Der langjährige Schiedsrichter-Experte und aktuelle Medienchef der deutschen Unparteiischen ordnet die Regel-Neuerungen ein.
Gastbeitrag von Alex FeuerherdtWie die Schiedsrichter den Fußball beschleunigen

Mein Freund, ich zähl’ bis drei: Florian Exner im Spiel Köln gegen Bremen
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In der Partie des 1. FC Köln beim VfB Stuttgart am zweiten Spieltag lief die siebte Minute, als Alessio Castro-Montes Bekanntschaft mit einer neuen Regel machte: Weil der Kölner sich bei einem Einwurf zu viel Zeit ließ, obwohl Schiedsrichter Christian Dingert die zur Ausführung verbleibenden fünf Sekunden deutlich sichtbar herunterzählte, wechselte das Einwurfrecht von den Rheinländern zu den Schwaben. Nach 57 Minuten – da stand es 1:0 für die Stuttgarter – verhielt es sich umgekehrt: VfB-Torhüter Fabian Bredlow verzögerte einen Abstoß, weshalb der Unparteiische dem 1. FC Köln einen Eckstoß zusprach.
Bayer 04 Leverkusen wiederum musste zu Saisonbeginn gleich zweimal vorübergehend in Unterzahl weiterspielen, weil eine Auswechslung länger als die nun höchstens zulässigen zehn Sekunden dauerte. Sowohl im DFB-Pokalspiel beim SV Wehen Wiesbaden als auch in der Bundesligapartie gegen den 1. FC Union Berlin am zweiten Spieltag musste der jeweilige Leverkusener Einwechselspieler deshalb bis zur ersten Spielunterbrechung nach Ablauf einer Minute warten, ehe er das Spielfeld betreten durfte.
Das Herunterzählen mit den Fingern wurde trainiert
Mit diesen Änderungen verfolgen die Regelhüter des zuständigen International Football Association Board (Ifab) das Ziel, Spielverzögerungen und Zeitspiel wirksam einzudämmen, das Spiel also weiter zu beschleunigen. Diesem Ansinnen dient auch eine weitere Neuerung: Ein Feldspieler, der aufgrund einer tatsächlichen oder vermuteten Verletzung eine Spielunterbrechung verursacht oder auf dem Spielfeld behandelt wird, muss – von wenigen, klar definierten Ausnahmen abgesehen – den Platz verlassen und anschließend eine Minute lang außerhalb des Spielfeldes bleiben.
Die Unparteiischen im Profifußball wurden mit diesen und weiteren Regeländerungen in ihren Trainingslagern im Sommer vertraut gemacht. Die Countdowns – also das Herunterzählen bei Einwürfen und Abstößen mit den Fingern einer erhobenen Hand – haben sie dabei auf einem Fußballplatz auch in der Praxis trainiert. Die Referees sollten so ein besseres Gefühl für die Zählgeschwindigkeit und den Zählrhythmus bekommen. „Das hat sich ausgezahlt: Die Umsetzung der Neuerungen funktioniert bislang gut, die Schiedsrichter haben die Vorgaben rasch verinnerlicht und agieren einheitlich und konsequent“, zieht Knut Kircher, Geschäftsführer Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH, ein erstes Fazit.
„Die Mannschaften haben sich auf die Neuerungen und deren Anwendung durch die Schiedsrichter überwiegend gut eingestellt“, so Kircher weiter. Bei Einwürfen und Abstößen werde der Ball jetzt meist schnell wieder ins Spiel gebracht, um dem Gegner keinen Ballbesitz zu bescheren. Auch Auswechslungen gingen nun häufig zügiger über die Bühne als zuvor, und vermeintlich verletzte Spieler seien oft rasch wieder auf den Beinen – beides, um eine vorübergehende Unterzahl für das jeweilige Team zu vermeiden.
Der VAR greift seltener ein
Geändert hat sich zudem etwas bei den Video-Assistenten (VAR), nämlich mit Blick auf deren Eingriffsschwelle. Schon in den vergangenen beiden Spielzeiten war die Zahl der VAR-Interventionen bei sogenannten nicht-faktischen Entscheidungen im Vergleich zu den Vorjahren um rund 30 Prozent gesunken. „Nicht-faktisch“ bedeutet, dass es einen Ermessens- und Interpretationsspielraum gibt, etwa bei der Bewertung von Zweikämpfen und Handspielen im Strafraum oder bei der Frage, ob ein Feldverweis angebracht ist.
Seit dieser Saison sind die Video-Assistenten gehalten, sich bei nicht-faktischen Entscheidungen noch stärker zurückzunehmen. Sie sollen nur dann intervenieren, wenn eine Schiedsrichter-Entscheidung unmittelbar klar und offensichtlich falsch ist. „Unmittelbar“ heißt: bereits nach der Sichtung der ersten zwei bis drei Kameraeinstellungen innerhalb von 60 bis 90 Sekunden. Ein Eingriff, der deutlich später erfolgt, birgt die Gefahr einer sinkenden Akzeptanz.
Die nochmals erhöhte Eingriffsschwelle hat dazu beigetragen, dass es in der Bundesliga nach vier Spieltagen gerade einmal vier VAR-Interventionen bei nicht-faktischen Entscheidungen gab. Im Vergleichszeitraum der Vorsaison waren es deren zehn. „Diese Linie wird bislang gut angenommen, sowohl von den Klubs als auch von den Medien und dem Publikum“, sagt Knut Kircher. Strittige Grenzfälle und auch Fehler werde es zwar immer geben, doch im bisherigen Saisonverlauf sei recht wenig über den VAR diskutiert worden. „Auch und nicht zuletzt deshalb, weil die Schiedsrichter viele starke Feldentscheidungen trafen und der VAR im Hintergrund bleiben konnte“, wie Kircher betont. „So kann es im Sinne des Fußballs gerne weitergehen.“

Alex Feuerherdt
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Alex Feuerherdt ist seit Juli 2023 Leiter Kommunikation und Medienarbeit der DFB Schiri GmbH, damit auch Mediensprecher der Unparteiischen im deutschen Profifußball. Selbst Schiedsrichter seit 1985, ist er seit vielen Jahren auch als Schiedsrichter-Ausbilder, -Beobachter und -Coach im Kölner Amateurbereich aktiv. Vor seiner Zeit bei der DFB Schiri GmbH war er als Schiedsrichter-Experte für diverse Medien tätig, zudem war er Mitbetreiber des Podcasts „Collinas Erben“. (red)
