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Fahndung nach Sabotage in NRW
Bekenner droht mit weiteren Anschlägen – viele offene Fragen

4 min
Polizisten stehen in der Nähe eines Umspannwerks.

Dormagen-Gohr: Polizeieinsatz aufgrund eines verdächtigen Gegenstands in der Nähe des Umspannwerks.

Dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ liegen zwei Bekennerschreiben vor, die sich auf die Angriffe bei Jänschwalde und Bergheim beziehen.

Zwei handschriftliche Briefe lenken die Ermittlungen zu den Angriffen auf die deutsche Strominfrastruktur in eine neue Richtung. In den Schreiben, die dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorliegen, bekennt sich ein Einzeltäter zu den Anschlägen nahe dem brandenburgischen Kraftwerk Jänschwalde sowie einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln. Nach den Poststempeln wurden die Briefe in Nordrhein-Westfalen aufgegeben.

Die Polizei fahndet nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ nach einem 48-jährigen Mann aus dem Raum Gevelsberg, der die Briefe unterschrieben haben soll. Bewiesen ist damit aber weder, dass der Mann die Schreiben verfasst, noch dass er den Angriff ausgeführt hat.

Anschläge auf Umspannwerke: Was in den Bekennerschreiben steht

Die beiden Briefe unterscheiden sich in ihrer Zuordnung und ihrem Inhalt. Eines bezieht sich auf den Angriff nahe dem Kraftwerk Jänschwalde in Südbrandenburg. Das andere nimmt auch den Vorfall im nordrhein-westfälischen Bergheim in den Blick. Der Verfasser stellt sich als Einzeltäter dar, „ohne jemals jemandem davon erzählt zu haben“.  Er habe die Taten allein vorbereitet und ausgeführt. Vor allem betont er, ohne Unterstützung „aus der linken Szene“ gehandelt zu haben: „Die ham da nix mit zu tun.“

Den Ermittlern liege ein Bekennerschreiben vor, sagte ein Sprecher der Polizei Köln.

Den Ermittlern liegen ein Bekennerschreiben vor, sagte ein Sprecher der Polizei Köln.

Als Motiv nennt er seinen Protest und Widerstand gegen die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen. Diese verursache aus seiner Sicht erhebliches Leid. Der Absender wirft Medien und Staat vor, die Dringlichkeit der Klimakrise nicht ausreichend zu vermitteln beziehungsweise nicht angemessen zu handeln. Er sei zudem „nicht traurig“, wenn die deutsche Rüstungsindustrie durch die Stromausfälle in Mitleidenschaft gezogen würde, insbesondere, solange Deutschland „den Völkermord in Palästina unterstützt“.

Und er kündigte weitere Anschläge an. Wörtlich heißt es: „Wenn hier Recht und Ordnung herrschten, dann müsste ich das Gesetz nicht brechen und einen Haufen Leid in Kauf nehmen, das ich wegen dem Stromausfall und allen Stromausfällen, die da noch kommen müssen, zu verantworten habe.“

Detaillierte Angaben zur angeblichen Vorgehensweise

Die Schreiben enthalten darüber hinaus technische Beschreibungen der mutmaßlichen Vorgehensweise. Demnach sollten selbstgebaute Abschussrampen dünne Drahtseile auf die Hochspannungsleitungen geschossen haben. Der Verfasser nennt detaillierte Maße, Rohre, Stäbe, Silvesterraketen und Zeitschalter, mit denen er die  Vorrichtung gebaut haben will.

Nahe dem Kraftwerk Jänschwalde versuchten Unbekannte am Dienstagmorgen, Kurzschlüsse an einer Höchstspannungsleitung auszulösen. Nach Angaben von Brandenburgs Innenminister Jan Redmann gelang dies in einzelnen Fällen. Ein größerer Stromausfall blieb aus. Am Tatort wurde eine zweistellige Zahl von Vorrichtungen gefunden. Die Brandenburger Polizei ermittelt wegen Terrorverdachts.

Die Angriffe in Brandenburg und NRW

Nach den vorliegenden Informationen werden die Schreiben von den Ermittlern auf ihre Echtheit und ihren Zusammenhang mit den Taten geprüft. Dabei geht es unter anderem um Handschrift, Papier, Versandweg, mögliche Spuren und die Frage, ob die Angaben tatsächlich nur einer unmittelbar beteiligten Person bekannt sein konnten. Auch die Möglichkeit einer bewussten Falschspur bleibt bestehen.

Die Polizei mit einem großen Aufgebot vor Ort am Umspannwerk in Dormagen-Gohr.

Die Polizei mit einem großen Aufgebot vor Ort am Umspannwerk in Dormagen-Gohr.

Wenige Stunden später kam es zu einem ähnlichen Vorfall im Bergheimer Ortsteil Rheidt westlich von Köln. An einem Umspannwerk führte ein Kurzschluss zum Ausfall mehrerer Leitungen. Ermittler entdeckten in einem Feld sechs Abschussvorrichtungen. In der Folge mussten fünf Braunkohlekraftwerksblöcke vom Netz genommen werden. Die allgemeine Stromversorgung blieb nach Angaben des Netzbetreibers Amprion stabil.

Weiterer Sabotage-Versuch in Dormagen

In der Nacht zum Freitag wurde in Dormagen ein weiterer verdächtiger Gegenstand entdeckt. Ein Spaziergänger fand ihn in einem Feld an einem Umspannwerk zwischen Köln und Düsseldorf. Zunächst war von „sensiblen Gegenständen“ die Rede. Inzwischen ist klar: Auch hier sind Abschussvorrichtungen aufgebaut worden, um möglicherweise das Stromnetz anzugreifen. Die Polizei sprach von einem möglichen Sabotagedelikt und untersuchte eine mögliche Abschussvorrichtung. Schäden an der Anlage wurden nicht festgestellt..

Die unmittelbaren Folgen der Angriffe blieben begrenzt. In Jänschwalde und Bergheim fiel die öffentliche Stromversorgung nicht aus. In Dormagen wurden zunächst keine Schäden festgestellt. Das Stromnetz konnte die Störungen auffangen. Dennoch mussten in Bergheim fünf Kraftwerksblöcke vom Netz genommen werden. Der Vorfall zeigt, dass ein begrenzter Eingriff an einer frei zugänglichen Leitung technische Auswirkungen auf größere Anlagen haben kann, auch wenn die Versorgung der Bevölkerung stabil bleibt.

Fußgänger entdeckte Abschussrampen in Dormagen

Die Untersuchungen an dem verdächtigen Gegenstand, den ein Spaziergänger am Donnerstagabend an dem Umspannwerk in Dormagen entdeckt hatte, seien bisher nicht abgeschlossen. Möglicherweise handle es sich dabei um eine „verdächtige Abschussvorrichtung“, sagte der Sprecher in der Nacht.

Für die Ermittler stehen nun mehrere Fragen im Mittelpunkt: Sind die beiden Schreiben echt? Wurden sie von derselben Person verfasst? Ist der gesuchte Mann aus Nordrhein-Westfalen tatsächlich der Autor? Hat er den Angriff bei Jänschwalde oder Bergheim selbst ausgeführt? Und bilden die drei Vorfälle eine koordinierte Serie?

Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ gehen die Ermittler in Brandenburg davon aus, dass die Bekennerschreiben echt sind und der Verfasser mit den Angriffen in Zusammenhang steht. Auch die Fahnder in NRW alten die Briefe mittlerweile für authentisch.