Abo

Digitale Akte eingeführtPapierakte am Amtsgericht Wipperfürth hat ausgedient

3 min

Bald ausgedient haben die Papierakten die Michelle Koschwitz symbolisch neben den Laptop von Andreas Türpe hält.

Wipperfürth – Papierstapel einlegen und Start-Knopf drücken. Keine anderthalb Minuten arbeitet der Scanner, dann können Michelle Koschwitz und Anne Wieser die 150 Seiten bereits entnehmen. Der gesamte Ordnerinhalt ist nun digitalisiert, das Hochleistungsgerät schon wieder einsatzbereit.

Zeitplan

Aktuell geht die NRW-Landesregierung von der für alle Gerichte des Landes verpflichtenden elektronischen Aktenführung ab dem 1. Januar 2026 aus.

Ein zentraler Server, auf dem sämtliche Dokumente gespeichert werden, wurde in Münster eingerichtet. Bei der Entwicklung und Anpassung der Software arbeitet NRW mit Bremen, Hessen, Niedersachsen, Saarland und Sachsen-Anhalt zusammen. (sfl)

Mit der Einführung der sogenannten elektronischen Akte übernimmt das Amtsgericht Wipperfürth ab dem heutigen Montag landesweit eine Vorreiterrolle. Rollwagen und Papierstapel sollen bald der Vergangenheit angehören. Klageschriften, Gegenanträge, Gutachten und Beweise werden ab sofort digital gespeichert, verwaltet und vor allem bearbeitet.

Für die NRW-Justiz mit ihren 226 Gerichten und Staatsanwaltschaften ist die Umstellung auf den papierlosen Alltag eine Herkulesaufgabe. Das Düsseldorfer Ministerium spricht von der „größten technischen und organisatorischen Änderung“ seit der Einführung von Computern.

Bevor die elektronische Akte allerdings flächendeckend an Rhein und Ruhr kommt, sind die Wipperfürther gefragt. Das hiesige Gericht ist eines von landesweit zwei Amtsgerichten, das die Software ab heute im Rahmen eines Pilotprojektes testet. „Neben uns wurde das Amtsgericht in Hamm ausgewählt – damit gibt es den Testlauf an einem großen und einem kleinen Amtsgericht“, berichtet Andreas Türpe, Direktor des hiesigen Amtsgerichts.

Seit Jahresbeginn bereitet man sich an der Gaulstraße auf die digitale Akte vor. Ein Dutzend Mitarbeiter wurde speziell geschult, die Schreibtische mit einem zweiten Monitor ausgestattet, auf dem Schriftsätze parallel zur Arbeit gelesen werden. Eine Box nebst persönlicher Karte und Zahlencode für die elektronische Signatur ersetzt künftig die Unterschrift.

Diese Karte für die elektronische Signatur ersetzt die Unterschrift.

Direktor Türpe und die stellvertretende Geschäftsleiterin Michelle Koschwitz sind stolz darauf, dass sie zu den Ersten gehören, die die Software in der Praxis unter die Lupe nehmen. Weil die Entscheidung beweise, dass Digitalisierung und der ländliche Raum nicht im Widerspruch stünden. Vor allem aber versprechen sich beide erhebliche Möglichkeiten der Arbeitserleichterung.

Einige Beispiele: Künftig können mehrere Menschen zeitgleich eine Akte bearbeiten. Zum Beispiel die Richterin und der Kostenbeamte. Auszüge der elektronischen Akte können zudem per E-Mail versandt werden – die aufwendige Recherche, auf wessen Schreibtisch die Schriftstücke gerade liegen, entfällt. „Auch die Arbeit von Zuhause wird deutlich einfacher und damit familienfreundlicher“, betont Koschwitz.

Rund 80 neue Fälle gehen in Zivilsachen – dem Bereich, in dem die Digitalisierung zuerst umgesetzt wird – monatlich in Wipperfürth ein. „Strittige Situationen bei einem Verkehrsunfall oder die Hecke des Nachbarn, die zum Zankapfel wurde, schauen wir uns bald im Gerichtssaal auf einem großen Bildschirm an“, erklärt Türpe.

Viele tausend Seiten aus den Akten werden von Anne Wiese und Michelle Koschwitz per Spezialscanner digitalisiert.

In Zukunft sollen auch Rechtsanwälte ihre Dokumente ausnahmslos elektronisch einreichen. Stand heute sind sie ab 2022 dazu verpflichtet. Das wiederum setze allerdings auch einigen technischen Aufwand voraus, der insbesondere für kleine Kanzleien nicht leicht zu stemmen sei, betont der Direktor. Am Amtsgericht rechnet man deshalb zunächst mit viel Arbeit für den Turbo-Scanner.

Wie lange die Pilotphase in Wipperfürth dauert, ist derzeit unklar. Sicher ist, dass die hiesige Erfahrung für die Justiz im ganzen Land wertvoll sein wird. „Wir werden nach Abschluss des Testlaufs nicht mehr zum Papier zurückkehren“, so Türpe. Das Zeitalter der Papierakte sei vorbei, die Digitalisierung der NRW-Justiz schlicht unumkehrbar.