Günter Blase, gelernter Schreiner, Holzingenieur und Gründer der Kölner Igus SE&Co.KG, des Weltmarktführers für Gleitlager und Energieketten aus Kunststoff, ist vor wenigen Tagen im Alter von 95 Jahren verstorben.
NachrufIgus-Gründer Günter Blase ist tot

Günter Blase auf Arbeit
Copyright: Igus SE
Im Deutschen hat das Wort „Plastik“ noch immer einen billigen Beigeschmack. Unsere schöne Sprache hat deshalb das Wort „Kunststoff“ erarbeitet - was viel wertiger klingt. Kaum ein anderer rheinischer Unternehmer hat die Bandbreite der Möglichkeiten, die im faszinierendsten Material der Moderne stecken, so verstanden wie Günter Blase. Der gelernte Schreiner, Holzingenieur und Gründer der Kölner Igus SE&Co.KG, des Weltmarktführers für Gleitlager und Energieketten aus Kunststoff, ist vor wenigen Tagen im Alter von 95 Jahren verstorben.
Der magische Moment im Leben des Unternehmers, Tüftlers und Erfinders Günter Blase ist der 15. Oktober 1964. Da fuhr der damals 33-Jährige, der sich eben erst in einer, wie es sich heute für Gründer gehört, damals aber alles andere als normal war, Garage selbstständig gemacht hatte, mit seinem VW-Käfer zu einem potenziellen Kunden nach Mönchengladbach. Die kalte Schulter war alles, was der Einkäufer des Textilmaschinenbauers Schlafhorst für den Jungunternehmer aus Köln-Mühlheim übrig hatte.
Vom Winzling zum Global Player
Günter Blase aber, das hat es mit ihm als Ehemann, Chef und Vater sicher nicht immer nur leicht gemacht, ließ einfach nicht locker und sagte: „Geben Sie mir Ihr schwierigstes Bauteil, ich mache das.“ Man reichte ihm den Ventilkegel eines Vergasers, ein Teil, das im Firmenkatalog ausschaut wie der Tischleuchtenklassiker Onfale, in Wirklichkeit aber nur Millimeter groß ist. Aus diesem Winzling ist eines der größten aktiven Kölner Industrieunternehmen entstanden.
Blase ist am 21. Juni 1931 in Leverkusen auf die Welt gekommen, die Mutter Hausfrau, der Vater Werkspolizist bei Bayer, Kleinbürgertum in ganz schwieriger Zeit. Was genau es zu Essen gab, ist nicht überliefert, nur, dass es kalt war im Esszimmer und nicht sehr viel auf den Teller kam. Die Mutter war derart sparsam, dass Günter Blase seine Zeitgenossen bis zuletzt mit der Vorliebe für überheizte Räume und dazugehörige Dauerbeleuchtung irritierte.
Verkaufsschlager aus Iglidur
Blase kommt vom Holz, doch der Kunststoff wird sein Metier, er denkt, tüftelt, entwickelt. Früh ahnt er, dass in dem preiswerten Material mit seinen zahllosen Rezepturen fast unendliche technische Möglichkeiten stecken. Und aus der Billigkomponente, die ja von Anfang an im Plastik steckt, macht er ebenfalls eine Tugend: Er ersetzt komplizierte Verschleißteile aus Metall durch Kunststoffprodukte, die er auf zunächst einer einzigen Maschine im Spritzgussverfahren fabriziert.
Die ersten Jahre des Unternehmers Günter Blase sind hart, dann geht es aufwärts, der zweite große Wendepunkt kommt im Jahr 1983. Längst wissen Blase und seine Igus, dass Kunststoff auch für Gleitlager herausragend geeignet sind. Der große Vorteil: Die eigenen Produkte müssen weder geölt noch gefettet werden und sie laufen, im Gegensatz zu klassischen Gleitlagern aus Metall, praktisch wartungsfrei.
Dafür sorgt ein von Igus optimiertes Material, das die Möglichkeiten des Kunststoffes in neue Dimensionen treibt: Hier verbinden sich Polymere, also klassischer Kunststoff, mit Füllstoffen wie etwa Glasfasern. Darin eingebettet, und das ist der eigentlich Clou, sind mikroskopisch kleine Festschmierstoffe. Fertig ist das, was Igus unter dem Markennamen Iglidur in die Welt verkaufen wird. Zahlreiche Patente hat Blase damit entwickelt, etwa die Energiekette mit integriertem Gleitstück, wofür im US-Patentamt in Alexandria das Aktenzeichen Nummer 7451590 B2 steht.
Der Sohn beginnt bei Unilever
Spätestens jetzt, 1983, beginnt die industrielle Vater-und-Sohn-Geschichte: Denn mochte Günter Blase als Innovator überaus spitzfindig agieren, als Unternehmer blieb er konservativ. Es bedurfte eines genialen Verkäufers, um aus Igus das zu machen, was es heute ist. Sein Name: Frank Blase. Eigentlich wollte Günter Blases Erstgeborener eigenen Angaben zufolge einmal Regisseur werden. Dann studierte er, wie es sich für den guten Sohn eines rheinischen Industriellen gehört, so etwas wie BWL – allerdings in Amerika. In Texas macht er einen MBA-Abschluss und startet frühreif beim Konsumgüter- und Marketing-Giganten Unilever.
Derart profund vorbereitet, beginnt Frank Blase als Verkaufsleiter im damals noch väterlichen Unternehmen. Im Gegensatz etwa zur Versicherungswirtschaft entstehen Erfolgsprodukte in der Industrie in der Regel nur dann, wenn Entwicklung und Vertrieb Schulter an Schulter und vor allem harmonisch miteinander arbeiten – was im Falle Igus der Fall war; auch wenn die familiäre Harmonie immer wieder hart erarbeitet werden musste.
Der Papa denkt bescheidener
Das hat Frank Blase in seinem Essay, den er zur Würdigung des väterlichen Werks auf gut 50 Seiten aufgeschrieben hat, nicht nur zwischen den Zeilen anklingen lassen. In jedem Fall herrschte klare Arbeitsteilung: „Verkauf Du Mal, ich produziere das schon“, soll der Vater dem Sohn gesagt haben. Zuvor hatte man sich darauf verständigt, dass mit den Gleitlagern der Igus das wirklich große Geschäft lockte. So war es dann auch, wenngleich sich aus der Frage, was man mit dem Erfolg zu tun gedenke, durchaus Diffferenzen ergaben.
Frank dachte groß und international, der Papa blieb bescheidener – was im betriebswirtschaftlichen Zusammenhang auch gefährlich werden kann. Schon 1985 gründet Frank Blase deshalb fern der Heimat die US-Niederlassung, das Unternehmen wächst überproportional, ab 1993 hat Frank im Betrieb das Sagen, als CEO. „Motion plastics“ lautet seither der Igus-Claim, Eltern und Bruder Carsten begleiten den Igus-Weg zu dem, was neudeutsch hidden champion heißt.
Ein atemberaubender Entwurf
Zuvor hatte der Vater noch ein Zeichen gesetzt, das weit über seine Zeit hinausweist – und mit dem er auch die eigenen Grenzen sprengte. 1988 kaufte der Igus-Gründer in Porz-Lind ein großzügig geschnittenes Grundstück, um dort die Fabrik seiner Träume zu errichten. Er reiste nach London und bekniete den britischen Star-Architekten Nicholas Grimshaw, für ihn zu bauen. Der Entwurf war atemberaubend und der Bau sündhaft teuer, noch heute wird der Autofahrer, der auf der A59 die Anschlussstelle Lind in Richtung Köln passiert, von diesem industriellen Blickfang in weíß und gelb angezogen und damit abgelenkt.
Der Übergang zur nächsten Generation ist in deutschen Familienunternehmen der eigentliche Schicksalsmoment, oft geht das richtig schief. Bei Igus ging es am Ende gut, aber es hat sehr lange gedauert. Bis 2023 kam Günter Blase noch jeden Tag ins Büro, schon zwei Jahre später zog sich Sohn Frank ebenfalls aus der operativen Führung von Igus zurück.
Am Freitag nehmen seine Familie, Freunde, Mitarbeiter und Prominenz vom großen Unternehmer Günter Blase Abschied, in seiner Fabrik natürlich. „Das war seine Kirche“, sagt der Sohn – und meint das alles andere als blasphemisch. Die Dachkuppeln von Günter Blases „Kirche“ sind aus glasfaserverstärktem Kunststoff gewirkt.
