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„Dynamit im Keller“Der KSI-Direktor spricht über die Potenziale des Instituts in Siegburg

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Dr. Richard Ottinger ist seit dem 1. März 2026 Direktor des Katholisch-Sozialen Instituts auf dem Siegburger Michaelsberg.

Dr. Richard Ottinger ist seit dem 1. März 2026 Direktor des Katholisch-Sozialen Instituts auf dem Siegburger Michaelsberg.

Richard Ottinger leitet seit dem 1. März das Katholisch-Soziale Institut auf dem Michaelsberg. Im Interview redet er über seine Ziele.  

Sie sind seit vier Monaten neuer Direktor des Katholisch-Sozialen Instituts. Wie war Ihr erster Eindruck vom neuen Arbeitsplatz?

Das Katholisch-Soziale Institut war mir aus meiner Zeit als Referent bei der Konrad-Adenauer-Stiftung bekannt. Mein erster Eindruck damals: Wow! Das ist eine katholische Akademie? Als neuer Direktor merkte ich schnell, dass hier Dynamit im Keller liegt und die Potenziale groß sind. Ich bin auf ein großartiges Team gestoßen und habe von meinem Vorgänger André Schröder, der tolle Arbeit geleistet hat, ein geordnetes Haus übernommen.

Gibt es etwas, das Sie ändern wollen?

In allem, was wir hier tun, muss Christus sichtbar werden. Unsere Gäste sind nicht in einer säkularen NGO zu Besuch, sondern in einer katholischen Akademie. Unser Alleinstellungsmerkmal ist unser Wissen über die Katholische Soziallehre, die wie kaum eine andere geistige Kraft das Deutschland der Nachkriegszeit geprägt hat. Es ist beeindruckend, was das Team in dieser Hinsicht schon geleistet hat, und wir wollen noch weiter gehen. Dabei ist Verkündigung nicht nur eine Aufgabe für die Sendung nach draußen, sondern auch nach innen. Vor unserem Jour fixe gibt es nun zum Beispiel immer ein gemeinsames Gebet. Gleichzeitig überdenken wir nach und nach jedes unserer Angebote mit dem Ziel einer stärkeren katholischen Profilierung. Dabei gilt, um es mit einem Sprichwort zu verdeutlichen: Ein christlicher Schuhmacher muss keine kleinen Kreuze an seine Schuhe anbringen, sondern in erster Linie gute Schuhe für die Menschen machen. Das gilt auch für unser Bildungsangebot. Trotzdem würde ich hinzufügen, dass hervorragende Schuhe durchaus mit christlicher Symbolik im Sinne einer guten Kommunikation  versehen werden können.

Keine leichte Aufgabe.

Ich sehe natürlich realistisch, wie es um die Situation der Kirche bestellt ist. Es gibt nicht nur Leute, die uns verlassen, weil wir Fehler gemacht haben. Es gibt auch Leute, die nicht einmal an uns denken, für die wir völlig irrelevant sind – das ist eine besondere Herausforderung. Für unsere Kerninhalte selbstbewusst zu werben, ohne uns selbst zu überhöhen und vielleicht auch mit einer Prise Selbstironie, ist wichtig. Wo ginge das besser als auf dem Michaelsberg im KSI, das mit anspruchsvollen Veranstaltungen im Institut, umfassender leiblicher Versorgung im Tagungshaus und der tiefgehenden Seelsorge der Karmeliten ganzheitlich Geist, Körper und Seele der Menschen anspricht?

Michaelsberg, Übergang Katholisch-Soziales Institut mit Neubau und Altbau der ehemaligen Abtei

Michaelsberg: Übergang des Katholisch-Sozialen Instituts mit Neubau und Altbau der ehemaligen Abtei.

Besonders öffentlichkeitswirksam ist das kulturelle Angebot. Bleibt es dabei?

Ganz klar: Ja! Allerdings will ich auch die Kunst stärker in den Dienst einer guten Evangelisierung stellen. Das Schöne ist ein guter Weg, einen Menschen zu Christus zu führen. Auch Atheisten, Agnostiker und an der katholischen Kirche Desinteressierte haben ein ästhetisches Gespür. Der Blick sollte daher direkter auf Räume der Heiligkeit verweisen, als über Andeutungen zu arbeiten, für deren Verständnis heute vielen Menschen das religiöse Grundwissen fehlt.

Die Katholische Soziallehre geht auf Papst Leo XIII. und seine Sozialenzyklika Rerum Novarum von 1891 zurück. Ist das noch zeitgemäß?

Ganz bestimmt. Der Katholizismus hat mit unserem Papst Leo XIV., der ganz bewusst seinen Namen gewählt hat und an diese Tradition anknüpft, einen echten Moment. Es gibt mehr Erwachsenentaufen, Konversionen junger Leute und mehr Menschen, die, wie ich finde, authentisch nach Gott suchen. Papst Leo bringt Themen voran, die offensichtlich virulent sind und der sozialen Tradition der katholischen Kirche entsprechen. Die Resonanz auf seine Sozialenzyklika „Magnifica humanitas”, die selbst auf dezidiert nichtchristlichen Webseiten im Tech-Bereich ausführlich besprochen wurde, zeigt die ungebrochene intellektuelle Kraft der Katholischen Soziallehre. Gerade jetzt, da Deutschland vor umfassenden Reformen steht und die politischen Ränder wachsen, muss es unsere Aufgabe sein, dass unsere genuin katholische Stimme in der Einheit von Glaube und Vernunft gehört wird.

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Wie positioniert sich das KSI politisch?

Letztlich bedeutet katholisch zu sein, politische Kategorien zu sprengen. Der Katholizismus ist weder links noch rechts und hat gleichzeitig eine Tiefe, die jenseits von banalem „Mitte-Sprech“ liegt. Das zeigt der kontinuierliche Einsatz der katholischen Kirche für Themen, die je nach Deutung als „typisch links“ oder „typisch rechts“ gelten, etwa das Engagement für Menschen, die von der Gesellschaft marginalisiert werden, der Schutz des ungeborenen Lebens oder die Verteidigung der Rechte geflüchteter Menschen. Katholisch ist der Gründer unseres Instituts, Josef Kardinal Frings, der 1946 mit seiner berühmten „Fringsen“-Predigt den Mundraub im Sinne der Barmherzigkeit in einer Situation von großer Not in Deutschland ausdeutete und ein Zeichen für soziale Gerechtigkeit setzte. Katholisch ist aber auch der Namensgeber des Michaelsbergs, auf dem das KSI steht: der heilige Erzengel Michael, der im Kampf den Teufel bezwingt und damit Anknüpfungspunkte für Themen wie Wehrpflicht und den Gerechten Krieg bietet. Nur in der Gesamtschau dieser Tiefe kann die Katholische Sozialethik wirklich verstanden und weitergegeben werden. Das versuchen wir hier im KSI umzusetzen.

Wo lagen Ihre Schwerpunkte bei der Konrad-Adenauer-Stiftung?

Bei allen Themen, bei denen Religion eine positive oder negative Rolle spielte, war ich mit dabei, zum Beispiel bei der Gefährdung jüdischen Lebens in Deutschland nach dem Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023, der Christenverfolgung im Nahen und Mittleren Osten, Fragen des Verhältnisses von Religion und Politik in Afrika oder der Wehrpflicht aus religiöser Sicht in Südkorea. Ein ganz großes Thema waren die religiösen Elemente im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, ohne die sich dieser Krieg nicht verstehen lässt: einerseits die ukrainischen Seelsorger, die den Soldaten an der Front helfen, andererseits die religiös-induzierte Kriegspropaganda des Patriarchen Kyrill I. Dazu konnte ich abschließend ein Buch herausgeben.

Wie sieht der Rückhalt für das KSI durch das Erzbistum und den Erzbischof aus?

Die Unterstützung durch Rainer Maria Kardinal Woelki ist ganz exzellent. Es gibt eine klare strategische Ausrichtung auf Evangelisierung, aber nicht blind auf nackte Wachstumszahlen, sondern mit großem Gespür für verschiedene Zielgruppen, und das ist gut so. Die Leitung hat die Zeichen der Zeit erkannt und geht einen so realistischen, wie entschiedenen Weg, um den Herausforderungen der Säkularisierung zu begegnen. Diesen Drive spürt man auch in der Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen des Erzbistums. Was mich nachts wach hält, ist die Frage: Wie kann es sein, dass dieser geniale Wanderprediger aus Nazareth, Jesus, nicht bei mehr Menschen verfängt? Wir haben viel mehr Potenzial, Vielfalt und Stärke, als wir oft selbst glauben – und genau das braucht diese Welt. Ich freue mich darauf, im Rahmen der Arbeit des KSI einem Teil davon zur Entfaltung zu verhelfen.