Der Kölner Coach Sohrab Salimi erklärt, warum Jobwechsel zur Normalität werden – und wie sich Arbeitnehmer für Veränderungen im Beruf wappnen
Die Job-KolumneWenn Loslassen zur Grundkompetenz wird

Weiterbildung ist sowohl aus Arbeitnehmer- als auch aus Arbeitgebersicht sinnvoll, findet unser Experte. Denn wer lernt, sichert sich ab und kann auch im aktuellen Job mehr leisten.
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Vergangene Woche saß ich einem Mann gegenüber, der seit über acht Jahren beim selben Unternehmen arbeitet. Drei Tage zuvor hatte er erfahren, dass seine Stelle wegfällt. Er war ruhig. Nicht resigniert, sondern gefasst. Sein Arbeitgeber nimmt soziale Verantwortung ernst. Niemand wird von heute auf morgen vor die Tür gesetzt, wie es in den USA üblich ist. Es gibt Übergangslösungen, faire Pakete, Zeit. Dafür müssen wir als Gesellschaft dankbar sein.
Und trotzdem saß da ein Mann, der nicht wusste, was als Nächstes kommt. Der Markt ist schwierig. Sein Profil ist sehr spezifisch. „Was mache ich jetzt?“, fragte er mehr sich selbst als mich.
Ich hatte in letzter Zeit mehrere solcher Gespräche. Und wir werden in den kommenden Jahren mehr davon erleben. Die klassische Karriere, vierzig Jahre beim selben Arbeitgeber, am Ende eine goldene Uhr und Festrede, ist ein Auslaufmodell. Nicht, weil Unternehmen herzlos wären, sondern weil sich die Welt schneller verändert, als jede Organisation mithalten kann. Was heute strategisch wichtig ist, kann in fünf Jahren irrelevant sein.
Das ist keine Drohung. Das ist eine Tatsache, die wir akzeptieren müssen.
Loslassen wird zur Grundkompetenz im Berufsleben. Loslassen von Kollegen, mit denen man viel erlebt hat – Höhen wie Tiefen. Loslassen von Themen, in denen man Experte war. Manchmal sogar von Städten und Routinen. Wer das nicht kann, dem wird die Veränderung umso härter zustoßen, wenn sie kommt. Und sie kommt. Was hilft, wenn man mittendrin steht?
Erst einmal innehalten. Der Reflex, nach einer Kündigung sofort die nächste Stelle zu suchen, ist verständlich, aber gefährlich. Wer aus Druck handelt, nimmt das nächstbeste Angebot statt das richtige. Davor steht eine andere Frage: Wer war ich in diesem Job? Und wer will ich in den nächsten Jahren werden? Erst wenn das klar ist, weiß man, wonach man sucht.
Die meisten denken zu spät über Weiterbildung nach
Hör nie auf, zu lernen. Die meisten denken über Weiterbildung erst nach, wenn es zu spät ist. Wer kontinuierlich lernt, hat im Ernstfall keinen Schock, sondern Substanz. Und Lernen ist nicht Absicherung gegen den eigenen Arbeitgeber. Wer wächst, leistet auch im aktuellen Job mehr. Gerade jetzt, mit Künstlicher Intelligenz, ist Lernen wichtiger denn je und gleichzeitig einfacher denn je.
Auch Arbeitgeber tragen hier Verantwortung. Soziale Verantwortung beginnt nicht beim Abfindungspaket. Sie beginnt jeden Tag, an dem ein Unternehmen seinen Mitarbeitern Raum für Entwicklung gibt. Wer Menschen jahrelang nicht weiterbildet, lässt sie irgendwann mit Fähigkeiten zurück, die der Markt nicht mehr verlangt.
Hoffnung ist keine Stimmung, sondern eine Entscheidung. Zuversicht in schwierigen Marktlagen fällt niemandem leicht. Aber sie ist nicht das Gegenteil von Realismus. Sie ist die Bereitschaft, trotz unklarer Sicht den nächsten Schritt zu gehen. Mit jedem Gespräch, jeder Bewerbung, jedem Anruf wird die Sicht ein Stück klarer. Wer wartet, bis die Sicht gut ist, wartet ewig.
Der Mann möchte sich Zeit nehmen. Statt sich gleich neu zu bewerben, fragt er sich gerade: „Was würde ich tun, wenn ich noch einmal anfangen dürfte?“ Eine Frage, die er sich in acht Jahren nicht gestellt hat. Und er fängt an, sich in ein Thema einzuarbeiten, das ihn schon lange reizt.
Veränderung fühlt sich meist weniger wie ein Geschenk und mehr wie ein Verlust an. Manchmal ist es das auch. Aber sie öffnet auch Türen, die vorher verschlossen waren. Eine Chance ist sie nicht automatisch. Veränderung wird zur Chance, wenn man sie als solche behandelt.
Loslassen lernt man nicht im Moment des Verlusts. Man lernt es vorher. Im Kleinen. Indem man neugierig bleibt und sich nicht zu sehr an den Status quo klammert. Von nichts kommt nichts.

Sohrab Salimi schreibt regelmäßig die Job-Kolumne.
Copyright: Selda Schretzmann
Zur Person und zur Kolumne
Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. In seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ schreibt er einmal im Monat über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt.
