Umstrittenes KulturphänomenGraffiti-Kunst polarisiert im Rhein-Sieg-Kreis bis heute

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Graffiti, Brücke und S-Bahn bei Buisdorf.

Graffiti an der Brücke und S-Bahn bei Buisdorf.

In der Reihe „Kunst und Brot“ ging es in der Siegburger Stadtbibliothek um ein umstrittenes Kulturphänomen.

In wenigen Augenblicken wird ein nüchterner U-Bahn-Waggon ganz anders aussehen, das Sprayerteam hat eine klare Arbeitsteilung. Einer hat die blaue, einer die schwarze, einer die gelbe Dose. Es muss schnell gehen, der Effekt maximal. Alle wissen genau, wie das Ergebnis aussehen soll, und wie lange die Polizei braucht, um vor Ort zu sein.

Alle kennen den kürzesten Fluchtweg, haben Bergsteigerausrüstung im Rucksack, um sich von einer Mauer abzuseilen. Schon auf dem Hinweg haben Magneten unter den Dosen das verräterische Klackern der Kugeln verhindert.       

Der Kulturpublizist, Blogger und ehemalige Redaktionsleiter dieser Zeitung Jürgen Röhrig und der Philosophiexperte Rüdiger Kaun hatten in die Stadtbibliothek eingeladen, um sich ihrer Reihe „Kunst und Brot“ einem faszinierenden Phänomen zu nähern, das des einen Freud, des anderen Leid ist: Graffiti und Streetwork. Röhrig gab Einblicke in eine vielfältige Subkultur zwischen Autonomie und Kommerz.

Sprayer Harald Naegeli etablierte Graffiti als Kunstform

Es ging um die ganze Bandbreite: Den geheimnisvollen Superstar Banksy, um „Tags“, riesige bunte Kürzel entlang der Bahnstrecke, die nur Insidern etwas sagen, oder Graffiti, die einem Skatepark erst das gewisse Etwas geben.              

Ein großes buntes Graffiti an einem ehemaligen Warenhaus.

Fassadengestaltung der Agentur „Lackaffen“ am Freizeitzentrum Happy Franky in Troisdorf.

Einer, der maßgeblich dazu beitrug, Graffiti als Kunstform zu etablieren, ist Sprayer Harald Naegeli. „Zwischen Gefängnis und Ehrenpodest“ habe der sich in seiner Karriere bewegt, schilderte Röhrig. „Gegen öde und geistlose Städte“ anzusprühen, das sei sein Verständnis gewesen, für das er immer wieder Haftstrafen in Kauf nahm.

In Siegburg ziert Naegelis Sprühbild Pegasus eine Wand des Stadtmuseums, bei der Kunstakademie war der „Sprayer von Zürich“ gern gesehener Gastdozent im Katholisch-Sozialen Institut auf dem Michelsberg.

Heute sind Graffiti überall im Rhein-Sieg-Kreis zu sehen

Wem gehört der öffentliche Raum? Die Frage werfen Sprayer mindestens seit einem halben Jahrhundert auf.  Röhrig verortet die Anfänge in den Ghettos US-amerikanischer Großstädte, wo in den 70er Jahren Rapper den passenden Soundtrack lieferten.

Heute sind Graffiti überall zu sehen, auf der S-Bahn, die die Siegbrücke quert, ebenso wie auf den Brückenpfeilern darunter. Lackaffen heißt die Agentur, die die bunte Fratze schuf, die auf dem neuen Freizeitcenter „Happy Franky“ am Eingang zur Troisdorf Fußgängerzone die Zähne zeigt, ein Kontrast zur filigranen und eleganten Stadttor-Großplastik von Victor Bonato und auch zur grauen Tristesse des Betonpflasters.

Unter anderem in Eitorf hat auch Jürgen Röhrig genau hingesehen und fotografiert. Dort wurden „Schmuddelecken“ am Bahnhof für das legale Sprühen freigegeben. Aber auch, zum Leidwesen der privaten Besitzer, Hauswände und Garagentore bunter, was nicht vorgesehen war.                 

Graffiti-Künstler kommen aus allen gesellschaftlichen Kreisen

Eine Entkriminalisierung ist nach Ansicht von Röhrig nicht in Sicht, nach langen Jahren, in denen viele Polizeibeamte zu echten Experten für Graffiti und deren Urheber geworden seien. Bis hin zu einem Sprayer und einer Beamtin, für die das Aufbrechen der Haustür ebenso zur Routine wurde, wie die anschließende Tasse Kaffee. Eingedenk der Tatsache, dass Sprayer eben nicht als Gewalttäter bekannt sind.     

Zwei Männer an einem Tisch mit Trinkgläsern und Brot.

Rüdiger Kaun (links) und Jürgen Röhrig laden zu der Gesprächsreihe Reihe „Kunst und Brot“ in die Stadtbibliothek.

Sprayer, so Röhrig, kommen aus allen gesellschaftlichen Kreisen und Berufen, es gebe spezialisierte Anwälte und Gruppen, die ihren Urlaub gemeinsam verbringen. Die Gruppe 1UP (One United Power) aus Berlin, die hochprofessionell und international aktiv ist, spreche mit Mietern in einem Viertel über geplante Aktionen.   

Die Devise „Jeder Mensch ist ein Künstler“ von Joseph Beuys sei in der Szene unumstritten, hat Röhrig beobachtet. Schmierereien seien Graffiti jedenfalls nicht. „Technisch geht das mit einer Spraydose auch gar nicht.“

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