Abo

„Only half a picture“Ute Bartel verwandelt Alltägliches in Kunst – Ausstellung in Siegburg

5 min
Die Obengenannten stehen lächelnd vor Bildern, die tote Fische und Oktopusse in Kisten zeigen.

Tauschen sich vor der Installation „Aus den Angeln“ aus: Künstlerin Ute Bartel (v.l.) und die Leiterin des Siegburger Stadtmuseums, Dr. Gundula Caspary.

Egal ob Strohhalme, Kimono oder Schinken - Bildhauerin Ute Bartel schafft aus Gegenständen, die sie faszinieren, vieldeutige Kunstwerke. 

Nicht nur der Oktopus schaut den Betrachter oder die Betrachterin schräg an, auch der Bildausschnitt ist angeschrägt. Hinzu kommt, dass die Fotografien von toten Meerestieren in Kisten, darunter auch besagter, vermeintlich finster dreinblickender Kopffüßler, etwas schief an der Wand hängen.

Die Künstlerin Ute Bartel hatte die Aufnahmen aus einer Markthalle in Galicien nach eigener Aussage schnell anfertigen müssen. Später habe sie sich über die Bildausschnitte geärgert, die nicht nach den Linien der Kisten ausgerichtet sind. Nachdem sie sich beruhigt und die Fotos eher beiläufig ausgelegt hatte, fand sie Gefallen an der ungeraden Ausrichtung.

Künstlerin Ute Bartel richtet im Hintergrund eine Installation her, die in den Raum hereinragt.

Künstlerin Ute Bartel richtet im Hintergrund eine Installation her, die in den Raum hereinragt.

„Aus den Angeln“ heißt diese zwölfteilige Bild-Installation, die mit anderen Werken der Bildhauerin ab dem 19. April im ersten Stock des Stadtmuseums in Siegburg zu sehen sind. Auf die gebürtige Westfälin üben die unterschiedlichen Gegenstände oder Tiere eine „große Faszination“ aus, die anderen Menschen im Alltag vermutlich nicht so sehr auffallen. Bei den Fischkisten habe sich auch eine Portion Abschreckung mithineingemischt, verrät Bartel: „Mir war aber direkt klar, dass ich eine Arbeit damit machen möchte. “

Ute Bartel macht aus Plastikstrohhalmen Kunst

„Ihre Faszination bezieht sich auf Struktur, Material und Ästhethik“, erläutert die Kuratorin der Ausstellung und Leiterin des Stadtmuseums, Dr. Gundula Caspary, den Ansatz von Bartel. Dies wird etwa im unbenannten, 20-teiligen Pigmentdruck auf Fotokarton deutlich, der ebenfalls in Siegburg zu sehen ist. In den 20 Kartons entstehen vergrößerte, sich teils wiederholende Eindrücke eines Haufens Plastiktüten. Die Kartons wurden bewusst als leichtes Material gewählt, um die Leichtigkeit der Tüten nachzuvollziehen und in den Ausstellungsraum zu übertragen.

„Plastik ist ein total faszinierendes Material“, sagt Bartel. Sie begeistere sich auch für Strohhalme aus Plastik. „Sie sind leicht, farbig und lassen sich knicken.“ Unter anderem im Werk „Anthopleura Plastica“ hat die 64-jährige Kölnerin damit gearbeitet. Die Plastikstrohhalme sind an einer Wand befestigt worden und bilden eine Art orangefarbene Seeanemone.

Das Werk „Anthopleura Plastica“ besteht aus Plastikstrohalmen, die ineinander gesteckt wurden.

Das Werk „Anthopleura Plastica“ besteht aus Plastikstrohalmen, die ineinander gesteckt wurden.

Das Objekt legt zwar eine kritische Lesart nah – Stichwort Umweltverschmutzung –, Bartel erteilt derart eindeutigen Interpretationen aber eine Abfuhr: „Ich bin keine Aktivistin. Die Einschätzung möchte ich den Besuchern überlassen.“ In ihren Werken schwinge je nachdem eine gewisse Lesart mit, primär gehe es ihr aber um die Materialien. Dr. Gundula Caspary ergänzt: „Es macht die Qualität von Kunstwerken aus, dass sie mehrdeutig sind. Einfach auszulegende Werke sind nicht selten langweilig.“

Obwohl sie viel fotografiert, sieht sich Bartel primär als Bildhauerin

Sicherlich nicht einfach auszulegen, ist der Raumquader „Gefliest 4“, eine dreidimensionale Zusammenstellung von Nahaufnahmen unterschiedlicher Schinkenarten. „Ich war vor vielen Jahren im Petersdom in Rom“, berichtet Bartel über ihre Inspirationsquelle: „Die Bodenfließen dort sahen dermaßen nach rohem Schinken aus...“ Sie selbst assoziere die Installation in erster Linie mit Stein und Marmor. 

Eindrücke aus einem Aufenthalt in Japan: Ute Bartel fand beispielsweise die schräg abgeschnittenen Ananas pannend.

Eindrücke aus einem Aufenthalt in Japan: Ute Bartel fand beispielsweise die schräg abgeschnittenen Ananas pannend.

Bartel hat beim inzwischen gestorbenen Bildhauer Reiner Ruthenbeck studiert. „Er hat viel mit der Schwerkraft und Eigenart von Materialen gearbeitet“, beschreibt die Künstlerin seine Arbeit. Im Laufe ihrer Karriere habe die Fotografie zwar einen immer größeren Teil in ihrem Schaffen eingenommen, Bartel versteht sich aber nicht als Fotografin sondern als Bildhauerin: „Bildhauen heißt nicht, dass jemand ausschließlich Steine bearbeitet, es ist viel mehr.“

„Für sie ist das Motiv das Entscheidende“, sagt Dr. Gundula Caspary: „Die Fotografie ist dabei das Mittel, um das Material in die Kunst zu übertragen.“ Die Sachen müssten „gehen, wie ein guter Teig“, fasst es Bartel und fügt lachend hinzu: „Es braucht manchmal einen Prozess.“

Mehrdeutige Kunstwerke sollen zu einem Dialog einladen

Die Faszination für Ordnung und Struktur begleite sie schon seit ihrer Kindheit, erzählt die Künstlerin: „Ich habe schon immer gerne etwas entdeckt und war sehr neugierig – in meiner Generation war diese Art nicht unbedingt beliebt.“ Dennoch habe sie sich ihre Neugierde bewahrt.

Bartel nennt als Beispiel eine Erinnerung aus ihrer Jugend: den Blick auf eine Wäscheleine. Genauer das, was und wie es an ihr hing. Sie erinnert sich daran, als 16-Jährige von den Sockenpaaren und Handtüchern, die ihre Mutter farblich sortiert hatte, beeindruckt gewesen zu sein: „Trotz des Unternehmens ‚Familie‘ nahm sie sich die Zeit, die Dinge schön anzuordnen.“ Inspiriert durch diese Wäscheleine, fertige Bartel 1997 ihre erste manuelle Montage in Köln an, die nicht in Siegburg, aber im Buch „mansionaticum“ (Latein für „das zum Haushalt gehörende“) zu finden ist.

Der künstlerische Ausdruck ihrer Wahrnehmung sei kein Selbstzweck. „Das Ausstellen ist mir wichtig“, stellt Bartel klar: „Es soll eine Kommunikation entstehen.“ Dr. Susanne Haase-Mühlbauer, stellvertretende Bürgermeisterin der Kreisstadt  und Vorsitzende des Kulturbeirates, lobt die Ausstellung im Stadtmuseum: „Das Angebot an zeitgenössischer Kunst ist hervorragend. Ich finde es großartig.“ 

Die Ausstellung „Only half a picture“ umfasst fotografische Collagen, Cutouts und in den Raum greifende Arbeiten der Bildhauerin Ute Bartel, die im Siegburger Stadtmuseum ausgestellt werden. Am Sonntag, 17. Mai, dem Internationalen Museumstag, wird um 12.30 Uhr eine Führung angeboten. Ein Künstlerinnengespräch ist für Samstag, 13. Juni, um 15 Uhr vorgesehen. Im Laufe des Gesprächs wird auch der Ausstellungskatalog vorgestellt. Die Veranstaltung kostet acht Euro, für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. Juni 2026. Erwachsene zahlen fünf Euro Eintritt. Ermäßigt kostet der Eintritt drei Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren und Büchereiausweisinhaber ist der Eintritt frei. Das Stadmuseum ist dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Sonntags stehen die Tore bis 18 Uhr offen. An Montagen und Feiertagen bleibt das Museum geschlossen.