Der Steuerberater-Verband Köln feiert am Mittwoch 75-jähriges Bestehen. So viel Arbeit wie derzeit hatten die Berater zuvor kaum, wie der Präsident Gero Hagemeister im Gespräch mit Ralf Arenz berichtet.
Präsident des Steuerberater-Verbands Köln„Die Grundsteuer ist ein Arbeitszeitfresser“

Die Erklärung zur Grundsteuer mit Elster ist alles andere als selbsterklärend.
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Wie viel Arbeit macht den Beratern denn gerade die Grundsteuer?
Die Grundsteuer ist ein ganz erheblicher Arbeitszeitfresser. Die Erklärungen zur Grundsteuer sind für die Steuerzahler alles andere als selbsterklärend, gerade auch das elektronische Elster-Verfahren. Das kommt auch daher, dass Sachverständige und Verbände wie der Steuerberater-Verband vorher nicht gehört wurden. Und diese Arbeit zur Grundsteuerreform kommt zusätzlich zu den vielen anderen Themen, die wir aktuell zu bearbeiten haben.
Sie haben die Corona-Pandemie mit den unterschiedlichen Hilfen für die Unternehmen und den damit verbundenen Beratungsbedarf noch nicht abgehakt?
Genau. Bei den Coronahilfen waren die Berater schon als Unterstützung für die Unternehmen gefordert, jetzt geht es hier um die Schlussabrechnung. Auch beim Kurzarbeitergeld sind die Berater gefordert. Wir müssen in der sich aktuell abzeichnenden Krise Stundungsanträge und Herabsetzungsanträge für viele Unternehmen und Steuerzahler stellen. Zum Glück sind die Abgabefristen für die Grundsteuer und die Steuererklärungen verlängert worden. Darum mussten wir kämpfen. Das Ansinnen auf Fristverlängerung war allerdings begründet und ist ausdrücklich kein Gnadenakt. Denn generell überträgt die Finanzverwaltung immer mehr an Verantwortlichkeiten auf die Steuerberater und die Steuerpflichtigen.

Gero Hagemeister, Präsident Steuerberater-Verband Köln
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Wie sind die Berater und die Finanzämter durch die Pandemie gekommen?
Die Arbeit ist für Berater und Verwaltung schwieriger geworden. Wir beide hatten erhebliche coronabedingte Einschränkungen, und die Arbeit im Homeoffice hat die Kommunikation erschwert. Zeitweise waren die Finanzämter schwer zu erreichen. Und generell leiden wir beide unter einem Fachkräftemangel. Das Ergebnis ist eine signifikant steigende Arbeitsverdichtung. Dazu kommen aktuelle Kostensteigerungen, die auch an den Kanzleien nicht vorbeigehen.
Hat die Pandemie auch in Ihrer Branche zu einem Digitalisierungsschub geführt?
Die Steuerberater waren visionäre Treiber der Digitalisierung, die bereits 1966 ihren IT-Dienstleister Datev gegründet haben. Wir waren früh elektronisch unterwegs, die Verwaltung hat aber in Art und Umfang bei weitem noch nicht mitgezogen. Aktuell müssen wir beispielsweise die Erklärungen zur Grundsteuer etwa elektronisch an die Finanzämter senden. Die elektronische Rückübermittlung ist aber ausgeschlossen. Die erfolgt auf Papier. Und das im Jahr 2022.
Sie feiern 75-jähriges Bestehen des Steuerberater-Verbands Köln. Da haben Sie sich in den Annalen geblättert. Waren die Zeiten für die Berater schon immer so bewegt?
Ich nehme einmal meine persönlichen Erfahrungen: Irgendetwas war immer. Aber die Arbeitsverdichtung und der Fachkräftemangel scheinen mir heute schon extrem zu sein. Andererseits bietet das glänzende Zukunftsaussichten für den Berufsnachwuchs. Wir Berater werden ganz gewiss nicht wegrationalisiert. All die aktuellen Hilfsmaßnahmen müssen schließlich finanziert werden. Und das wird naturgemäß über Steuern geschehen.
Finden Sie genug Nachwuchs für die wachsenden Aufgaben?
Wir müssen noch weiter an unserem Image arbeiten. Wir sind nicht die Zahlenknechte, für die uns manch einer hält. Bei uns geht es um Sachverhalte aus der Lebenswirklichkeit. Auch aus dem privaten Bereich. Sonderausgaben, Ausbildungskosten, außergewöhnliche Belastungen müssen mit dem Mandanten vollständig erörtert und Gestaltungsmöglichkeiten müssen aufgezeigt werden. Wir beraten bei komplexen Entscheidungen wie der Nachfolge in Firmen, bei Umstrukturierungen oder in Erbschafts- und Schenkungsfragen. Wir leisten eine finanzwirtschaftliche Unternehmens- und Lebensberatung, die wir kontinuierlich erbringen.
Kann es ein einfaches Steuerrecht geben?
Wir hoffen darauf. Wir sind nicht die Profiteure eines komplizierten Steuerrechts, sondern leiden auch darunter. Es bleiben aber sehr komplexe Felder wie die Auslandssachverhalte oder widersprüchliche Regelungen im Steuerrecht. Nicht alles, was wirtschaftlich sinnvoll für ein Unternehmen ist, passt zum Steuerrecht. Wir gehen in den Austausch mit dem Gesetzgeber. Der greift aber leider immer weniger auf unseren Sachverstand zurück. Als Verband haben wir den Kontakt zu den engagierten und hochkompetenten Kolleginnen und Kollegen in unserem Verbandsbereich. Über die Organisation oder etwa in Fortbildungen bekommen wir in Echtzeit die Probleme aus der Praxis zurückgespiegelt.
Gibt es ein Misstrauen der Politik gegenüber den Beratern?
Nach unserem Eindruck nimmt das Misstrauen zu. Wenn wir Gestaltungsmöglichkeiten oder Wahlrechte, die die Gesetze einräumen, nutzen, ist schnell von „Steuerschlupflöchern“ die Rede. Auch werden die Sanktionen übermäßig ausgeweitet, dabei passieren nicht alle Fehler in einem komplexen System immer mit Vorsatz. Oft handelt es sich schlicht um Versehen. Da wäre mehr Augenmaß wünschenswert. Fristen sind oft zu eng gesetzt. Das Steuerrecht soll nach dem Willen des Gesetzgebers aber häufig allen Einzelfällen gerecht werden. Müssen die dann aber in jedem Detail abgebildet werden, kommt das Steuerrecht an seine Grenzen. Gleichzeitig wird das Steuerrecht zur Umverteilung genutzt. Zum Beispiel die kalte Progression. Bei einem 1,3-fachen Durchschnittseinkommen liegen Steuerzahler heute schon im Bereich des Spitzensteuersatzes. Der ist aber doch kein Spitzenverdiener. 1958 war dafür das 20-fache erforderlich.
Haben Sie Wünsche an den Gesetzgeber?
Wir wünschen uns ein systematisches, an Grundsätzen ausgerichtetes Steuerrecht: transparent, gerecht und einfach.
Wann gibt es das?
(lacht) Vielleicht zu unserem 100. Geburtstag.
Zur Person
Gero Hagemeister hat Betriebswirtschaft studiert und ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Er ist Partner bei der Beratungsgesellschaft BDO und seit 2020 Regional Managing Partner Rheinland. Hagemeister wurde 2021 Präsident des Steuerberater-Verbands Köln mit über 3300 Mitgliedern und Vizepräsident des Deutschen Steuerberaterverbands. Der Kölner Verband feiert am Mittwoch das 75-jährige Bestehen. (raz)