Das Start-up DeepL verarbeitet Nutzerdaten künftig auf Amazon-Servern. Das bedeutet das Ende der vermeintlichen Datenschutz-Alternative zur US Konkurrenz.
Übersetzung-PionierDeepL gibt europäische Cloud auf

DeepL gibt sein Alleinstellungsmerkmal, die europäische Cloud, auf.
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Die Kölner KI-Hoffnung DeepL richtet sich neu aus. Das bekam zuletzt bereits die Belegschaft zu spüren. Das Unternehmen kündigte erst vor zwei Wochen radikale Stellenkürzungen an. Jeder vierte Mitarbeiter muss gehen. Nun machen sich die Veränderungen auch für Verbraucher bemerkbar. DeepL teilte den Nutzern der beliebten Übersetzungs-Software mit, dass ihre Daten künftig auf Servern von Amazons Cloud-Dienst AWS gespeichert und verarbeitet werden. Konkret hieß es in dem Anschreiben: „Amazon Web Services (AWS) wird der Liste der Datenverarbeiter von DeepL hinzugefügt.“ Das sorge für eine größere „Verlässlichkeit und Skalierbarkeit“, begründet das Unternehmen.
Cloud-Akt erlaubt US-Behörden den Zugriff
Das bedeutet eine strategische Kehrtwende. Bisher hatte DeepL sich als europäische Alternative zu den US-Diensten wie Google Translate positioniert. Ein wichtiges Argument hierfür war, dass die Daten bislang nur auf eigenen Servern in Deutschland und auf Island gespeichert wurden. Auch Amazon unterhält zwar Rechenzentren innerhalb der Europäischen Union, nach den Regeln des umstrittenen US Cloud Act können US-Ermittlungsbehörden aber prinzipiell auch auf die Cloud-Infrastruktur von US Unternehmen außerhalb der Staaten zugreifen – und damit künftig auch auf Gespräche und Dokumente, die mit der Hilfe von DeepL-Software übersetzt wurden.
Das ist vor allem deshalb kritisch, weil DeepL sich zuletzt vor allem an Spezialisten wie Mediziner, Juristen und bestimmte Industriebranchen gerichtet hatte mit dem Versprechen, die fachsprachlichen Eigenheiten bei der Übersetzung besser bewältigen zu können, als allgemeine Sprachmodelle. Genau diese Anwender dürften aber erhöhte Bedürfnisse an den Datenschutz und die Sicherheit ihrer Dokumente haben.
Nutzer kritisieren den Wechsel
Kunden, die den angepassten Nutzungsbedingungen von DeepL bis zum 20. Mai nicht widersprochen haben, müssen den Dienst spätestens zum Jahresende verlassen. DeepL behält sich aber auch eine Kündigung zu einem früheren Zeitpunkt vor. Für alle anderen gelten die neuen Vertragsbedingungen stillschweigend als akzeptiert. In den sozialen Medien wird der Schritt zum großen Teil kritisch kommentiert. Einige Anwender kündigen dort bereits an, den Dienst nicht weiter nutzen zu wollen.
Mit der schnell wachsenden Nutzerbasis, vor allem in Asien und den USA, implementieren wir eine hybride Cloud-Strategie der nächsten Generation.
Gegenüber unserer Redaktion erklärt DeepL zwar, man gewährleiste weiterhin „höchste Standards bei Datenschutz, Sicherheit und Vertrauen“. Die schnell wachsende Nutzerbasis, vor allem in Asien und den USA mache aber die „Implementierung einer hybriden Cloud-Strategie der nächsten Generation“ nötig. Sprich: den Umstieg auf den US-Serveranbieter.
Zukauf in den USA
Was das für die Zukunft des Unternehmens bedeutet, insbesondere für die Verankerung in Deutschland, wollte DeepL dagegen nicht kommentieren. Das Unternehmen hatte zuletzt angekündigt, trotz des massiven Stellenabbaus ein neues Büro in San Francisco zu eröffnen. DeepL hat außerdem den dortigen Audiostreaming-Spezialisten Mixhalo übernommen. Das passt zu den Plänen, zunehmend Echtzeit-Audio-Übersetzungen anzubieten, die beispielsweise auf Messen oder bei virtuellen Meetings zum Einsatz kommen könnten. Vorträge oder Unterhaltungen werden dabei aufgezeichnet, mit DeepLs KI übersetzt und anschließend als Sprache wieder ausgegeben. Der hierfür erforderliche höhere Durchsatz von Daten scheint die bestehende Serverstruktur zu überfordern.
Teil des Strategieschwenks soll auch eine Reorganisation der Teams sein. DeepL-Chef Jarek Kutylowski hatte kürzlich angekündigt, dabei konsequent auf KI zu setzen. „Kleinere Gruppen – manchmal sogar Einzelne – können Arbeit leisten, für die früher ganze Teams nötig waren“, ist der Übersetzungs-Pionier überzeugt. Er selbst hat angekündigt, er werde „in den Gründer-Modus gehen und ein kleines Taskforce-Team leiten“, um neue Produkte zu entwickeln und Kunden zu finden. DeepL muss nicht nur die Übersetzungs-Software der Zukunft neu erfinden, sondern auch sich selbst.
