Eine neue Broschüre spannt einen Bogen vom Bau des Verwaltungsgebäudes in den 60er Jahren bis zur aktuellen Sanierung.
„Bewahrt und doch verwandelt“Wie das Siegburger Rathaus gerettet wurde

Eine Broschüre zu Geschichte und Sanierung des Rathauses hat die Kreisstadt aufgelegt.
Copyright: Andreas Helfer
Nüchtern und funktional wirkt das Siegburger Rathaus, damals wie heute prägen lange Fensterbänder und die klare Gliederung in drei Trakte mit dem abgesetzten Ratssaal das Bild. Der Waschbeton von damals ist allerdings helleren Fassadenplatten aus Faserbeton gewichen.
Hinter der Architektur steckt eine Haltung: Bürgermeister Stefan Rosemann sieht in dem Gebäude, in dem große offene Flächen zur Begegnung einladen –und heute zum „New Work“ in Großraumbüros – „das geglückte Experiment Demokratie nach dem Scheitern der Weimarer Republik und dem Abgrund der NS-Diktatur“ versinnbildlicht.
Turbulente Geschichte – „Bewahrt und doch verwandelt“
Wer die Entwicklung in den vergangenen Jahren verfolgt hat, weiß, dass das Gebäude auf urdemokratische Weise vor dem Abriss bewahrt wurde: Ein Ratsbürgerentscheid, vorangetrieben von Rosemanns (SPD) Amtsvorgänger Franz Huhn, machte 2018 den Weg zur Sanierung frei, nachdem es auch für einen Neubau durchaus Fürsprecher gegeben hatte, auch in Huhns Partei CDU.
Die turbulente Geschichte fasst eine neue erschienene Broschüre der Kreisstadt zusammen, unter dem Titel „Das Rathaus der Kreisstadt Siegburg – Bewahrt und doch verwandelt“. 52 Seiten stark, ist sie ein Muss für alle an der Siegburger Stadtgeschichte Interessierten.

Die Baustelle am Nogenter Platz im Dezember 2022.
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Zu Wort kommen der Kulturwissenschaftler Alexander Kleinschrodt, die ehemalige Technische Beigeordnete Barbara Guckelsberger, der Architekt Klaus-H. Petersen und die Architektin Anne-Sophie Woll und Jan Gerull, Leiter der Pressestelle und Stadtarchivar. Interviews, geführt von Alexander Keinschrodt, finden sich mit Petersen und dem Architekten Peter Busmann, nach dessen Entwurf das Rathaus damals gebaut wurde. Jan Gerull sprach mit Künstler Udo Zembok, der den Bilderfries mit Porträts namhafter Siegburgerinnen und Siegburger schuf.
Kaus-H. Petersen hatte in den politischen Gremien der Stadt und in Workshops engagiert für eine Sanierung geworben. „Warum hat es die Architektur aus dieser Zeit so schwer“, fragt er im Interview. „Wenn ich mit einem VW-Käfer durch die Stadt fahre, drehen sich alle um. Ein Haus aus dieser Zeit finden die meisten auf den ersten Blick unattraktiv.“
Leichtigkeit und flexible Nutzung
Dabei sei das Rathaus zu seiner Zeit „topmodern“ gewesen. Busmann habe ein spezielles Tragsystem entwickelt, das heute die Leichtigkeit der Innenräume und viele Möglichkeiten für eine flexible Nutzung zulasse. Und für eine Verbesserung der Fassaden mit Dämmung und Drei-Scheiben-Verglasung, als wichtigste Voraussetzung für den Niedrigenergiehausstandard KfW 40. Auch das führt Petersen für die Sanierung ins Feld: Ein Viertel der Kosten eines solchen Gebäudes stecke im Rohbau. Und mit der Energie, die man für den Rohbau aufbringen müsste, könne man das Gebäude 17 Jahre lang energetisch betreiben, „Heizung, Laptops, Strom alles“.
Barbara Guckelsberger spricht von einer Architektur, „die Demokratie erlebbar macht und für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Baubestand“. Davon allerdings konnte lange keine Rede sein: Das Rathaus verkam, sichtbar vor allem durch die wegbröckelnde Fassade. Dabei sei, so Guckelsberger, schon in den 1980er/1990er Jahren klar gewesen, dass man sanieren müsste.
Bewusstsein für historischen Wert wenig ausgeprägt
Allerdings: „Das Bewusstsein für den historischen Wert des Rathauses war außerhalb der Fachwelt ebenso wenig ausgeprägt wie der heutige Blick auf Energie und Baustoffkreisläufe.“ Die Vorstellung, neue Gebäude seien auch immer besser und schöner, habe dem Zeitgeist entsprochen.
Entsprechend zeigte der Entwurf einer „Stadtgalerie“ von 2010, über den sich die Stadtgesellschaft zerstritt, eine riesige Shopping Mall parallel zum Markt mit einem aufgesattelten Rathaus. „Solche Modelle waren in dieser Zeit beliebt, so war beispielsweise gerade die Leverkusener Einkaufsgalerie fertig gestellt worden, auf die das neue Rathaus wie ein UFO gelandet zu sein schien“, so die Diplomingenieurin und Architektin Guckelsberger.

Blick vom neuen Staffelgeschoss auf Michaelsberg und Servatiuskirche.
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Das Ganze mündete in einen Bürgerentscheid, der das Ende der Pläne bedeutete. Heiß diskutiert wurden bald darauf neue Überlegungen der Kreissparkassenimmobilientochter Pareto, auf dem so genannten Allianzparkplatz hinter der Marktpassage ein neues Rathaus zu bauen und das alte Verwaltungsgebäude abzureißen, um es durch Wohnbebauung zu ersetzen. Auch dagegen stimmte am 2. Dezember 2018 eine große Mehrheit der Siegburgerinnen und Siegburger.
Offenheit im Umgang miteinander
Für die Sanierung mussten die Verwaltungsmitarbeitenden ausziehen und sich über die Stadt verteilen, in die Holzgasse, an die Ringstraße und vor allem auf das Phrixgelände Am Turm. Stadtarchivar Jan Gerull beschreibt, wie der Alltag seit dem Wiedereinzug im vergangenen September aussieht: Amtsleiterbüros gibt es nicht mehr. Das offene Raumkonzept animiere zur Offenheit im Umgang miteinander, bestärke Kommunikation sowie Kooperation und verbessere Arbeitsergebnisse.
Eine aktuelle Dienstvereinbarung sieht vor, dass mindestens die Hälfe der Arbeitszeit im Büro zu leisten ist – das Homeoffice hat sich im Zuge der Corona-Pandemie längst etabliert. Videokonferenzen sind gang und gäbe. Schon vor sieben Jahren hat Gerull zufolge die Massendigitalisierung des Aktenbestands begonnen. „Auf mehr als 90 Prozent der Ordnerinhalte kann bereits auf dem Rechner zugegriffen werden“, also von einem Laptop aus, mit dem alle Mitarbeitenden mobil im Rathaus arbeiten können.

Die Broschüre zur Sanierung des Rathauses ist kostenlos erhältlich.
Copyright: Andreas Helfer
„Siegburg möchte das erste papierlose Rathaus der Republik werden“, so Gerull. Unterhalb der Fensterfronten finden sich so genannte Brüstungsmöbel für Arbeitsmaterialien. Gerull: „Den Aktenschrank als früheren Inbegriff einer Verwaltung sucht man vergebens.“
Die Broschüre „Das Rathaus der Kreisstadt Siegburg – Bewahrt und doch verwandelt“ liegt kostenlos im Rathaus, im Stadtmuseum und in der Stadtbibliothek aus.

