Abo

UltraläuferMichael Irrgang aus Troisdorf läuft vor dem Frühstück schon einen Marathon

4 min
Ein Mann mit Halbglatze läuft auf einer roten Leichtathletikbahn. Er trägt eine Starternummer am Trikot hat und eine Deutschlandfahne um die Schultern.

Michael Irrgang aus Troisdorf-FWH wurde im englischen Gloucester Weltmeister seiner Altersklasse im 48-Stunden-Lauf

Der 59-Jährige aus Friedrich-Wilhelms-Hütte ist Weltmeister seiner Altersklasse im 48-Stunden-Lauf.

Er sei, so hatte Michael Irrgang vorab klargestellt, „kein Masochist, der den Schmerz braucht“. Er sei aber auch „kein Superheld“. Gleichwohl betreibt er einen Sport, dem man nur mit großem Respekt begegnen kann: Der 59-Jährige, der in Troisdorf-Friedrich-Wilhelms-Hütte wohnt, bestreitet Ultraläufe.

Im August wurde er Weltmeister seiner Altersklasse im 48-Stunden-Lauf. „Völlig unerwartet“ sei dieser Erfolg für ihn gewesen, berichtet Michael Irrgang. Zumal er mit seiner Vorbereitung auf das Rennen im englischen Gloucester nicht ganz zufrieden gewesen sei. Und außerdem ist „das Siegen eigentlich nicht mehr mein Ding“.

Ultraläufer aus Troisdorf: Neun Monate nach einer Lungen-Embolie absolvierte er einen Marathon

Zweimal erlitt der IT-Fachmann in seiner Laufbahn Thrombosen, nach einer Lungen-Embolie im Jahr 2012 sagten die Ärzte, er könne wohl nie wieder zu Wettkämpfen antreten. Von wegen: Neun Monate später lief er einen Marathon, nach 15 Monaten absolvierte er einen Lauf über 100 Kilometer.

Den „Marathon-Hype“ habe er mitgemacht, erzählt Michael Irrgang von seinem Einstieg in den Laufsport. 1998 lief er in Köln zum ersten Mal mit, dabei hatte er „immer gedacht, das können nur die Kenianer“. Das „Gedränge und Gewühle“ am Start habe ihm aber nicht behagt, als Schönwetterläufer packte er die Schuhe im Herbst weg.

Ein Mann und eine Frau stehen mit der Deutschlandfahne Arm in Arm auf der Laufbahn.

Michael Irrgang wird auf Wettkämpfen oft begleitet von seiner Frau Ehefrau Martina Stumpf-Irrgang.

Ein zweiter Marathonlauf im Frühjahr zeigte ihm in drei Stunden und 50 Minuten, „dass ich ein gewisses Talent habe“. Richtig schnell werde er nicht, habe er bald festgestellt. Aber: „Ich kann länger laufen.“

Läufe über 50 Kilometer oder der Sechs-Stunden-Lauf in Troisdorf folgten: „Das ist viel entspannter.“ 24 Stunden am Stück lief Michael Irrgang erstmals 2008, als ihn ein Freund nach Holland mitnahm. Dritter wurde er – „aber es hat mir gar keinen Spaß gemacht“. Er litt an Krämpfen, hatte zudem keine Freude daran, „im Kreis zu laufen“. Und schließlich versprach er auch seiner Ehefrau Martina Stumpf-Irrgang, das nicht noch einmal zu machen.

Wöchentlich steht bei Michael Irrgang ein Trainingslauf über fünf bis sieben Stunden auf dem Programm

In Berlin brach Michael lrrgang 2008 sein Versprechen, legte in 24 Stunden 230 Kilometer zurück und folgte schließlich der Einladung des DLV-Trainers zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Seoul.

„Es ist okay“, kommentiert die Musiklehrerin für Flöte und Klavier heute die Leidenschaft ihres Mannes. „Weil er so nach und nach reingewachsen ist.“ Selbst läuft sie nicht, doch ist sie längst bei vielen Wettkämpfen als Betreuerin dabei und unterstützt dabei nicht nur ihren Mann. Der ist inzwischen Leichtathletiktrainer mit A-Lizenz und Autor von Schriften zum Training für Ultra-Läufe.

Der Mann sitzt an einem Tisch in einem Wohnzimmer und hält eine Urkunde in die Höhe.

Michael Irrgang aus Troisdorf-Friedrich-Wilhelms-Hütte mit seiner Urkunde aus dem englischen Gloucester, wo er Weltmeister seiner Altersklasse im 48-Stunden-Lauf wurde.

„Viel unterwegs sein“ müsse man für das Grundlagentraining. „30 Kilometer sind zu wenig“, wöchentlich steht deshalb ein Lauf über fünf bis sieben Stunden auf dem Trainingsplan. Eine Zeit lang war ein Lauf über 43 Kilometer eine regelmäßige Einheit. Samstags, vor dem Frühstück.

„Ich habe einen extrem guten Fettstoffwechsel“, erklärt Michael Irrgang. Sein Körper greife während eines solchen Laufes vor allem auf die Fettreserven zurück, brauche wenig Kohlehydrate auf. Wenig zu essen gehört daher neben dem langsamen Laufen – „je langsamer, desto besser“ – zu seiner Renntaktik.

Man muss immer positive Selbstgespräche führen
Michael Irrgang

Ganz bei sich muss sein, wer im Ultra-Lauf erfolgreich sein will. „Man muss immer positive Selbstgespräche führen“, nennt das der Troisdorfer. Stets den eigenen Körper beobachten, auf eine entstehende Blase sofort reagieren. „Sonst geht die Quälerei los und der Spaß flöten.“ Mit zehn Paar Schuhen reiste der bei der Siegburger Datagroup angestellte Unternehmensberater nach England, im Rennen nutzte er zwei: „Die Füße werden größer“, was nur eine der Herausforderungen der ultralangen Strecken sei. „Man hat das Gefühl, zu jonglieren“, beschreibt Irrgang den Wettkampf. „Je länger der läuft, umso mehr Bälle kommen ins Spiel.“

In Gloucester lief Irrgang 750 Runden und legte fast 300 Kilometer zurück

Langeweile indes ist kein Thema für Michael Irrgang, auch wenn, wie in England, der Wettkampf auf einer 400-Meter-Stadionrunde ausgetragen wird. Ein MP3-Player liefert Musik oder Podcasts auf die Ohren, und schließlich habe die kurze Runde auch ihre Vorteile: Man komme entsprechend oft an der Toilette, dem Verpflegungsstand oder der Wechselkleidung vorbei. Etwa 750 Runden lief Irrgang in Gloucester, fast 300 Kilometer legte er zurück.

Während des Laufens ist für Michael Irrgang die Euphorie „der größte Feind des Ultraläufers“. Denn wer nach Gefühl laufe, der laufe zu schnell. Im Finale sei das anders, wenn alle Betreuer und Zuschauer die Strecke säumten. „In dem Moment tut einem nichts mehr weh“, am Ende eines solchen Wettkampfs „wird man überschwemmt von Glücksgefühlen“. Kaum jemand sei dabei, „der nicht feuchte Augen hat“.

Beliebig oft lasse sich das allerdings nicht wiederholen, stellt Michael Irrgang klar. Schließlich brauche der Körper Wochen, um sich zu erholen. Und außerdem möchte er nicht zwei gleiche Läufe in einem Jahr absolvieren. In diesem Jahr steht „nur“ noch ein Lauf über 100 Meilen in Belgien an, im Mai des kommenden Jahres erneut ein Wettkampf über 48 Stunden. Zur richtigen Zeit und dem richtigen Abstand zum Saisonhöhepunkt 2024: der zweiten WM im Sechs-Tage-Lauf in Ungarn.