Abo

Neuer Trend verspricht Ruhe„Silent Reading“ gibt es jetzt auch in der Stadtbibliothek Siegburg

4 min
Die Stille genießen und in einem Buch lesen, ganz ohne Ablenkung. (Symbolbild)

Die Stille genießen und in einem Buch lesen, ganz ohne Ablenkung. (Symbolbild)

 „Silent Reading“ ist im Rhein-Sieg-Kreis angekommen. Dabei sitzt man gemeinsam zusammen und liest ein Buch. Warum das so beliebt ist.

Manchmal ist einfach alles laut und viel. Auf dem Weg zur Arbeit: Autos, Straßenlärm, überfüllte Busse. Viele setzen dann noch Kopfhörer auf, um sich weiter beschallen zu lassen. Zu Hause werden der Fernseher oder das Radio eingeschaltet. Am Handy wird pausenlos gescrollt. Kaum jemand nimmt sich in all dem Trubel Zeit für Stille. Kein Wunder, dass sich vor allem bei jüngeren Generationen Trends gegen Reizüberflutung bemerkbar machen: Digital Detox, handyfreie Treffs und eben auch Silent Reading. Zum Lesen scheint kaum noch jemand zu kommen. Oft genug hört man im Freundes- und Bekanntenkreis, man müsse mal wieder ein Buch in die Hand nehmen.

Dem entspricht ein Trend aus den USA: Der Begriff „Silent Reading“ kursiert seit 2012, Tendenz steigend, auch in Deutschland. Auch die Stadtbibliothek Siegburg bietet Termine an, um sich gemeinsam in Stille zusammenzusetzen und zu lesen.

Ruhe fürs Gehirn

„Silent Reading“ beschreibt dabei eigentlich etwas Banales, das im Alltag aber oft zu kurz kommt: sich einfach mal mit einem Buch hinsetzen, ohne Ablenkung, und die Überstimulation des Alltags bewusst herunterzufahren. Mit Menschen, die es einem gleichtun,  einen Raum mit einer Atmosphäre der Ruhe zu schaffen.

Die Stadtbibliothek möchte einen solchen Raum bieten. Geleitet wird die stille Stunde von zwei Ehrenamtlerinnen, die mit der Idee auf die Bibliothek zukamen. Lioba Herhaus, die auch den Büchertalk in der Stadtbibliothek leitet, und Martina Hölge-Cordier sitzen auf der Literaturbühne und warten auf Teilnehmende. Noch hätten nicht viele von dem Angebot mitbekommen, erzählen die Veranstalterinnen.

Stadtbibliothek Siegburg

Stadtbibliothek Siegburg

Martina Hölge-Cordier: „Die Leute können sich unter ‚Silent Reading‘ noch nicht so viel vorstellen.“ Es solle möglichst niederschwellig zugänglich sein. Nicht hinter geschlossenen Türen der Bibliothek, sondern mitten im Raum  solle das Lesen stattfinden, sodass spontan jeder, der vorbeikäme, mitmachen könne. Ein Schild auf einem der kleinen Tische zwischen den Sesseln erklärt die Veranstaltung: „Silent Reading – stille Lesezeit: In Gesellschaft anderer sein, aber für sich selbst lesen. Gemeinsam tiefer eintauchen und sich wohlfühlen. Ruhig, ungestört, konzentriert“. 

i

Gemeinsam in Stille

Zu Anfang gibt es eine Begrüßung. Wer sich nach der Ruhezeit über das Gelesene austauschen möchte, könne dies gern tun, sagen die Veranstalterinnen. Die Bibliothek soll eine heimelige Stimmung erzeugen, wer möchte, kann sich Getränke im Literaturcafé bestellen. Der Treff beginnt um 16 Uhr, sodass der abflauende Betrieb im Café die Lesenden nicht stört.

Dabei sind Reize an sich nichts Negatives: Grundsätzlich sei Stimulation erst einmal gut für das Gehirn, sagt Cristina Massen, Professorin für Psychologie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Das zeige das drastisch steigende Risiko für eine Demenzerkrankung, wenn ein Mensch gehörlos oder blind werde. Jedoch gebe es Studien, die belegten, dass Phasen der Ruhe sich sowohl psychisch als auch physiologisch gesund auswirken könnten. Sieben bis zehn Minuten allein könnten die Stimmung heben, entspannen und ein besseres Bewusstsein für die Gegenwart und sich selbst schaffen. Der Blutdruck könne gesenkt werden, die Ausschüttung von Stresshormonen werde reduziert.

Martina Hölge-Cordier hat viele Ideen, den Treff noch attraktiver zu gestalten, um mehr Menschen zum ruhigen Lesen zu ermutigen. Eine Bücherkiste mit ausgewählter Literatur für all diejenigen, die keine eigenen Bücher mitbringen, soll bei den nächsten Treffen bereitstehen. Im Sommer könne der Treff nach draußen verlegt werden, im Winter sei ein gemütliches Ambiente mit Kerzen möglich, überlegt die Ehrenamtlerin. Dreimal haben die beiden Veranstalterinnen bereits die „Silent Reading“-Stunde geleitet.

Cristina Massen sieht in den „Silent Reading“-Treffen eine  produktive Art, sich bewusst Zeit für Stille zu nehmen. „Stille kann Angst machen, wenn man sie alleine erlebt. Die Gemeinsamkeit der ‚Silent Reading‘-Treffs senkt dabei negative Empfindungen gegenüber der Stille.“ Zudem sieht sie einen steigenden Trend auch bei jungen Menschen, sich zu ruhigen Aktivitäten zu treffen. „Jeder Mensch hat individuelle Bedürfnisse nach akustischer Stimulation. Introvertierte Menschen bevorzugen zum Beispiel wenig Stimulation“, durch soziale Events wie Silent Reading gäbe es somit ein größeres Angebot, dem Grundbedürfnis nach Bindung nachzugehen.

Dass Lesen positive Effekte auf Gehirn und Psyche haben kann, erklärt Cristina Massen auch: „Fiktionale Literatur fördert das Empathieempfinden. Die Fähigkeit, sich kognitiv in die Lage anderer zu versetzen, wird gesteigert.“ Auch der Austausch, in den die Veranstalterinnen in der Stadtbibliothek nach der Ruhephase gehen wollen, hätten einen positiven Aspekt: „Untersuchungen zeigen, dass vor allem bei Senioren Lesetreffs mit Austausch Bindungen stärken und sich gesundheitsfördernd auf das Gehirn auswirken.“

Die nächsten Silent-Reading-Treffen finden am Freitag, 10. Juli, 4. September und 2. Oktober, jeweils von 16 bis 17 Uhr, in der Stadtbibliothek Siegburg statt. Weitere Informationen gibt es auf der Website der Stadtbibliothek.