Köln – Hat das Warnsystem bei der jüngsten Flut-Katastrophe in den stark betroffenen Regionen in Rheinland-Pfalz und NRW funktioniert wie geplant? Oder gab es Lücken in der Warnkette, so dass Kreise, Kommunen und Bürger nicht ausreichend sensibilisiert waren oder aber die Gefahr der Hochwasserfluten nicht ernst genug einschätzten? Die traurige Bilanz von aktuell über 160 Toten und Hunderten Verletzten verpflichtet wohl alle verantwortlichen Stellen, sich kritisch zu hinterfragen. Schwere Vorwürfe wurden bereits geäußert. Erste Bürgerstimmen aus dem mit am stärksten betroffenen Ahrtal in Rheinland-Pfalz beklagten, dass „sie keine offizielle Warnung bekommen haben“. Der Landkreis Ahrweiler hingegen teilte mit, dass sowohl der Wetterdienst als auch der Hochwassermeldedienst Rheinland-Pfalz über die Katwarn-App frühzeitig vor Hochwasser im Kreisgebiet gewarnt hatten.
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Die britische Hydrologin und Mitentwicklerin des EU-weiten Hochwasserwarnsystems Efas (deutsch: Europäisches Hochwasseraufklärungssystem) Hanna Cloke wirft den Behörden der von den Hochwasserfluten betroffenen Regionen „monumentales Systemversagen“ innerhalb der Warnkette vor, die den Schutz der Bevölkerung hätte effektiver gewährleisten können (die Rundschau berichtete).
Vorwürfe wie die aus Ahrweiler haben auch Bürger aus Erftstadt geäußert. Der Rhein-Erft-Kreis gab an, an das Efas-System angeschlossen zu sein. Im aktuellen Fall wurden laut Kreis Warnungen an die Stäbe für außergewöhnliche Ereignisse in den Kommunen weitergegeben, über die Apps Nina, Katwarn und Mowas ausgegeben und zudem Sirenen ausgelöst, wie auch in Erftstadt-Blessem.
Was sagen die andere Landkreise in den Katastrophen-Regionen? Im Oberbergischen heißt es, der Kreis sei nicht unmittelbar an das europäische Warnsystem Efas angeschlossen. Allerdings bestehe eine direkte Anbindung zum Deutschen Wetterdienst (DWD), der sich auch der Informationen von Efas bediene. Der DWD habe die Lage im Vorfeld gemeldet, ohne jedoch kommunengenaue Angaben zu machen. Im Rhein-Sieg-Kreis seien die konkreten Warnungen vor den Gefahren vor Ort in Swisttal und Rheinbach bei Feststellung „umgehend erfolgt“. Die Kreisleitstelle habe die erste Warnsirene am Mittwoch, um 18.42 Uhr, in Lohmar ausgelöst.
Zurück zum flächendeckenden Sirenensystem?
Auch von den Bundes- und Landesbehörden gibt bereits erste Stellungnahmen: Der Deutsche Wetterdienst teilte mit, dramatische Hinweise gegeben zu haben und die Meteorologen in den Medien auf die zu erwartende Gefahr hingewiesen hätten. Zudem hätten Katastrophen-Warn-Apps wie „Nina“ vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK) Dutzende Alarmmails auf Hunderttausende Handys gesendet. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nahm am Montag die Verantwortlichen in den Kreisen und Städten in Schutz: „Die Entscheidungen in den Behörden vor Ort sind richtig getroffen worden“, so Reul. „Ich kenne keinen Fall, wo auf Grund zu später Evakuierung Schaden entstanden ist.“ Ein größeres Problem sei vielfach gewesen, dass Menschen Warnungen nicht ernst genommen hätten und ihr Haus nicht verlassen wollten.
Dass im Vorfeld der aktuellen Hochwasserflut-Katastrophe alles getan sowie richtig und umfassend gewarnt wurde, will die innenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Ute Vogt, so nicht stehen lassen. Die frühere Staatssekretärin im Bundesinnenministerium unter Minister Otto Schily fordert, alle Stufen der Katastrophenschutz-Warnkette auf den Prüfstein zu stellen – angefangen vom Bund bis runter zu den einzelnen Kommunen. „Ich bezweifele nicht, dass gewarnt wurde. Aber ich frage mich, ob die Warnungen von den Verantwortlichen auf den unteren Behördenebenen richtig bewertet werden konnten und in der erforderlichen Nachhaltigkeit an die Bevölkerung weitergegeben wurden“, so Vogt. Wenn auf einer Warn-App „Starkregen“ erscheint, wisse der Bürger ja noch nicht genau, was im konkreten Fall zu tun ist. „Eine Warn-App reicht nicht aus. Wenn ich schlafe, bemerke ich die nicht. Eine Möglichkeit ist, zurückzukommen zum alten, stromunabhängigen Sirenen-Warnsystem.“ Außerdem seien Bund, Länder und Kommunen in der Pflicht, Aufklärungskonzepte für die Bevölkerung zu entwickeln und regelmäßig Katastrophenschutzübungen durchzuführen, so Vogt weiter.
Die zuständigen Behörden im Katastrophenfall sind in NRW die Kreise und kreisfreien Städte. Die entscheiden vor Ort, wie der Katastrophenschutz aufgebaut ist. Seit den 90er Jahren ist das Sirenenwarnsystem in vielen Kreisen und Gemeinden durch modulare Systeme ersetzt worden. Wenn Unwetterwarnungen vom DWD erfolgen, leitet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) die Warnungen an die Landesbehörden, beziehungsweise Kreise und kreisfreien Städte weiter. Auf dieser Ebene wird dann entschieden, ob die Warnung an die Bevölkerung durch Radio, Apps, Sirenen oder Lautsprecherwagen weitergegeben wird.
Bevölkerung wieder stärker für Katastrophen sensibilisieren
Auch Andreas Wohland vom Städte- und Gemeindebund NRW ist der Meinung, dass man zu einem flächendeckenden Sirenensystem zurückkehren sollte. „Der durchdringende Ton einer Sirene hat eine andere Wirkung als eine aufpoppende Warnmeldung in einer App.“ Die Bedeutung eines solchen Warnsystems wird auch bundesweit wieder erkannt, was zum Beispiel die Einführung des bundesweiten Warntages im September 2020 unterstreiche. Dieser war allerdings ein Fehlschlag, weil Sirenen, Warn-Apps und Rundfunkwarnungen zeitlich nicht synchron liefen.
Für Wohland ist entscheidend, dass die Bevölkerung wieder stärker sensibilisiert wird, dass lebensgefährliche Unwetter-Katastrophen auch in unseren Breiten passieren können. „Es ist wahrscheinlich, dass ähnlich schlimme Unwetterereignisse sich in Zukunft häufen werden. Dafür müssen wir ein Bewusstsein schaffen und die Menschen entsprechend darauf vorbereiten, wie sie sich verhalten sollten“, so der Beigeordnete für Feuerwehr und Katastrophenschutz beim Städte- und Gemeindebund NRW. Neben stärkerer Aufklärung, Katastrophenschutzübungen sollten die Bürger zuhause vorsorgen und für den Unglücksfall Wasser, Kerzen und haltbaren Nahrungsmittel sowie zum Beispiel wärmende Decken vorrätig haben.
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Dass es bei der aktuellen Hochwasserflut-Katastrophe zu großen Versäumnissen in der Warnkette gekommen ist, will Wohland nicht bestätigen. „Es gab ja konkrete Warnungen, die sogar zu großen Evakuierungen wie in der Gemeinde Wassenberg-Ophoven am Niederrhein geführt haben. Das hat ja funktioniert.“ Entgegen der Aussagen einiger Wetterexperten wendet Wohland ein, dass es nicht möglich sei, zwei Tage vorher zu warnen, an welcher Stelle genau der Starkregen runterkomme. Die vorhandenen Katastrophenschutzpläne stünden alle fünf Jahre auf dem Prüfstand und würden aktualisiert. Dennoch müsse man nach dieser Katastrophe gründlich überlegen, was man in solch einem Unwetterfall besser machen kann, so Wohland.