SchutzkonzeptWie ein Siegburger Sportverein Kinder und Jugendliche vor Gewalt schützt

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Fußballspielende Kinder durch ein Tornetz fotografiert

Kinder wollen unbeschwert Sport treiben und brauchen besonderen Schutz vor Gewalt.

Der Siegburger TV hat drei Jahre Arbeit in ein neues Schutzkonzept für seine jüngsten Mitglieder investiert.

Sport ist im Verein bekanntlich am schönsten. Doch damit es auch so kommt, müssen alle Beteiligten etwas tun, vor allem, was sexuelle oder andere Formen von Gewalt angeht.  Gefährdet sind besonders die schwächsten Vereinsmitglieder, die Kinder und Jugendlichen, die entsprechend geschützt werden müssen.

Der Siegburger TV macht in dieser Hinsicht einen riesigen Schritt nach vorn: Auf der Jahreshauptversammlung haben die Spielerinnen und Spieler jetzt ein neues Schutzkonzept verabschiedet, das Grundlage zum Beitritt zum „Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter und interpersoneller Gewalt im Sport“ des Landessportbunds (LSB NRW) ist. Die Entscheidung fiel einstimmig.

Intensiver Weg seit 2021 für den Siegburger TV 

Vorstandsmitglied Sabine Schellenbach hatte sich der Sache angenommen, für die eine Menge Vorarbeit zu leisten war: „Das war ein intensiver Weg seit 2021“, schildert sie. „Jede Abteilung hat mitgemacht, das fand ich super“, freut sie sich. 

Drei Frauen und zwei Männer an einem Sportplatz

Neues Schutzkonzept für Kinder und Jugendliche beim Siegburger TV, von links: Schriftführerin Susanne Ernst, Vorsitzender Marc Lietzau, Schutzbeauftragte Sonja Velten, Vorstandsmitglieder Susanne Schellenbach und Harald Damovsky

„Wir müssen die gleichen Voraussetzungen erfüllen wie der Träger einer Kita oder einer anderen Jugendeinrichtung“, erläutert Sonja Velten, die am Freitag zur Kinderschutzbeauftragten und somit auch in den Vorstand gewählt wurde. Sie hätte nichts, künftig noch einen männlichen Kollegen an der Seite zu haben.

Der TV hat 13 Abteilungen von bis C wie Cheerleading über F wie Fuß- und Faustball bis T wie Turnen, mehr als 1000 Kinder und Jugendliche treiben Velten zufolge Sport im Verein. Dauerhaft Präventionsangebote vorzuhalten, sei auch eine finanzielle Herausforderung, schildert Velten. Zu Beginn jedenfalls soll es einen Workshop mit einer Theateraufführung zum Thema Prävention geben. Social Media sollen Thema werden und auch Workshops für Eltern. 

Das Konzept umfasst 16 Seiten, hinzukommen zahlreiche Anlagen mit Details, etwa zu Risikoanalysen und Verhaltensleitlinien und Broschüren für Mädchen sowie Jungen.

Besonders anschaulich und praxisnah ist ein Interventionsleitfaden, den man sich ohne weiteres als Aushang an einer Turnhalle vorstellen kann: Wenn es einen Verdacht gebe, gelte es zunächst Ruhe zu bewahren, um unnötige Fehlentscheidungen zu vermeiden, dabei aber dem betroffenen Kind oder Jugendlichen zuzuhören und Glauben zu schenken.

Verdächtige sollen zunächst nicht mit einem Verdacht konfrontiert und keine Informationen an Dritte weitergegeben. Der oder die Kinderschutzbeauftragte soll einbezogen werden, um das weitere Vorgehen zu besprechen, bei Bedarf auch eine Fachberatungsstelle eingeschaltet werden.   

Nicht vorschnell mit Vermutungen konfrontieren

Jungen Sportler sollen nicht vorschnell mit Vermutungen konfrontiert und in Rücksprache mit den Betroffenen Erziehungsberechtigte einbezogen werden. Wichtig ist auch die Dokumentation des Prozesses. „Achten Sie auf Ihre Grenzen. Sie gehören weder zur Justiz, noch sind Sie Therapeut - gehen Sie nur so weit, wie Sie sich wohlfühlen“, lautet ein wichtiger Rat. 

Bei einem bestätigten Verdacht stehe der Schutz der jungen Sportler an erster Stelle, so der Leitfaden weiter. Opfer und Täter sollen umgehend getrennt werden, um weitere Übergriffe unmöglich zu machen. Anschließend entscheidet die Kindesschutzbeauftragte und der Vorstand über das weitere Vorgehen. Wenn offensichtlich eine Straftat oder eine entsprechende Verletzung vorliegt und Gefahr im Verzug ist, werden allerdings sofort die Polizei respektive Rettungskräfte informiert. 

Siegburg: Ein erweitertes Führungszeugnis ist Pflicht

Klare Vorgaben gibt es für Trainer, Übungsleiter, Gruppenhelfer, Betreuer, Kampfrichter, Hausmeister und Haustechniker, Vorstandsmitglieder sowie Jugendvorstandsmitglieder im Kinder- und Jugendbereich: Sie müssen einen Ehrenkodex zu Verhaltensweisen unterschreiben und ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Zudem werden regelmäßige Fortbildungen unterstützt. In jeder Abteilung gibt eine Vertrauensperson. 

Explizit angesprochen werden auch die Kinder selbst: „Dein Körper gehört dir!“, heißt es im Konzept, „Du hast das Recht, Nein zu sagen!“, „Niemand darf dir Angst machen oder dich auslachen“,  „Du hast das Recht, deine Meinung zu sagen!“ , „Deine Gefühle sind wichtig!“, „Hilfe holen ist kein Verrat, sondern mutig!“, „Schlechte Geheimnisse darfst du weitererzählen“ und „Du darfst dir Hilfe holen, auch wenn es dir ausdrücklich verboten wurde!“. 

Geregelt werden auch Toilettengänge, Aufnahmen mit Mobiltelefonen, bei manchen Sportarten unvermeidbare körperliche Berührungen oder das Betreten von Umkleiden durch Trainer. Gemeinsames Duschen von Trainern und Kinder oder Jugendlichen geht gar nicht.  

Enge Abstimmung mit der Stadt

Eng abgestimmt ist das Konzept auch mit der Kreisstadt Siegburg, die dieses zur Bedingung für eine Förderung durch die Stadt gemacht hat. Dazu gibt es einen Ratsbeschluss aus dem vergangenen Jahr. 

Jährlich vier Veranstaltungen zu sexualisierter Gewalt hat das Jugendamt angeboten, weitere auch der Stadtsportverband. „Diese fanden in Zusammenarbeit mit dem Landessportverband NRW statt. Im Boot waren der LSB NRW, die Kindernothilfe Duisburg und die Beratungsstelle des Kinderschutzbundes in St. Augustin“, so die Pressestelle der Stadt auf Anfrage.

„Der STV ist der Verein, der am weitesten ist“, auch der Ruderverein sei recht weit, so die Stadt. Die Vereine, die etwa Ferienfreizeiten durchführten, müssten schon seit Jahren die „Siegburger Standards“ zur Prävention unterschreiben. Ein Präventionskonzept und einen Handlungsleitfaden bei Verdachtsfällen hat auch der Schwimmverein Hellas auf seiner Homepage eingestellt, der auch eine feste Ansprechpartnerin für Prävention hat.

Sabine Schellenbach sieht den Siegburger TV am Beginn eines Prozesses. „Wir wollen Kinder stark machen“, darum gehe es letztlich.

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