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Bayer im Europa League-HalbfinaleRobert Andrich bewältigt sein Trauma gegen Rom

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Leverkusens Robert Andrich (r) bejubelt das Tor zum 0:2 und provoziert die Römer mit Kusshänden.

 Leverkusens Robert Andrich (r) bejubelt das Tor zum 0:2 und provoziert die Römer mit Kusshänden.

Robert Andrich und Bayer 04 Leverkusen haben ihr Trauma aus dem vergangenen Jahr mit der AS Rom bewältigt und stehen vor dem Einzug ins Finale der Europa League.

Vor einem Jahr war alles anders. Bayer 04 Leverkusen hatte am 11. Mai 2023 das Halbfinal-Hinspiel der Europa League mit 0:1 gegen AS Rom und Robert Andrich verloren. Der Sechser der Werkself verließ das Stadio Olimpico mit gesenktem Haupt und an Krücken. Sein Mittelfuß war gebrochen. Am Mittwoch ging es schon auf Mitternacht zu, als Andrich am gleichen Ort freundlich und froh erzählen konnte, dass er sein Trauma bewältigt hat und mit guten Erinnerungen zurück nach Leverkusen reist: „Rom hat nicht mehr diese Scheiß-Bedeutung. Die Verletzung kann ich jetzt ganz weit hinten in den Kopf schieben. Das Tor ist jetzt ganz weit vorne — ein sehr schönes Gefühl ist das.“

Der 29-Jährige hatte mit seinem Traumtor zum 2:0 (1:0)-Endstand die Hinspiel-Niederlage der AS Rom in der Neuauflage des Halbfinals von 2023 besiegelt und für Bayer 04 die Tür zum Finale am 22. Mai in Dublin weit aufgestoßen. „Ich habe das Tor jetzt schon ein, zwei Mal gesehen. Der sieht schon lecker aus“, beschrieb er seinen perfekten 20-Meterschuss ins linke, obere Eck (73.). Zuhause jubelte Ehefrau Alicia mit und schloss auf ihre Art mit dem Fußbruch ihres Mannes ab. „Sie hat aus Spaß gesagt, sie will gar nicht, dass ich spiele“, berichtete Andrich und räumte ein, dass die Zeit im vergangenen Jahr für ihn nicht einfach war: „Ich hatte die Bilder noch im Kopf. Erst wenn das Spiel beginnt, denkt man nicht mehr so viel drüber nach.“

Die Systematik ändert sich ein bisschen, aber nicht die Art zu spielen.
Simon Rolfes, Geschäftsführer Sport Bayer Leverkusen

Wie Andrich ging ganz Bayer 04 Leverkusen die Revanche für den 11. Mai 2023 an. Konzentriert, mit viel Kontrolle und dem unbedingtem Willen das Spiel gewinnen zu wollen. Trainer Xabi Alonso hatte seinem Team einen Plan mit auf den Weg gegeben, der auf den ersten Blick überraschte, dann aber voll aufging und der Schlüssel zum Sieg war. Der Spanier verzichtete auf einen Stoßstürmer und setzte stattdessen mit Amine Adli, Jeremie Frimpong, Florian Wirtz und Alejandro Grimaldo in der letzten Linie auf Tempo in den Schnittstelle der italienischen Viererkette.

„Es war eine gute Variante“, sagte Sportchef Simon Rolfes und erklärte, warum Bayer 04 so flexibel und gleichzeitig produktiv agieren kann: „Die Systematik ändert sich ein bisschen, aber nicht die Art zu spielen. Die Positionen sind etwas anders, aber nicht das Ziel. Deswegen haben die Spieler ein gutes Verständnis füreinander. Sie wissen, wieso sie etwas machen und werden von Xabi gut darauf vorbereitet.“ Das 1:0 von Wirtz fiel durch hohes Leverkusener Pressing und einen daraus resultierenden Patzer von Roma-Rechtsverteidiger Rick Kastdorp (28.). Ein schönes Geschenk für den Nationalspieler ein paar Stunden vor seinem 21. Geburtstag. „Er muss einen ausgeben“, forderte Taktgeber Granit Xhaka und Robert Andrich fragte sich, ob die Hotelbar noch so lange geöffnet hat.

Reifeprozess ist weit vorangeschritten

Die Führung gab dem neuen deutschen Meister noch mehr Sicherheit und Spielkontrolle. „Es ging um viel, das letzte Jahr war noch im Hinterkopf. Wir haben uns diesmal nicht provozieren lassen und haben ein sehr gutes Auswärtsspiel gemacht“, sagte Andrich. Auch Simon Rolfes gefiel die Seriosität und Ruhe, mit der die Alonso-Elf zu Werke ging und hofft, dass das auch im Rückspiel am kommenden Donnerstag in Leverkusen so sein wird: „Es ist ein K.o.-Spiel, in dem es um den Einzug ins Finale geht. Sie werden alles versuchen, nur vielleicht am Anfang nicht so auf Zeit spielen“, grub der Geschäftsführer Sport die Erinnerungen aus dem vergangenen Jahr noch einmal hervor.

Der Bayer-Jahrgang 2024 ist aber einen Schritt weiter und wird auch für das Rückspiel Lösungen für alle aufkommenden Probleme parat haben. Die Leistung aus dem Hinspiel hat gezeigt, dass die Leverkusener in ihrem Reifeprozess weit vorangeschritten sind und die Serie von nun 47 ungeschlagenen Pflichtspielen ihnen einn unerschütterliches Gefühl von Klasse und Stärke verleiht. Robert Andrich gab am Donnerstag im Olimpico ein gutes Beispiel für die fortschreitende Entwicklung an. Den Moment nach dem 2:0 nutzte er zu einem provokanten Torjubel, in dem er Kusshände an das römische Publikum verteilte. Das hatte eine Rudelbildung auf dem Platz und Gelbe Karten für Andrich und Leonardo Spinazzola zur Folge: „Ich habe versucht eine Atmosphäre zu schaffen, in der auch die gegnerischen Spieler merken, dass es heute nicht so gut läuft.“

Wir haben gesagt, es gibt eine zweite Chance für Rob, um bessere Erinnerungen an das Olimpico zu haben.
Xabi Alonso, Cheftrainer Bayer 04 Leverkusen

Auch dieser Teil der Aufarbeitung eines Traumas gelang. „Wir haben gesagt, es gibt eine zweite Chance für Rob, um bessere Erinnerungen an das Olimpico zu haben. Er hat nicht nur das Tor gemacht, sondern auch eine wichtige Rolle für das Team gespielt“, lobte Xabi Alonso den Nationalspieler und gab die Marschroute für das Rückspiel aus: „Es gibt noch ein Spiel in Leverkusen. Sie haben nichts zu verlieren, wir haben alles zu verlieren. Manchmal ist das eine schwere Situation. Ich habe schon viele Comebacks gesehen. Aber wir sind bereit.“

In der Heimat frohlockte derweil Alicia Andrich und postete ein Video vom Treffer ihres Mannes: „Ich glaube, wir müssen noch mehr Kinder bekommen.“ Vor einer Woche war das zweite Kind des Paares zur Welt gekommen. Und der kleine   Matteo beflügelt seinen Vater ganz offensichtlich. Erst traf Andrich am Samstag im Bundesligaspiel gegen den VfB Stuttgart in der Nachspielzeit zum 2:2 und veränderte nun seine Beziehung zu Rom nachhaltig.


Xabi Alonso ist in Frankfurt gesperrt

Wieder eine neue Herausforderung für Bayer 04 Leverkusen. Die Werkself muss am Sonntag (17.30 Uhr/DAZN) im Bundesligaspiel bei Eintracht Frankfurt ohne Xabi Alonso auskommen. Der Cheftrainer ist nach einer vierten Gelben Karte gesperrt und wird auf der Bank von seinen Assistenten Sebastian Parrilla und Alberto Encinas Pozo vertreten. „Ich hoffe, es wird kein Problem sein und keinen Einfluss auf die Mannschaft haben. Die Spieler sind intelligent und wissen, was sie auf dem Platz machen. Für die taktische Besprechung vor dem Spiel und in der Halbzeit darf ich zur Mannschaft“, sagte der 42-Jährige vor dem Abflug aus Rom. Alonso lässt sicher wieder rotieren, um auch im 48. Pflichtspiel der Saison ungeschlagen zu bleiben. „Natürlich wollen uns alle schlagen. Aber wir wollen ungeschlagen bleiben. Wir wissen, dass das jede Woche schwieriger wird. Aber das Ziel ist groß.“ Der Spanier hat zudem noch eine Rechnung mit der Eintracht offen. Vergangene Saison setzte es gleich zu Beginn von Alonsos Amtszeit eine 1:5-Klatsche.

Voraussichtliche Aufstellungen: Eintracht Frankfurt: Trapp; Tuta, Koch, Paco, Max; Skhiri, Götze; Embimbe, Chaibi, Etikité, Marmoush.– Bayer 04 Leverkusen: Hradecky; Kossounou, Tah, Hincapie; Xhaka, Palacios; Tella, Grimaldo, Wirtz, Hofmann; Boniface.