Abo

Kai Havertz im SpielerporträtDer deutsche Zidane aus Mariadorf

4 min
Kai Havertz

Kai Havertz im Duell mit Cristiano Ronaldo

Herzogenaurach – Kai Havertz schaute sich um und lächelte. Dann legte er seinen Arm um Sturmkollege Serge Gnabry und schlenderte entspannt übers Feld. Der 22-Jährige hatte gerade den Treffer zum 3:1 gegen Portugal erzielt und sich zum jüngsten Torschützen in der deutschen EM-Geschichte gekürt. Überschwang? Große Gesten? Fehlanzeige!

Geerdet. Das ist ein Attribut, das diejenigen verwenden, die ihn kennen. Einer von ihnen ist Jürgen Gelsdorf. „Kai braucht keine Bleischuhe, der ist mit beiden Beinen auf dem Boden“, sagt der langjährige Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Bayer Leverkusen. Woher das kommt? „Von seiner Familie“, sagt Gelsdorf.

Abitur in Leverkusen gemacht

Zwei Geschwister hat Havertz, Sohn einer Juristin und eines Polizisten. „Daheim wurden alle gleich behandelt“, erinnert sich Gelsdorf. Nur einmal wollte die Mutter ihrem Sohn das Leben erleichtern. Der 16-Jährige sollte auf das Abitur verzichten, um sich auf den Fußball zu konzentrieren. Leverkusens damaliger Trainer Roger Schmidt schritt ein. Der Junge solle lernen, mit Widerständen umzugehen. Havertz machte sein Abitur am Landrat-Lucas-Gymnasium in Leverkusen. Leistungskurse Deutsch und Sport, drittes Fach: Erdkunde. Notenschnitt 3,3 – Nebensache. Er hat sich durchgebissen. In der Schule und im Fußball. Von klein auf.

Mit vier Jahren spielte er zum ersten Mal bei den Bambinis der SV Alemannia Mariadorf. Eigentlich war er ein Jahr zu jung. Doch ein Nachbar der Familie, der den kleinen Kai im Garten der Eltern immer wieder gegen einen Ball treten sah, soll den Trainer überredet haben. Seitdem ist Havertz beinahe überall der Jüngste.

Scout von Bayer entdeckt ihn in Aachen

Bei seinem Heimatverein, bei Alemannia Aachen, in Leverkusen. Ein Scout von Bayer hat ihn in Aachen entdeckt. So einen wie ihn, soll er gesagt haben, hätte er noch nie gesehen. Mit elf Jahren wechselt er in den Nachwuchs des Bundesligisten. 80 Kilometer von zu Hause entfernt. „Um es dem Jungen einfach zu machen, haben wir gesagt, es reicht, wenn er nur zu den Spielen kommt“, sagt Gelsdorf. Havertz war bei jedem Training.

Der Verein stellte ihm einen Fahrer, der ihn zum Training und zu den Spielen brachte. Später besucht er das Nachwuchsleistungszentrum. Als Havertz in der Jugend spielt, hat Bayer keine U16. Havertz geht gleich in den höheren Jahrgang, steigt schnell zu den Profis auf.

Thon ist nicht böse

Der von Kai Havertz entthronte Olaf Thon ist nicht böse: „Es wurde mal Zeit, dass mein Rekord als jüngster EM-Torschütze Deutschlands gebrochen wird“, erklärte der frühere Nationalspieler. Mit 22 Jahren und 8 Tagen war Havertz bei seinem Tor zum 3:1 gegen Portugal 36 Tage jünger als Thon bei seinem Tor bei der Heim-EM 1988 gegen Dänemark (2:0). Thon war auch sonst angetan vom Auftritt des Ex-Leverkuseners: „Havertz hat bereits bei Chelsea bewiesen, dass er ein Matchwinner sein kann. (dpa)

„Er war immer etwas Besonderes“, sagt Gelsdorf über den 1,89 Meter großen Schlacks. „Bei Bayer und jetzt bei Chelsea.“ 118 Bundesligaspiele hat er für Leverkusen absolviert, 36 Tore geschossen. Für 80 Millionen Euro wechselte der beidfüßige Offensivmann vor der Saison nach England. Leicht hatte er es dort nicht. Corona traf ihn hart. Havertz zeigte schwere Symptome. Widerstände überwinden. Er biss sich durch. Unter Trainer Thomas Tuchel kam er nicht gleich zum Zug. Und dann dieser Moment. Im Finale der Championn League erzielte er gegen Manchester City das 1:0.

Gelsdorf hat das Spiel gesehen auch das am Samstag gegen Portugal – und trotz aller Erfolge hat er ihn noch erkannt, den kleinen Jungen, der einst zu Bayer kam. „Er vermittelt einem auf dem Platz immer das Gefühl, dass er dort zu Hause ist. Der Ball ist sein Freund.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Aktuell ist sein zu Hause die DFB-Auswahl. Im 16. Länderspiel hat er seinen vierten Treffer erzielt. Und beim ersten Tor der Portugiesen etwas geschlafen. Doch Havertz soll ohnehin mehr offensiv agieren. Flexibel ist er im Angriff einsetzbar. Aktuell spielt er eher außen. Gerne spielt er aber auch zentral, was Lothar Matthäus zu einem großen Vergleich verleitete. Havertz könne ein Topstar werde wie Zinedine Zidane. Glaubt Gelsdorf das auch? „Bei Kai kann ich mir alles vorstellen“, sagt Gelsdorf. Nur eine Sache nicht. Dass er irgendwann mal abhebt.