Ein Gespräch über das Leben und den Tod: Zu Besuch bei Filmstar und Maler Armin Mueller-Stahl im Haus an der Lübecker Bucht.
Armin Mueller-Stahl„Alles ist irgendwie in die Luft produziert“

Armin Mueller-Stahl in seinem Wintergarten mit Blick über die Lübecker Bucht.
Copyright: Daniel Benedict
„Ich weiß nicht, wie Sie überhaupt ein Porträt schreiben wollen, wenn Sie das alles nicht kennen“, sagt Armin Mueller-Stahl. Zwei Stunden sitzen wir uns schon beim Tee gegenüber. Am Kamin scheppert die Abzugsklappe. Draußen geht der Wind so heftig in die Kiefer, dass man es noch im Wintergarten rauschen hört. Das Sierksdorfer Haus der Familie ist in leichter Hanglage gebaut. Dass ein Nachbarhaus seit Jahrzehnten den Blick auf die Lübecker Bucht verstellt, beschäftigt seine Frau noch immer.
Gabriele Mueller-Stahl ist in der Küche verschwunden und brät Lachs und Kartoffeln. Ihr Mann zitiert sein Gedicht „Die ganze Angeberei geht dem Ende entgegen“ – Verse, die nicht nur in seinen Büchern zu finden sind. Auch in seiner Malerei, die oft mit Schrift arbeitet, greift er sie auf. Ich höre sie aus seinem Mund zum ersten Mal. Als Schauspieler ist Armin Mueller-Stahl mir vertraut und auch als Maler. Seine Bücher kannte ich nicht. Kann das Porträt trotzdem gelingen?
Wenn man das ganze Werk kennen muss, wird’s schwer. Mueller-Stahl ist Universalist, er spielt, malt, schreibt und macht Musik. Von seinen bis jetzt 95 Lebensjahren waren mehr als 70 künstlerisch produktiv. Schon das Schauspiel holt man kaum ein. Mit gut 140 Filmen deckt er drei Produktionssysteme ab: DEFA-Klassiker wie „Nackt unter Wölfen“. Im Westen dann den Neuen Deutschen Film mit Fassbinders „Lola“. Ab den 1990er-Jahren Hollywood, vom Independent-Film wie „Night on Earth“ bis hin zum Dan-Brown-Blockbuster „Illuminati“. Angebote bekommt er immer noch. Seit zehn Jahren lehnt er alle ab.
Alles zum Thema Ausflug NRW
- Giftige Doppelgänger Vergiftungsgefahr: Worauf es beim Bärlauchsammeln ankommt
- Ausstellung The Scharf Collection erstmals im Düsseldorfer Kunstpalast
- Armin Mueller-Stahl „Alles ist irgendwie in die Luft produziert“
- Soloprogramm Heinz Rudolf Kunze spielte Pop mit Tiefgang in Wipperfürth
- Gastro-Szene Bonn Teestuben mit Charme
Ein gezeichnetes Tagebuch seines Lebens
„Das Ende meines Lebens, das letzte Quartal, soll wie der Anfang sein“, sagt er. „Und die Malerei ist die früheste Kunst meines Lebens.“ Die erste Kinderzeichnung, an die er sich erinnert, ist eine Himmelsleiter. „Ich sehe noch, wie die Leute alle in den Himmel hochkrochen.“ Das Bild steckt jetzt in einem „wunderbaren Kinderbuch“, in dem seine Mutter Sprüche und Zeichnungen der fünf Geschwister gesammelt hat. Irgendwo existiert es noch. Zuletzt hatte es ein inzwischen verstorbener Bruder.
Nach dem Geigenstudium geht Mueller-Stahl Anfang der 1950er Jahre ans Ost-Berliner Theater am Schiffbauer Damm. Später wechselt er an die Volksbühne. In jeder Pause porträtiert er Kollegen. „Nichts ist mir leichter gefallen als Zeichnen“, sagt er. Er brauchte nur den im Kostüm versteckten Bleistift – und die Bierdeckel in der Kantine. An die tausend davon will er in 25 Theaterjahren bemalt haben. Fast alle sind verschollen. Dann kam der Film: „Wenn eine Szene abgedreht war, habe ich die Drehbuchseiten vollgemalt. War es ein emotionaler Tag, war besonders viel Farbe drin.“
In den Bildern liest Armin Mueller-Stahl heute wie in einem Tagebuch. Und das führt er weiter. „Jeden Tag gehe ich zwei, drei Stunden runter und male. Dann komme ich hoch und wir essen zu Mittag.“ Runter – das meint die Treppe, die am Klavierzimmer vorbei ins Kelleratelier führt. „Die ist gefährlich“, sagt Mueller-Stahl und nimmt sich Zeit für die Stufen. Unten geht’s durch die Waschküche, in der ein gutes Dutzend Fleckentferner auf Künstlerkleidung wartet. Mueller-Stahl stützt sich auf seinen Stock und wechselt die Hausschuhe. Die fürs Malen dürfen dreckig werden.
Das Ende meines Lebens soll wie der Anfang sein. Und die Malerei ist die früheste Kunst meines Lebens. [...] Nichts ist mir leichter gefallen als Zeichnen.
Das Atelier ist eine umgewidmete Garage. Eine halb aufgeklappte Tischtennisplatte dient als Zwischenlager für Bilder und Entwürfe. Auf wenigen Arbeitsflächen reicht der Platz nicht für all die Farbflaschen und Vorlagen. Historische Zeitschriftenbände liegen auf aktuellen „Spiegel“-Ausgaben. Ein loses Foto zeigt Walter Lübcke, den hessischen Politiker, der vor sieben Jahren von einem Rechtsextremisten ermordet wurde. Auf der Leinwand gegenüber steht das Porträt, das Mueller-Stahl nach dem Zeitungsausschnitt malt.
Er hat jüdischen Künstlern und den Frauen aus Shakespeares Stücken Porträtserien gewidmet. Wie als Maler behält er auch als Schauspieler die Zeitgeschichte im Blick. Immer wieder ist Mueller-Stahl in Filmen zu sehen, die den Zivilisationsbruch der Nazi-Jahre schildern. Die Ghetto-Geschichte „Jakob, der Lügner“ wird sogar zweimal mit ihm verfilmt, bei der DEFA und als US-Remake mit Robin Williams. Die Filmbiografie „Shine“ bringt Mueller-Stahl eine Oscar-Nominierung ein. Er spielt den Vater des Pianisten David Helfgott: einen Holocaust-Überlebenden.
Auch das Leben macht Armin Mueller-Stahl zur Jahrhundertfigur, die bei allen deutschen Umbrüchen dabei ist. 1930 im damals noch ostpreußischen Tilsit geboren (heute gehört es als Sowetsk zu Russland), erlebt er den Nationalsozialismus als Kind.
Am Tag des Überfalls auf Polen, erzählt er, „habe ich mit meiner Mutter den Vater in der Kaserne in Prenzlau abgeliefert. Er verschwand in den Krieg, aus dem er nicht wieder auftauchte.“ Von seinem Tod erfährt die Familie Jahrzehnte später. Mueller-Stahl nimmt an, dass er als Deserteur erschossen wurde.Schon mit 14 Jahren dem Tod ins Auge geblickt
Auf der Flucht wird auch er selbst, 14 Jahre alt, mit dem Tod bedroht. Ein russischer Soldat hält ihn für einen Hitlerjungen. Mueller-Stahl überlebt, weil ein polnischer Kriegsgefangener eingreift. Das Elternhaus liegt inzwischen in Trümmern. „Mein Vater hatte eine Lieblingslampe. Am rauchenden Balken hing nur noch ihr verbranntes Skelett“, sagt er. „Diese Sachen versuche ich aus dem Kopf zu kriegen.“
Anders als es sich die – Entschuldigung! – dummen Westler vorgestellt haben, war das Leben in der DDR mehr als ein Kampf mit Behörden.
Erzählen, was man nicht erinnern will: Ambivalenzen prägen das Gespräch, auch beim Thema DDR. Fragt man nach Repressionen, weist er zuerst „die falschen Vorstellungen des Westlers“ zurück. Mueller-Stahl erzählt von Freundschaften mit Manfred Krug und Jurek Becker, beschwört „wunderbare Feten“ und ein Theater, für das man selbst aus dem Ausland in den Osten reiste: Brecht und das Berliner Ensemble, Benno Bessons Inszenierungen. Seinen Erfolg in Hollywood führt er auf eine handwerkliche Professionalität zurück, die man nur in der DDR erwarb. Das westdeutsche Kino dagegen findet er dilettantisch, alle außer Rainer Werner Fassbinder. „Anders als es sich die – Entschuldigung! – dummen Westler vorgestellt haben, war das Leben in der DDR mehr als ein Kampf mit Behörden.“ Erst als das gesagt ist, berichtet Mueller-Stahl von genau diesem Kampf, in den selbst ein Nationalpreisträger wie er geriet. In der Serie „Das unsichtbare Visier“ hatte der Publikumsliebling es eben erst zum James Bond des Ostens gebracht. Dann unterschreibt er den offenen Brief gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung – mitten in der Produktion von „Die Flucht“. Der erste ostdeutsche Film zur Republikflucht wird seine letzte Arbeit im Osten. Er wird aufgefordert, die Unterschrift zurückzuziehen. „Was ich nicht getan habe.“
Dann kommt es zur Konfrontation: „Stasi-Beamte haben uns im Auto begleitet und am Alexanderplatz zum Halten gezwungen. Passen Sie auf, Mueller-Stahl, dass Ihnen nicht dasselbe passiert wie in ,Die Flucht‘.“ In dem Film wird seine Figur auf offener Straße erschlagen. „Das war eine Morddrohung“, sagt Mueller-Stahl. „Da haben Sie Ihren Kampf mit den Behörden. Aber das sind Dinge, die schon im Vergessen sind. Sie sollen mein Leben auch nicht mehr berühren.“
Die meiste Zeit sitzt seine Frau – 17 Jahre jünger als er – mit am Tisch, ergänzt eigene Erinnerungen und guckt, dass alles nicht zu anstrengend wird. Zwischendurch liefern die zwei sich liebevolle Geplänkel. Sie kichert oft und lustig. Auch er, schmal geworden, ist dann vollkommen der Alte, mitsamt dem berühmten Jungencharme. Kommendes Jahr kennt das Paar sich 60 Jahre. Das Jawort geben sie sich 1973. Als Hollywood ruft, verwirft die Hautärztin den Plan einer Praxis in Ostholstein und geht mit nach Amerika. „Weil ich dich brauchte“, sagt Armin Mueller-Stahl. „Weil du mich geliebt hast“, sagt sie.
Wie Mueller-Stahls Werk zu erhalten ist, das ist das große Thema der Eheleute. Die aktuelle Ausstellung wandert Anfang April aus der Kunsthalle Emden weiter in das neugotische Wasserschloss Moyland in Nordrhein-Westfalen.
„Von Günter Grass werden Malerei und Literatur in Lübeck präsentiert, die Lithografien in Bremen und die Fotos in Berlin“, sagt der 95-Jährige. Ihm selbst würde schon ein einziges Haus reichen. „Mal sehen, ob wir Filme und Bilder – das ganze künstlerische Werk – noch unter Dach und Fach bekommen. Vielleicht kommt von außen Hilfe.“
Auch hier ist der Künstler ambivalent. Sorgt er sich um seinen Nachruhm? „Es ärgert mich höchstens“, antwortet Mueller-Stahl eher beiläufig. „Alles ist irgendwie in die Luft produziert.“ Erwartungen an sein Vermächtnis weist er zurück: „In der Kiste ist mir das schnuppe.“ Der Rucksack mit Künstlern, die überdauern, sei ohnehin voll – mit Rembrandt, Mozart, Beethoven. „Und auch die haben nichts vom Nachruhm.“
Vor großen Fenstern sitzt Armin Mueller-Stahl im Gegenlicht. Mal schließt er die Augen und lässt seine Frau übernehmen. Mal guckt er mich an und fordert bessere Fragen. Dann wandert der Blick in den Ostseehimmel. Als wir allein sind, berichtet er von Gesprächen über das Sterben. Marcel Reich-Ranicki habe das Jenseits eher wegwerfend behandelt: „Nichts wird sein.“ Von Elisabeth Mann Borgese dagegen, Thomas Manns jüngster Tochter, zitiert Mueller-Stahl die Worte: „Ich bin für alles offen.“ Und die Mutter des Künstlers Jonathan Meese hat ihm gesagt: „Ich habe so Sehnsucht, Erde zu werden.“ Seine Antwort: „So weit bin ich noch nicht.“
Furcht vor dem „Abpfiff“, wie er es nennt, habe er gar nicht, sagt Mueller-Stahl. Dafür habe er zu viele Menschen sterben sehen. Erst im Krieg und dann die vielen, die er durch sein hohes Alter überlebt habe. Er vermisst die Mutter, „die mich sehr geliebt hat“. Auch der Lieblingsbruder fehlt ihm, der nach dem Abitur an einer Krankheit starb. Heute, weiß Mueller-Stahl von seinem Sohn, einem Arzt, hätte man ihn retten können.
Mueller-Stahl spricht nüchtern und entspannt: „Ich bin mir im Klaren, dass die Lebenserwartung eines Mannes bei 83 Jahren liegt. Ich bin zwölf Jahre drüber. Gelegentlich fühle ich auch so was wie einen Schatten über meiner Seele. Und ich denke: Jetzt könnte es bald sein. An anderen Tagen ist es wieder weg.“ Dann zitiert er das Gedicht, das ich nicht kannte:
Die ganze Angeberei geht dem Ende entgegen.
Ich werde nicht mehr Erfolgspläne hegen.
Die Quelle versiegt, erloschen mein Streben.
Der Schlaf nimmt zu und ab: Lust auf Leben.
Armin Mueller-Stahl guckt auf den Pappkarton hinter sich: Zwei Monate nach dem 95. Geburtstag arbeitet er immer noch seine Glückwunschbriefe ab. „100 werde ich nicht mehr. Jedenfalls will ich es nicht werden“, sagt er. „Gabichen – nimm mich nicht ernst“, setzt er noch hinterher. „Machst du ja sowieso nicht.“
