Köln/Region – Vertreter der Industrie- und Handelskammern (IHK) aus Köln, Aachen und Mittlerer Niederrhein haben am Dienstag zum Thema „Energiesicherheit im Rheinischen Revier“ kein Blatt vor den Mund genommen: Einem vorzeitigen Kohleausstieg bereits im Jahr 2030, wie es Teile der Bundesregierung fordern, erteilten sie eine klare Absage.
„Wir müssen Unternehmen mit energieintensiven Produktionsstätten Sicherheiten bieten, dass auch nach 2030 keine Energieversorgungslücken entstehen, sonst werden wir deutliche Rückgänge bei den Investitionen haben“, teilte IHK Köln-Hauptgeschäftsführer Uwe Vetterlein in Köln mit.
Abwanderung von Unternehmen befürchtet
Sein Kollege von der IHK Aachen, Michael Bayer, ging noch einen Schritt weiter und warnte, dass „Unternehmen letztlich aus dem Revier abwandern werden, wenn die Energie-Versorgungsstabilität nicht mehr hundertprozentig garantiert ist“. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine seien Pläne für einen vorgezogenen Kohleausstieg 2030 daher unrealistisch. Man brauche die Kohle weiter als Rückversicherung, wenn die Erneuerbaren die nötige Stromlast für die Industrie im Revier nicht liefern.
Vorgestellt wurde am Dienstag eine von den genannten IHKs in Auftrag gegebene Studie der SME Management, die Unternehmen im Bereich Energiesysteme berät. Kurt Vetten von SME führte aus, dass die bisherigen Anlagen für Erneuerbare Energien die wegfallenden Kapazitäten beim Ausstieg aus der Kernkraft (Ende 2023) und der Kohle (spätestens 2038) „auf keinen Fall kompensieren werden“. Hinzu käme, dass die aktuellen Anlagen für erneuerbaren Strom nicht die Stabilitätsanforderungen in der Stromversorgung erfüllen, die die noch bestehenden Großanlagen der Kernkraft- und Kohlekraftwerke gewährleisten.
Gas soll primär an die Industrie gehen
Vetterlein forderte wegen der aktuellen Kriegslage in der Ukraine: „Wir sollten das Gas, das wir haben, möglichst nicht zur Stromerzeugung nutzen, sondern primär der Industrie zukommen lassen, damit die Produktion in der Chemie, Nahrungsmittelindustrie sowie der Aluminium- oder Papierherstellung im Revier auf hohem Niveau weiterlaufen können.“ Michael Bayer forderte einen schnellen Ausbau der Energieanlagen zur erneuerbaren Energiegewinnung und der Wasserstoffspeicher. Der Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein, Jürgen Steinmetz, konkretisierte diese Forderung: „Wir brauchen eine zügige Auswahl von geeigneten Flächen für die Erneuerbaren, kürzere Genehmigungsverfahren und Klageverfahren, die sich nicht über Jahre hinziehen.“ Wenn man die Energiewende im Revier schaffen wolle, benötige man ab jetzt rund 100 neue Windanlagen im Jahr, um 2038 komplett aus der Kohle auszusteigen.
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Auch aus dem Lager der in der Studie befragten Unternehmen wurden Sorgen geäußert: „Die deutsche Industrie funktioniert wie ein menschlicher Körper. Kappt man die Lebensader ,Energie’, bricht das ganze System zusammen,“ hieß es da in einem Zitat, ohne den Namen des Unternehmens zu benennen. Steinmetz äußerte dazu, dass zur Zeit noch 80 Prozent des Stroms für die energieintensive Industrie aus nicht-erneuerbaren Energieträgern gewonnen werde. Manche Unternehmen haben durch Energieversorungsausfälle Verluste von 50 bis 100 000 Euro im Jahr zu verzeichnen. „Deshalb sagen wir: Vorfahrt für die Versorgungssicherheit!“



