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70 Jahre Guinness BuchWie eine Frage beim Jagen das berühmteste Rekordebuch der Welt erschuf

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: Origami-Herzen werden im Komplex des archäologischen Parks von Angkor ausgestellt. Kambodschas Ausstellung von fast 4 Millionen Origami-Herzen wurde in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen und brach damit den bisherigen Rekord

Origami-Herzen werden im Komplex des archäologischen Parks von Angkor ausgestellt. Kambodschas Ausstellung von fast 4 Millionen Origami-Herzen wurde in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen und brach damit den bisherigen Rekord

Was 1955 als Marketingidee einer Brauerei begann, wurde zum globalen Phänomen. Heute verzeichnet das Rekordebuch mehr als 40.000 Bestmarken - von kurios bis spektakulär. 

Anfang der 1950er-Jahre, in der irischen Grafschaft Wexford: Sir Hugh Beaver, damaliger Geschäftsführer der Bierbrauerei Guinness, nimmt an einer Jagd teil. Danach geraten die Teilnehmer in eine Diskussion. Welcher jagbare Wildvogel ist eigentlich der schnellste in Europa? Niemand weiß es, kein Nachschlagewerk gibt Auskunft. Jahre später erinnert sich Beaver an diese Szene und beauftragt 1954 die Londoner Journalisten und Statistiker Norris und Ross McWhirter, ein Buch mit Fakten und Rekorden zusammenzustellen. Am 27. August 1955, vor 70 Jahren, erscheint die erste Ausgabe des „Guinness Book of Records“, um Streitfragen zu klären und Bier zu verkaufen. Exemplare werden in Pubs in ganz Großbritannien verteilt.

Vom Pub-Buch zum Weltbestseller

Was als Marketingidee beginnt, wird zu einem globalen Phänomen. Heute erscheint das Jahrbuch in über 100 Ländern. Mehr als 155 Millionen Exemplare wurden insgesamt mittlerweile verkauft. „Wir haben so viele ikonische Momente erlebt, die erstaunlichsten Leistungen im Hinblick auf Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer von Talenten aus aller Welt, und hoffen, dass das noch lange so bleibt“, sagt Craig Glenday, Chefredakteur von „Guinness World Records“ mit Sitz in London, anlässlich des Jubiläums.

Einer, der sich erst kürzlich in die Riege der Rekordhalter eingereiht hat, ist Dean Stokes, ein 37-jähriger Adrenalin-Junkie aus der englischen Küstenstadt Brighton. Er fuhr innerhalb von nur einer Woche mit 55 Achterbahnen in Großbritannien und Irland. Dabei gab es auch Hindernisse, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung berichtet: „Am dritten Tag kam ein Sturm auf, und die Achterbahnen waren wegen Wind und Regen außer Betrieb. „Da dachte ich, dass ich es vielleicht nicht schaffe.“ Schließlich reichte es doch zum Erfolg. Aus einer privaten Herausforderung wurde dann sogar ein offizieller Weltrekord, nachdem die Londoner Organisation auf seine Leistung aufmerksam wurde. „Ich denke, dieser Titel ist eigentlich leicht zu schlagen, es hatte nur noch niemand offiziell versucht“, so Stokes. Er freue sich darauf, den Staffelstab an andere in der Achterbahngemeinschaft weiterzugeben, damit sie ihn brechen. „Und offen gesagt werde ich wahrscheinlich selbst versuchen, ihn zu übertreffen.“

Von Haarlängen bis Eiswürfelbäder: Die kuriosesten Rekorde

Überdies verzeichnete das Buch außergewöhnliche Maße und körperliche Leistungen: Xie Qiuping aus China hält mit 5,627 Metern Haarlänge seit dem 8. Mai 2004 den Rekord für die längste je gemessene Mähne einer Frau. Der Brite Johnny Strange zog im Jahr 2014 mit seinen Ohrpiercings ein Leichtflugzeug mit einem Gewicht von 677,8 Kilogramm über 20,4 Meter. Hinzu kommen verblüffende Kuriositäten: etwa ein Mann, der 46 Toilettendeckel in einer Minute mit dem Kopf zerbrach, oder ein anderer, der vier Stunden in einem Eiswürfelbad aushielt. In der Guinness-Datenbank sind inzwischen über 40.000 Rekorde verzeichnet, doch ins Buch schaffen es nur rund 4.000 pro Jahr – ausgewählt von einem Redaktionsteam in London, das nach Aktualität, Relevanz und Unterhaltungswert entscheidet.

Der Deutsche Rüdiger Koch hat den Guinness-Weltrekord für die meisten Tage unter Wasser gebrochen. 120 Tage lang lebte er in einer knapp 30 Quadratmeter großen Stahlkapsel

Der Deutsche Rüdiger Koch hat den Guinness-Weltrekord für die meisten Tage unter Wasser gebrochen. 120 Tage lang lebte er in einer knapp 30 Quadratmeter großen Stahlkapsel

Wer einen Weltrekord aufstellen will, muss zunächst online eine Kategorie auswählen oder eine neue vorschlagen. Erst wenn Videos, Fotos und Zeugenaussagen geprüft und für gültig befunden wurden, gilt die Leistung als anerkannt. Eine besondere Herausforderung sei es, Massenereignisse zu erfassen, so Glenday. 100.000 Menschen, die gleichzeitig Zähne putzen, Aerobic machen oder Salsa tanzen – das alles zusammenzuhalten und präzise zu zählen, sei extrem schwierig. Deshalb setze Guinness strenge Methoden ein, um Versuche zuverlässig zu überprüfen.

Portugal, Conqueiros: Bobi, ein Hund der portugiesischen Rasse Rafeiro do Alentejo, sitzt für ein Foto in seinem Haus mit seiner Guinness-Weltrekord-Urkunde für den ältesten Hund. Inzwischen ist Bobi leider gestorben.

Portugal, Conqueiros: Bobi, ein Hund der portugiesischen Rasse Rafeiro do Alentejo, sitzt für ein Foto in seinem Haus mit seiner Guinness-Weltrekord-Urkunde für den ältesten Hund. Inzwischen ist Bobi leider gestorben.

Strenge Prüfung für jeden Rekordversuch

Doch was bewegt Menschen dazu, einen Rekord aufzustellen? Glenday zufolge lassen sich die Anwärter hinsichtlich ihrer Motivation nicht über einen Kamm scheren: „Manche suchen private oder spirituelle Erleuchtung, andere ihre 15 Minuten Ruhm und wieder andere wollen einfach nur ihren Namen im Buch sehen.“ Der Brite Colin Furze sieht die Zertifikate als Anerkennung für die Projekte, „die er von der ersten Idee bis zur Umsetzung begleitet hat“, wie er anlässlich des Jubiläums sagt. Der ehemalige Klempner aus dem englischen Lincolnshire ist für seine waghalsigen Konstruktionen bekannt. 2012 setzte er mit einem motorisierten Kinderwagen einen Rekord: Er fuhr bis zu 86 Kilometer pro Stunde. In Videos ist zu sehen, wie er mit dem Buggy über eine menschenleere Landstraße jagt. Zwei Jahre zuvor machte er ein Senioren-Mobil zum zunächst schnellsten der Welt, es erreichte 114 Kilometer pro Stunde. Dieser Rekord wurde später jedoch von anderen überboten.

Neue Rekorde für jedermann

Laut Guinness World Records zählen zu den am häufigsten gebrochenen Rekorden der längste DJ-Marathon, das schwerste mit Klebstoff angehobene Objekt und die meisten in einer Minute mit dem Mund aus einem Wasserbecken gefischten Äpfel. Ebenfalls regelmäßig neu aufgestellt werde jener für die älteste lebende Person. Aktuell ist das die Britin Ethel May Caterham. Sie wurde am 21. August 116 Jahre alt. Ihr Lebensprinzip: „Nie streiten, die Dinge gelassen nehmen und tun, was man mag.“

Um die nächste Generation zu Rekorden zu inspirieren, hat die Organisation unbesetzte Titel ausfindig gemacht, die „leicht zu erreichen und für jedermann offen“ seien. Dazu gehören etwa der „schnellste 400-Meter-Sacklauf“ und „die meisten High Fives in 30 Sekunden“. Auch das Rätsel um den schnellsten jagbaren Wildvogel Europas gilt als gelöst: Laut Guinness World Records handelt es sich dabei wohl um den Mittelsäger aus der Familie der Entenvögel.