Am Mittwoch beginnt die Fußball-EM der Frauen in England. Die UEFA-Abteilungsleiterin Nadine Keßler erklärt im Interview mit Frank Hellmann, wieso für eine gleiche Bezahlung von Männern und Frauen nun Medien und Sponsoren gefragt sind und weshalb sie als ehemalige Weltfußballerin heute nicht mehr mithalten könnte.
Frau Keßler, die 13. EM der Frauen startet am Mittwoch mit einem Ausrufezeichen, wenn das Old Trafford in Manchester zum Eröffnungsspiel zwischen England und Österreich ausverkauft ist. Was erhoffen Sie sich davon?
Ein ausverkauftes Old Trafford ist der Startschuss, um ein Signal zu geben und eine Begeisterung zu schüren. Es ist die größte Bühne, die wir bisher bei einem solchen Turnier hatten. Der historische Ort soll zeigen, wohin die Reise geht. Es ist schon jetzt verrückt, wie groß das Interesse geworden ist.
Wie ist der Stand beim Kartenverkauf?
Ich verfolge das genau, weil ich gefühlt alle fünf Minuten ins Ticketsystem klicke (lacht). Wir sind bereits jetzt bei 500000 verkauften Karten, was gigantisch ist, wobei ein Fünftel der Kartenverkäufe aus Ländern außerhalb Englands stammt. 2017 waren es 240000 Tickets – nach dem Turnier in den Niederlanden. Dass die Leute sich jetzt schon beim Vorverkauf so bedienen, war im Frauenfußball ja nicht üblich.
Nadine Keßler
ist Abteilungsleiterin Frauenfußball für die UEFA. Die 34-jährige gebürtige Pfälzerin gewann 2010, 2013 und 2014 als Spielerin mit Turbine Potsdam und dem VfL Wolfsburg dreimal die Champions League und wurde 2014 Europas Fußballerin des Jahres und Weltfußballerin. 2013 hatte die 29-fache Nationalspielerin mit Deutschland den EM-Titel gewonnen. Nach einer schweren Knieverletzung musste die kampfstarke Mittelfeldspielerin ihre aktive Karriere bereits 2016 beenden.
Es wurde sogar schon beanstandet, dass zu kleine Spielstätten ausgewählt worden sind, weil die City Academy in Manchester etwa nur 4700 Zuschauer fasst, die Stadien in Wigan & Leigh oder Rotherham auch nur 8000 bzw. 12000 Plätze bieten. Hat man sogar zu vorsichtig gedacht?
Dass diese Kritik aufkommt, zeigt die Entwicklung. Nur ist es bei einem Bewerbungsverfahren nicht so, dass die UEFA die Stadien auswählt. Dieses Gesamtkonzept hat der englische Verband zusammen mit den Städten und Clubs entwickelt. Wir haben zwei Stadien mit einer Kapazität unter 10000, zwei liegen zwischen 10000 und 20000, vier um die 30000 und zwei mit einer Kapazität oberhalb von 70000. Das Gesamtpaket passt. Es stehen jetzt rund 700000 statt 430000 Tickets bei der EM 2017 zur Verfügung. Dort lag der Zuschauerschnitt ohne Beteiligung der Niederlande bei knapp 5000.
Es ist also kein einfaches Unterfangen, die größtmögliche Ambition umzusetzen, ohne die Realität zu verlieren. Deshalb war die Stadienwahl keine Fehlentscheidung.
Hat sich der Frauenfußball international vielleicht selbst überholt? Oder haben Sie damit gerechnet, dass der FC Barcelona im neuen Format der Women“s Champions League zweimal im vollen Camp Nou spielt?
Ich würde am liebsten sagen, wir haben genau alles so geplant (lacht). Aber natürlich haben wir uns so etwas erhofft, weshalb wir flexible Regularien geschaffen haben. So können anders als bei den Männern die Stadien im Frauen-Wettbewerb spontan gewechselt werden. Die Zuschauerzahlen sind durch die Decke gegangen, ab dem Viertelfinale wurde in allen Ländern in den großen Stadien gespielt, sodass nicht nur in Spanien Rekorde aufgestellt wurden. Großes Kompliment an die Clubs, die diese Extrameile gemacht haben.

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Die EM schreibt nun diesen Trend mit den Nationalteams fort?
Wir haben uns die Messlatte sehr hoch gelegt. Wir wollen zeigen, wie weit der Frauenfußball gekommen ist, was sich medial und kommerziell getan hat. Die Akzeptanz und Wahrnehmung ist viel besser als zu meiner aktiven Zeit, als mir ein bisschen gefehlt hat, dass auch über das Spiel berichtet wurde.
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Bei der WM 2011 in Deutschland war das Eröffnungsspiel in Berlin ausverkauft und das gesamte Turnier gut besucht, aber der nachhaltige Effekt ist ausgeblieben. Besteht diese Befürchtung für England auch?
Es ist nicht einfach, diesbezüglich einen nachhaltigen Fußabdruck zu hinterlassen. Zum ersten Mal werden der Verband und die Regierung, die lokalen Behörden und die UEFA gemeinsam nach dem Turnier daran arbeiten, um mehr Möglichkeiten für Frauen und Mädchen im Fußball zu kreieren – ob als Spielerin, Trainerin oder Schiedsrichterin. Es wurde Personal eingestellt, damit in England mehr als nur ein Turnier bleibt.
Für diese EM hat die UEFA das Preisgeld auf 16 Millionen Euro verdoppelt, jeder Teilnehmer erhält 600000 Euro Startgeld. Bei der EM der Männer waren es aber 331 Millionen Euro an Preisgeld und allein 9,25 Millionen Euro Startgeld. Sind diese krassen Unterschiede zeitgemäß, wenn viele Verbände die Prämienzahlungen nun angleichen?
Im Moment verdient die UEFA kein Geld mit dem Turnier und generell auch nicht mit dem Frauenfußball. Das ist Teil meiner Antwort. Es ist natürlich gut, dass solche Entwicklungen stattgefunden haben, wobei man sich die Equal Pay Agreements im Detail genau anschauen muss. Die UEFA hat vor einiger Zeit die Rechte für die Frauen-Turniere von den Männern getrennt. Diese Einnahmen werden komplett weitergegeben, das kann ich versprechen. Derzeit sind wir in einer Investitionsphase, denn auch die Ausrichtung, die Teamunterbringung, die Werbung kostet nun rund fünfmal mehr als die EM 2017 in den Niederlanden. Auf allen Ebenen wurden die Service Levels angehoben, dazu gehört auch der Einsatz des VAR.
Also wären im nächsten Schritt Medien und Sponsoren gefordert, mehr für die Rechte eines höherwertigen Frauen-Turniers zu bezahlen?
So sieht es aus. Wir brauchen Fernsehsender und Sponsoren, die spezifisch in den Frauenfußball investieren.
Sie haben bis zu Ihrem Karriereende auf allerhöchstem Level gespielt. Wo beobachten Sie die größte Veränderung?
Ich habe sehr viele Champions-League-Spiele überall in Europa gesehen; ich werde in England viel herumfahren, um viele Begegnungen zu erleben: Das Niveau ist enorm gestiegen, sowohl auf Nationalmannschafts- als auch auf Clubebene. Ich hätte keine Chance, da mitzuhalten – das ist physisch, technisch und taktisch komplett eine andere Nummer geworden. Vielleicht schätze ich mich zu schlecht ein, aber so sehe ich das (lacht).
Welche Erinnerungen haben Sie, wenn sie an den EM-Titel mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft 2013 in Schweden zurückdenken?
Es war der Moment, auf den ich mein ganze Leben hingearbeitet habe. Wir hatten eine tolle Truppe mit hervorragendem Teamgeist, die sich ins Turnier reingekämpft hat. Viele hatten uns abgeschrieben, weil Stammspielerinnen ausfielen, aber die Mannschaft hat alle überrascht.
Haben Sie für diese EM einen Favoriten?
Nein, darüber bin ich sogar froh. Viele Mannschaften haben schon Titelambitionen angemeldet, das finde ich super. Das Niveau dieser EM wird auch sportlich nicht vergleichbar sein mit früheren Turnieren.
Für die nächste Frauen-EM 2025 haben sich Frankreich, Polen, die Schweiz, die Ukraine sowie ein Bündnis aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland beworben. Hätte es nicht Charme, der Ukraine dieses Turnier in drei Jahren anzuvertrauen, um ein Zeichen zu setzen?
Das ist vielleicht ein netter Gedanke, aber so werden Bewerbungsprozesse nicht entschieden – und leider musste die Ukraine auch aufgrund der aktuellen Geschehnisse aus dem aktuellen Bewerbungsverfahren aussteigen. Es ist toll, dass aus so unterschiedlichen Regionen Interesse angemeldet worden ist. Voraussichtlich wollen wir im Januar 2023 eine Entscheidung treffen. Ich kann auch verraten, dass es keine Pläne gibt, das Teilnehmerfeld zu erweitern, wir wollen aber daran arbeiten, dass nicht nur die Spitze, sondern auch die Breite besser wird. Daher werden wir demnächst die Qualifikationsformate überarbeiten.



