DIN-Chef Christoph Winterhalter verrät, welche unsichtbare Macht hinter den 35.000 Regeln steckt, die unseren Alltag ordnen.
DIN-Chef Winterhalter„Normen sind kein bürokratischer Selbstzweck“

Christoph Winterhalter ist der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Instituts für Normung.
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Christoph Winterhalter ist seit zehn Jahren beim Deutschen Institut für Normung und beinahe ebenso lange dessen Vorstand. Für ihn sind Normen alles andere als starre Bürokratie, ganz im Gegenteil: „Normen sind dynamische Werkzeuge, die Innovation, Sicherheit und Qualität ermöglichen“, sagt der Informatiker. Im Interview mit Finja Jaquet verrät er mehr über die Entstehung neuer Normen, über die Bedeutung im globalen Handel und warum Normen Bürokratie sogar vereinfachen können.
Herr Winterhalter, als Vorstand des DIN: Sehen Sie im Alltag eigentlich überall nur noch Normen, wenn Sie zum Beispiel die Schriftart auf Verkehrsschildern betrachten?
Normen im Alltag fallen mir mittlerweile schon häufiger auf als früher. Ich finde es spannend, wie oft sie uns begegnen und was sie im Hintergrund leisten. Ob die genormte Stufenhöhe einer Treppe, die Schrift auf Verkehrsschildern oder die Sicherheit eines Schnullers – all das ist geregelt, damit wir verlässlich leben können. Damit wirkt Normung als eine Art unsichtbare Infrastruktur, die unser Leben wesentlich einfacher und sicherer macht.
Haben Sie eine Lieblingsnorm und wenn ja: welche und warum?
Ja, eine Lieblingsnorm habe ich tatsächlich: die DIN EN ISO 10218 zur Sicherheit von Industrierobotern. Ich habe früher selbst in der Robotik gearbeitet und kenne die Norm daher aus der Praxis. Sie ermöglicht, dass Menschen heute direkt mit Robotern zusammenarbeiten können, ohne dass es Schutzzäune braucht. Für mich zeigt diese Norm beispielhaft, wie Standards Fortschritt und Sicherheit vereinen.
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35.000 Normen umfasst das deutsche Normenwerk derzeit, spätestens alle fünf Jahre erfolgt die Prüfung: Wie ist das zu schaffen?
Dafür sind die jeweiligen Fachausschüsse zuständig, in denen sich über 30.000 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft kontinuierlich um die Aktualisierung des Normenwerks in ihrem Zuständigkeitsbereich kümmern. Sie bewerten, ob eine Norm noch relevant ist oder nicht. Jährlich werden auf diese Art etwa 2000 Normen überarbeitet und aktualisiert. Rund 150 neue kommen dazu, etwa genauso viele werden zurückgezogen. Der allergrößte Teil unserer Normen ist übrigens europäisch oder international – mehr als 80 Prozent.
Jeder kann Vorschläge für eine neue Norm einreichen. Wie viele Vorschläge erhalten Sie etwa pro Jahr und aus welchen Branchen kommen die meisten?
Pro Jahr erreichen uns rund 1700 Anträge, davon im Schnitt 630 für neue Themen und Projekte. Traditionell kommen viele aus dem Bauwesen und der Fertigungsindustrie wie Maschinenbau, Elektro- und Automobilindustrie, inzwischen aber auch immer stärker aus Zukunftsbereichen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Energiewirtschaft. Wichtig ist: Normen entstehen nur, wenn auch ein konkreter Bedarf bei den interessierten Kreisen aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft besteht.
Welche Rolle spielt China aktuell bei internationalen Standards und was bedeutet Chinas Strategie für uns?
China nutzt Normung strategisch und engagiert sich systematisch in Schlüsselbereichen wie KI, Quantencomputern oder GreenTech. Heute leiten sie bereits elf Prozent der internationalen Gremien – vor einigen Jahren waren es unter zwei Prozent. Für Deutschland bedeutet das: Wir müssen aufpassen, nicht unsere Führungsrolle in der Normung insbesondere bei Zukunftsthemen zu verlieren. Denn wer die Standards setzt, prägt die Märkte – und damit auch die Spielregeln, nach denen zum Beispiel Produkte gestaltet werden.
Wie können wir sicherstellen, konkurrenzfähig zu bleiben – und welchen Beitrag muss die Politik dazu leisten?
Wirtschaft, Politik und Verbände müssen sich auf die wirklich strategischen Zukunftsfelder konzentrieren und dort deutsche Expertinnen und Experten gezielt unterstützen – finanziell und organisatorisch. Sonst laufen wir Gefahr, bei Hochtechnologien wie KI oder Quantencomputern den Anschluss zu verlieren. Die Politik sollte helfen, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich mehr Fachkräfte in internationale Gremien einbringen können.
Allzu oft heißt es, Normen würden zu mehr Bürokratie führen. Was setzen Sie diesem Vorwurf entgegen?
Diesen Vorwurf hören wir häufig, aber er greift zu kurz. Normen sind kein bürokratischer Selbstzweck, sondern reduzieren Komplexität. Derzeit legt die Politik häufig im Detail fest, wie Unternehmen ihre Berichte erstellen müssen – in welchem Format, für welche Behörde, oft sogar mehrfach. Würden Unternehmen ihre Daten hingegen einheitlich strukturieren, speichern und digital zugänglich machen, also standardisierte Datenmodelle verwenden, ließe sich der Berichtsaufwand auf ein Minimum reduzieren.
Gibt es auch Bereiche, womöglich im Normierungsverfahren selbst, die Sie als zu bürokratisch erachten?
Klar, manchmal wirken die Prozesse in der Normung langwierig und starr. Das hat zwei Gründe: Zum einen treffen am runden Tisch von DIN ganz unterschiedliche Interessengruppen aufeinander. Bis die sich alle auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt haben – das braucht eben Zeit und einen klaren Prozess, der sicherstellt, dass alle Stimmen gehört werden. Zum anderen geht es in der Normung teilweise um hochspezialisierte Themen. Um die richtig zu erfassen, muss man eben sehr exakt arbeiten – und das ist letztlich ein großer Vorteil, weil die Normen dadurch wirklich belastbar, breit akzeptiert und praxistauglich sind.
