Der ehemalige Technische Beigeordnete hat ein Buch über sein Leben geschrieben, das nicht perfekt sein will, sondern echt.
„Leben zwischen Rathaus, Ramones und Reha“Rainer Gleß blickt hinter die Kulissen in Sankt Augustin

Rainer Gleß stellt sein erstes Buch mit dem Titel "Ein Leben zwischen Rathaus, Ramones und Reha" vor.
Copyright: Stefan Villinger
Ironie und Sarkasmus machen Rainer Gleß großen Spaß. Und davon ist in seinem Buch mit dem Titel „Hermano Blanco - Ein Leben zwischen Rathaus, Ramones und Reha“ viel zu finden. Unter dem Pseudonym Hugo Chaves wurde es veröffentlicht. Der ehemalige Technische Beigeordnete der Stadt Sankt Augustin hat die Zeit nach seiner Pensionierung genutzt, um „einen Blick hinter die Kulissen eines Lebens zu werfen, das nicht perfekt sein will, sondern echt“ - wie er es selbst formuliert.
Gleß ist in Leverkusen aufgewachsen und verrät, dass er in seiner Jugend einmal 50 Sozialstunden nach einer Polizeikontrolle habe ableisten müssen, weil er seine Vespa Bravo SC frisiert hatte. Wer hätte das von dem redlichen Beamten gedacht? In weiteren Anekdoten aus seiner Schulzeit geht es um die legendären Feten in der Pfarrgemeinde St. Alegundis und erste Freundschaften.
Für drei Mark Stundenlohn stand Rainer Gleß im Nebenjob bei Bayer in Leverkusen am Band
Für drei Mark Stundenlohn stand Gleß im Nebenjob bei Bayer am Band, um seinen Führerschein zu finanzieren. Dann ging es mit dem Abitur in der Tasche auf nach Portugal – allerdings mit der Bahn, weil die Strecke für das inzwischen erworbene Motorrad zu lang war. Wieder zurück in Deutschland, holte Gleß der Alltag ein, „der nicht aus Groupies, Gitarren oder Revolution bestand, sondern aus Bundeswehr, Studium und Formularen“. Für 140 Euro Monatsmiete zog er 1984 nach Berlin in eine 42 Quadratmeter große Studentenbude in Wedding „mit Klo auf dem Zwischengeschoss und Kohleheizung“.
Detailreich beschreibt er seine Zeit dort. Dazu gehören Fahrten mit dem Motorrad in die damalige DDR. Die Grenzöffnung am 9. November 1989 erlebte er in der geteilten Stadt mit. „Plötzlich standen Trabbis an jeder Ecke, es roch nach Zweitaktöl und nach Freiheit, die keiner so richtig einordnen konnte“, ist in dem Buch zu lesen. Gleß hatte zu jener Zeit eine Anstellung im Bauamt.
1992 ging es zurück ins Rheinland, „raus aus der Hauptstadtblase, rein ins solide Chaos zwischen Domplatte, Currywurst und Kölschglas“. 2001 folgte die Wahl zum Beigeordneten in Sankt Augustin, das er im Buch als „Rheinstadt“ bezeichnet. Diese anderen Bezeichnungen für reale Orte und Personen sind ihm wichtig, um die „ein oder anderen Dinge auch mal pointiert zu beschreiben, ohne dass es direkt in die Realität übertragen wird“, sagt Gleß im Gespräch mit der Redaktion.
Das scheint ihm allerdings nicht wirklich gelungen. Denn der beziehungsweise die ein oder andere im Rathaus haben sich schon erkannt. Sogar Bürgermeister Max Leitterstorf hat das Buch gelesen. „Ich musste über die ein oder andere Stelle schmunzeln“, berichtet er. Und das sei ja auch der Sinn dieses Buches, betont Gleß.
Der Leser entdeckt in dem Buch Dinge, die er selbst vielleicht auch so erlebt hat
Die 452 Seiten in Gleß Buch sind in acht Kapitel gegliedert. Einen gewichtigen Teil darin nimmt der schwerer Motorradunfall Rainer Gleß' ein. Humorvoll schildert er seine Erlebnisse im Krankenhaus und in der Reha. Aufs Motorrad hat er sich danach wieder gesetzt. „Stillstand ist schlimmer als jede Narbe“, umschreibt er sein Lebensmotto im Buch. Deshalb macht es Spaß, darin zu blättern. Vielleicht auch, weil man viele Dinge entdeckt, die man selbst ähnlich erlebt hat.
Hugo Chaves, Hermano Blanco: „Ein Leben zwischen Rathaus, Ramones und Reha“, Gabriele Schäfer Verlag, ISBN 978-3-910594-46-3, 25 Euro als Taschenbuch.

