Olaf Janßen spricht im Interview über seine gescheiterte Mission beim SV Sandhausen, die Entwicklung seines Ex-Klubs Viktoria Köln und die Zukunft seines ehemaligen Spielers Said El Mala.
Ex-Trainer Olaf Janßen„Der Weg von Said El Mala ist wie ein Fußballmärchen“

Olaf Janßen war nach seinem Abschied von Viktoria Köln für den Regionalligisten SV Sandhausen tätig.
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Herr Janßen, Sie sind seit Ende März nicht mehr Trainer des SV Sandhausen. Wie geht es Ihnen?
Mir geht es gut. Ich konnte bereits gut durchatmen und vor allem loslassen – das muss man in einem solchen Moment bestenfalls können. Ich bin mit mir im Reinen.
Ist die Trennung im Guten erfolgt?
Es war eine einvernehmliche Trennung. Wir sind sehr vertraulich und offen miteinander umgegangen. Das hat sich ab dem ersten Tag gut angefühlt. Der Verein hat mir jegliche Unterstützung zukommen lassen. Es war eine besondere Zeit in Sandhausen, die mir positiv in Erinnerung bleiben wird – auch wenn der sportliche Erfolg, so wie wir uns ihn erwünscht hatten, ausgeblieben ist. Wenn beide Seiten das Gefühl haben, dass es so nicht funktioniert, ist eine Trennung der richtige und logische Schritt.
Was genau hat sich für Sie nicht mehr richtig angefühlt?
Was mich antreibt, ist der Ehrgeiz, maximalen sportlichen Erfolg zu haben. Der war in dieser Konstellation so nicht mehr möglich. Ich bin dann auch niemand, der einen langfristigen Vertrag aussitzt. Ich brauche dieses Gefühl, morgens zum Training zu gehen, angestochen zu sein, die Jungs zu begeistern und mitzunehmen.
Warum ist der erhoffte Erfolg ausgeblieben?
Zum einen hatten wir ein unglaubliches Verletzungspech mit teilweise elf, zwölf verletzten Spielern gleichzeitig. Dadurch hatten wir praktisch die ganze Saison nicht die Mannschaft, die wir uns vorgestellt haben, auf dem Platz. Das war schwer zu kompensieren. Auf der anderen Seite hatte ich nicht das Gefühl, mit den dann noch vorhandenen Spielern die von uns gesteckten Ziele zu erreichen.
Was waren die Ziele?
Das Ziel lautete nicht, im ersten Jahr aufsteigen zu müssen. Unser Ziel war es aber schon, eine Mannschaft zu stellen, die meine DNA auf den Platz bringt. Die Menschen sollten sehen, dass wir Entwicklungsschritte machen. Diese waren in den letzten zwei, drei Monaten jedoch nicht mehr zu erkennen. Das hat sich für uns alle nicht gut angefühlt. Die Verantwortlichen hatten genau in dem Bereich berechtigterweise große Erwartungen in mich gesteckt.
Ihre Arbeit in Sandhausen war ursprünglich auf mehrere Jahre angelegt. Warum fehlte nach nicht mal einer Saison die Überzeugung?
Am Ende des Tages geht es darum, eine Entwicklung zu erkennen. Dann kann man auch mal schwierige Phasen gemeinsam aushalten. Die hatten wir im Laufe der Saison genug und sind zusammengestanden. Wir hätten uns aber gegenseitig Sand in die Augen gestreut, wenn wir den Weg fortgesetzt hätten, obwohl wir gespürt haben, dass es in die falsche Richtung geht.
War es zu ambitioniert, nach Sandhausens Abstieg aus der 3. Liga eine komplett neue Mannschaft aufzubauen?
Rückblickend war es extrem ambitioniert, das hinzubekommen. Es war ein Riesenprojekt. Trotzdem habe ich das viele Monate so nicht gespürt. Ich habe so viel Zuspruch bekommen, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe, wie schwierig diese Aufgabe ist. Ich habe es einfach getan und mich dank der Unterstützung aller Verantwortlichen sehr wohlgefühlt.
Sandhausen ist seit Jahren für fehlende Kontinuität auf der Trainerposition bekannt. Bereuen Sie den Schritt?
Nullkommanull – auch wenn mir vor der Saison viele Menschen die Frage gestellt haben, warum ich nach Sandhausen gehe. Ich bin super dankbar für die Erfahrung, die ich dort sammeln durfte, und auch für die Art und Weise unserer Zusammenarbeit. Am Ende bin ich einfach nur traurig, dass ich das Projekt nicht hinbekommen habe.
Ich habe alles vor – aber nicht, in Rente zu gehen. Und ich werde mich auch nicht auf eine einjährige Weltreise begeben
Planen Sie zur neuen Saison eine Rückkehr an die Seitenlinie?
Ich bin jetzt auch schon ein paar Tage dabei, daher habe ich gelernt, so etwas nicht zu planen. Was ich sagen kann: Ich fühle mich in der Blüte meines Trainerlebens. Erfahrung ist ein ganz wichtiger Baustein in unserem Job. Ich habe alles vor – aber nicht, in Rente zu gehen. Und ich werde mich auch nicht auf eine einjährige Weltreise begeben. Ich bin gespannt, welche Optionen sich auftun werden, und freue mich innerlich schon auf eine neue Aufgabe.
Wie beurteilen Sie die Saison Ihres Ex-Klubs Viktoria Köln?
Es ist herausragend, wie der Weg, den wir im Verein gemeinsam platziert haben, fortgeführt wird. Der Übergang nach meinem Abschied war nahtlos. Obwohl die Mannschaft nochmal einen Riesenumbruch hinnehmen musste, hat sie den Klassenerhalt frühzeitig erreicht. Wenn ich die Jungs spielen sehe, geht mir das Herz auf. Mit Marian Wilhelm (der vorherige Co-Trainer übernahm im vergangenen Sommer als Janßens Nachfolger das Cheftraineramt; Anm. d. Red.) und Valentin Schäfer (seit Februar neuer Sportlicher Leiter; d. Red.) wurden zwei Mitarbeiter aus den eigenen Reihen in führende Positionen gebracht. Mittlerweile haben mehr als 30 Spieler aus dem eigenen Nachwuchs den Sprung in den Profibereich geschafft. Dem Verein ist es zudem gelungen, mehrere Transfereinnahmen zu erzielen. Die Viktoria mit Franz Wunderlich an der Spitze kann sehr stolz auf sich sein. Und ich bin sehr stolz darauf, dass ich Trainer bei meinem Herzensverein sein durfte.
Wie bewerten Sie die erste Cheftrainer-Saison von Marian Wilhelm?
Es ist so, wie ich es erwartet habe. Marian führt die Dinge fort, ist fachlich ein Toptrainer und wirkt auch in den Interviews sehr souverän, sehr klar. Etwas Besseres hätte der Viktoria und auch Marian nicht passieren können. Es passt einfach.
Wo kann Wilhelms Weg hinführen?
Ich denke, da sind keine Grenzen gesetzt. Marian ist noch so jung, macht aber jetzt schon so tolle Arbeit. Das ist natürlich auch anderen Vereinen nicht verborgen geblieben. Dass der Vertrag vor kurzem verlängert wurde, ist für beide Seiten eine Win-Win-Situation. Marian hat hier das totale Vertrauen der Vereinsführung und kann in Ruhe arbeiten. Er bekommt die maximale Unterstützung – auch wenn es mal stürmisch wird, da spreche ich aus meinen viereinhalb Jahren bei der Viktoria aus eigener Erfahrung. Das gibt es in diesem Geschäft nicht mehr allzu oft.
Es war uns von Anfang an klar, welches Potenzial in Said steckt. Er bringt so viel Energie, Bodenständigkeit, Lernwille und Demut mit, dass wir ihn eigentlich nur aufstellen brauchten
Ihr Ex-Spieler Said El Mala sorgt beim FC gleich in seinem ersten Bundesliga-Jahr für Furore. Haben Sie damit gerechnet?
Saids Weg ist wie ein Fußballmärchen. Ich freue mich total für ihn. Bei der Viktoria war uns von Anfang an klar, welches Potenzial in ihm steckt. Said bringt so viel Energie, Bodenständigkeit, Lernwille und Demut mit, dass wir ihn eigentlich nur aufstellen brauchten. Er macht sich auch keinen Kopf, das ist gut so. Seine Qualitäten sind außergewöhnlich und werden gesucht. Im Eins-gegen-eins ist er mit seinem Tempo überragend. Das hat er auch schon beim FC unter Beweis gestellt. Für den FC und Said ist das eine wunderbare Geschichte. Wir dürfen uns auf die nächsten Jahre freuen, denn Said ist aus meiner Sicht noch längst nicht am Ende seiner Entwicklung.
Die Gerüchte über einen Sommer-Wechsel nach England halten sich hartnäckig. Ist El Mala schon reif für die Premier League?
Mit den Leistungen, die Said zeigt, brauchen wir uns keine Gedanken darüber machen, ob wir ihm den Schritt zutrauen. Unabhängig von dem Verein, bei dem Said spielt, ist es ganz wichtig, dass er Spielzeit auf hohem Niveau bekommt. Dem FC winkt sicherlich eine exorbitant hohe Ablöse. Rein sportlich betrachtet bin ich mir aber sicher, dass der FC Said am liebsten nicht abgeben würde und auch Said noch gerne beim FC bleiben würde. Das passt einfach.
Würden Sie anstelle des Bundestrainers El Mala mit zur WM nehmen?
Das kann ich ganz leicht mit einem Ja beantworten. Wenn Said in der Sommerhitze einer WM nach 70 Minuten gegen eine müde werdende Mannschaft eingewechselt wird und mit seinem Tempo über den Platz fliegt, kann das dem Gegner wehtun. Das wäre ein zusätzliches Plus für die Nationalmannschaft. Solche Spieler braucht man für eine perfekte WM. Ich glaube daher schon, dass Said die Möglichkeit hat, mitzufahren. Doch auch für den Fall, dass Julian Nagelsmann sich anders entscheiden sollte, wird Said nicht enttäuscht sein. Er wird seine Entwicklung fortsetzen und seine Länderspiele in der A-Nationalmannschaft bekommen. Da bin ich mir ganz sicher.