Eine Polizeigranate soll in der Hand des 15‑Jährigen bei einer Demonstration in Lens explodiert sein – der genaue Hergang ist noch unklar.
Schülerproteste in FrankreichPolizei-Granate explodiert – Jugendlicher verliert bei Demo eine Hand

Polizisten sichern den Bereich vor dem Camille-Jullian-Gymnasium in Bordeaux, während Schüler zum Unterricht eintreffen.
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Bei den Schülerprotesten in Frankreich ist ein Jugendlicher nach Behördenangaben schwer verletzt worden. Dem 15-jährigen Schüler sei am Montag (5. Oktober) bei einer Demonstration in Lens von einer Polizei-Granate die Hand abgerissen worden, hieß es aus Kreisen der Polizeigewerkschaft. Er habe die mit Gummigeschossen gefüllte Granate offenbar aufgehoben und zurückwerfen wollen, als diese in seiner Hand explodiert sei. Solche Geschosse werden bei Demonstrationen eingesetzt, um Menschenansammlungen aufzulösen.
Der Präfekt des Départements Pas-de-Calais, François-Xavier Lauch, sprach von einem „sehr schwerwiegenden“ Vorfall. Der Schüler schwebe aber nicht in Lebensgefahr. Der 15-Jährige sei „sehr schnell“ in ein Krankenhaus gebracht worden. Derzeit sei noch unklar, ob der Jugendliche tatsächlich „eine Granate aufgehoben hat, die in seiner Hand explodiert ist, oder ob die Granate auf ihn gefallen ist“, sagte Lauch.
Schule geschlossen – jetzt soll die Polizeiaufsicht ermitteln
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde die Polizeiaufsicht IGPN eingeschaltet, um in dem Fall zu ermitteln. Die Berufsschule in Lens, die der 15-Jährige besucht, kündigte an, ab sofort auf Fernunterricht umzustellen und eine Anlaufstelle für Beratung und Unterstützung einzurichten.
Die Schülerproteste in Frankreich halten seit Wochen an. Aus Sorge vor neuen Ausschreitungen fiel am Montag an mehr als 400 Schulen der Unterricht aus. Auch 30 bis 40 Hochschulen beteiligten sich nach Angaben der Regierung an der Protestbewegung. An den Universitäten blieb es bislang allerdings – anders als an den Schulen – ohne Gewalt.
Hochschulminister Philippe Baptiste warnte dennoch vor einer Ausweitung der Proteste. „Das ist zu befürchten“, sagte er dem Sender Radio Sud. Die Entwicklung der vergangenen Woche bezeichnete er als „beunruhigend und abscheulich“.
Staatsanwaltschaft untersucht Polizeieinsätze
Nach den schweren Ausschreitungen der vergangenen Woche laufen inzwischen auch interne Ermittlungen gegen Polizeikräfte. In fünf Fällen wird der Einsatz der Sicherheitskräfte untersucht. Einer betrifft einen 16-Jährigen, der ein Auge verloren hat. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft stammt die Verletzung vermutlich von einem Hartgummigeschoss der Polizei. Die Familie des Jugendlichen erstattete Anzeige.

Bei Schülerprotesten in Brest wirft ein Demonstrant ein Stoppschild ins Feuer.
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Gleichzeitig ermitteln die Behörden gegen zwei Jugendliche im Alter von 15 und 17 Jahren. Sie sollen einen Polizisten zu Boden geworfen und gegen den Kopf getreten haben. Der 17-Jährige erstattete seinerseits Anzeige gegen den Beamten. Er wirft ihm vor, ihn bei einem Festnahmeversuch in einem Bach mit dem Kopf unter Wasser gehalten zu haben.
Proteste in Frankreich: Auch Schüler unter Verdacht
In Marseille wurde ein 15-Jähriger festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, einer Passantin eine brennende Substanz ins Gesicht gesprüht zu haben. In La Ciotat kam ein 16-Jähriger in Polizeigewahrsam, weil er einen Lehrer mit Benzin besprüht haben soll.

Studierende protestieren in Lyon gegen überfüllte Klassen, Lehrermangel, Stundenpläne und überhitzte Klassenräume.
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Die Menschenrechtsliga kritisierte unterdessen das Vorgehen der Sicherheitskräfte scharf. Sie prangerte eine „weitgehende Abkehr vom Rechtsstaat“ an.
5000 Menschen festgenommen – Regierung sucht nach Lösungen
Premierminister Sébastien Lecornu hatte am Wochenende fünf Ministerien damit beauftragt, nach Lösungen für die Krise zu suchen. Ein entschlossenes Vorgehen müsse mit dem „Anhören berechtigter Anliegen“ verbunden werden, betonte er. Damit reagierte die Regierung auch auf Kritik, sie habe von Beginn an vor allem auf Repression gesetzt.

Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu spricht bei einer interministeriellen Krisensitzung zu den Schulblockaden.
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Nach Regierungsangaben wurden in der vergangenen Woche rund 5000 Menschen festgenommen. 85 Prozent von ihnen waren minderjährig. Zwei Dutzend Schulen wurden schwer beschädigt oder in Brand gesetzt. Zudem wurden 78 Schulbeschäftigte verletzt, wobei es sich in den meisten Fällen nicht um Schüler der betroffenen Schulen handelte.
Für Dienstag sind neue Proteste angekündigt
Für Dienstag haben zahlreiche Organisationen zu einem weiteren großen Protesttag aufgerufen. Die Gewerkschaft CGT kündigte ihre Unterstützung an. „Die CGT wird da sein, um die Schülerinnen und Schüler zu schützen“, sagte Gewerkschaftschefin Sophie Binet. Sie sprach zugleich von einer „beispiellosen Repression durch die Regierung“. Auch die Sozialistische Partei rief dazu auf, die Schülerproteste zu unterstützen.
Auslöser der Unruhen war Mitte September eine Schule in einer Pariser Vorstadt, an der Personal fehlte. Zum Beginn des Schuljahres 2025/26 waren landesweit gut 2000 Lehrerstellen unbesetzt. Die Schüler fordern mehr Lehrkräfte, kürzere Schultage und kleinere Klassen. Außerdem verlangen sie eine bessere Ausstattung mit Klimaanlagen und Heizungen.
Besonders groß ist die Wut in sozial benachteiligten Regionen. Dort sind die Schulen nach Angaben aus der Protestbewegung besonders schlecht ausgestattet. (afp/sbo)
