes Jahr einen Film in Köln - möchtest du mitmachen?‘“, erzählt Abbas Obaid. „Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen muss oder worum es geht, aber ich habe gesagt, ‚klar, machen wir‘“. So kam es, dass er an der Produktion des Films „Baghdad in my Shadow“ mitwirkte. „Das war meine erste Erfahrung, bei der ich gesehen habe: Wow, so werden Kinofilme gemacht!“

Abbas Obaid bei der Premiere vom Kinofilm „Extrawurst“, der seit dem 15. Januar läuft.
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Heute habe er schon bei mehr als 40 Film- und Theaterprojekten Erfahrung gesammelt, manchmal als Komparse, manchmal mit kleiner Sprechrolle. Er stand unter anderem für „Alarm für Cobra 11“ vor der Kamera, für den „Tatort“, das ZDF Magazin Royale, „Köln 50667“, „Auf Streife“ und den Spielfilm „Rheingold“. Im Bonner Theater im Ballsaal wirkte er 2019 am Stück „Fühlingserwachen“ mit, in dem sich junge Menschen mit Fluchterfahrung mit dem Erwachsenwerden auseinandersetzten. „Dort hat mich der Regisseur ermutigt: Er meinte, dass ich Talent habe.“
Das Schauspielen sei für ihn eine doppelte Herausforderung gewesen; zum einen, weil er hier anfangs wenig Erfahrung hatte, zum anderen, weil er gerade Deutsch lernte und in seiner Muttersprache nie geschauspielert hatte. „Wir kommen in diese Welt, und es gibt so viele verschiedene Bereiche im Leben – wir wissen oft nicht, worin wir stark sind, weil wir es nicht ausprobiert haben“, sagt Abbas Obaid.
Wir wissen oft nicht, worin wir stark sind, weil wir es nicht ausprobiert haben.
Das Drehen von Filmen habe ihn von Anfang an fasziniert, nicht nur dann, wenn er selbst gerade vor der Kamera gestanden habe. „Du schaust auch sehr viel dabei zu, wie sich die Menschen vor und hinter der Kamera verhalten“, erzählt Obaid begeistert. „Wenn ich mir heute einen Film oder eine Serie anschaue, sehe ich sie ganz anders. Ich überlege, wie genau das aufgenommen wurde, wo der Schauspieler war, wie das am Set aussah.“

In „Extrawurst“ stellt Abbas Obaid einen Koch dar.
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Die Dreharbeiten zum Kinofilm „Extrawurst“ gehörten zu denen, die ihm am meisten Spaß gemacht hätten. „Das lag an der Atmosphäre am Set. Der Regisseur war immer gut gelaunt und hatte so viel Energie, das spürst du“, sagt Obaid und lächelt breit. „Er nimmt jeden am Set ernst, lacht mit jedem, ist sehr offen. Das hat mich motiviert.“
Abbas Obaid stellt in „Extrawurst“ einen Koch dar. Im fertigen Film ist er nur ein paar Sekunden lang zu sehen, sieben Tage war er dafür am Set in Leverkusen. Anfang Januar war er zur Weltpremiere mit rotem Teppich und allen Beteiligten eingeladen. Der Regisseur Marcus Rosenmüller habe sich auf der Bühne bei allen Komparsen bedankt und dabei das Kochteam hervorgehoben, erzählt Obaid: „Dann nannte er meinen Namen und den meiner Kollegin, und der ganze Saal hat geklatscht. Damit hätte ich nie gerechnet. Später beim Buffet fragte er mich, warum ich bei der Nennung meines Namens nicht auf die Bühne gekommen bin.“
Mafiaboss oder Türsteher: Abbas Obaid über stereotype Rollen
Abbas Obaid ist im Vorstand des Landesintegrationsrats in Düsseldorf, politisch aktiv bei den Grünen in Niederkassel und stellvertretend sachkundiger Bürger, engagiert sich in mehreren Initiativen der Geflüchtetenhilfe. Er arbeitet unter anderem als Security beim FC Köln, studiert BWL an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, ist in einer Schreibgruppe für Kunst und Politik aktiv und tanzt in seiner Freizeit Salsa und Bachata. Wie schafft er es, da noch Zeit für Filmdrehs zu finden? „Zeitmanagement musste ich früh lernen“, sagt der 35-Jährige. „Ich habe im Irak mit sieben Jahren angefangen zu arbeiten. Das Regime war durch das Wirtschaftsembargo unter Druck, alle mussten arbeiten. Trotzdem hatte ich gute Noten in der Schule und habe mein technisches Diplom absolviert.“
Wenn wir in Filmen immer Menschen mit dunklerer Haut als Teil des Problems zeigen, setzt sich das auch unbewusst in den Köpfen fest.
Mit dem Schauspielen möchte er auf jeden Fall weitermachen. Schade findet er, dass er wegen seines Aussehens oft vor allem stereotype Rollen angeboten bekommt. „Weil ich groß bin und einen langen Bart habe, bin ich dann zum Beispiel der Mafiaboss oder Türsteher“, sagt Obaid. „Ich freue mich, wenn ich auch mal eine ganz normale Rolle spielen kann. Beim Kölner Tatort war ich mal einfach der sympathische Mitarbeiter.“
Obaid betont den gesellschaftlichen Einfluss von Filmen und Serien: „Wenn wir in Filmen immer Menschen mit dunklerer Haut als Teil des Problems zeigen, setzt sich das auch unbewusst in den Köpfen fest. Aber wir können das ändern, wenn wir wollen. Die Frage ist: Wollen wir das wirklich?“ Gern würde er auch mal eine größere Rolle mit mehr Text spielen. „Ich kann mehr als die Komparsenrolle, gerade weil ich schon vieles gesehen und erlebt habe“, sagt Abbas Obaid. „Das würde ich gerne zeigen.“

