Unter Sachsenhausen, im Schatten des Doms, war jahrzehntelang Kölns legendäres Bankenviertel, die Welt der Finanzjongleure und Schlipsträger, mit Namen wie Herstatt oder Oppenheim. Vor Jahren begann der Niedergang. Nun verlässt die Deutsche Bank ihr regionales Stammhaus.
Umzug der Deutschen BankDas Ende der Kölner „Wall Street“

Die Deutsche Bank verlegt ihren Kölner Hauptstandort in der Innenstadt. Der bisherige Gebäudekomplex wird aufgegeben.
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Ganz nah am Dom schlägt seit Jahrzehnten das finanzielle Herz Kölns. Die Straßen An den Dominikanern und Unter Sachsenhausen sind das, was man Kölner Bankenmeile nennt. Deutsche, Dresdner und Commerzbank, Sal. Oppenheim und Herstatt hatten dort ihre Prachtbauten. Doch seit vielen Jahren ist die große Zeit der Kölner Banken Geschichte. Nach und nach gaben sie aus unterschiedlichen Gründen ihre Standorte in dem Viertel auf, das viele lange als „Kölner Wall Street“ bezeichneten. Neben dem Frankfurter Bankenviertel und der Ostseite der Düsseldorfer Kö einst der bedeutendste Finanzplatz der Republik.
Nun setzt ausgerechnet die größte Bank der Bundesrepublik einen Schlussstrich an dem traditionsreichen Standort. Die Deutsche Bank zieht aus ihrem langjährigen, repräsentativen Kölner Hauptsitz an der Straße An den Dominikanern 11-27 aus. Viele Jahrzehnte hatte Deutschlands größte Privatbank dort ihr Domizil. Das gesamte Areal am ehemaligen Kloster soll eine Fläche von 32.000 Quadratmetern haben. Schon lange nutzt die Bank das Gebäude nicht mehr vollständig, von Leerständen ist die Rede, zuletzt soll das Kreditinstitut mit 14.000 Quadratmetern nur noch weniger als die Hälfte genutzt haben. Doch die Bank will sich nun noch stärker verkleinern, neuer Standort wird das Gebäude Dominium an der Tunisstraße 19-23.
Mit dem Umzug ins Dominium in der zweiten Jahreshälfte 2028 schaffen wir ein attraktives Arbeitsumfeld für unsere Mitarbeitenden und eine hochmoderne Filiale für unsere Kundinnen und Kunden
„Mit dem Umzug ins Dominium in der zweiten Jahreshälfte 2028 schaffen wir ein attraktives Arbeitsumfeld für unsere Mitarbeitenden und eine hochmoderne Filiale für unsere Kundinnen und Kunden“, sagte Martin Tuens, stellvertretender Leiter Global Real Estate der Deutschen Bank dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Diese Investition ist ein klares Bekenntnis zum Standort Köln und unterstreicht unser Engagement für die Region“, so der Manager weiter. Allerdings: Die neuen Räumlichkeiten an der Tunisstraße sind nur 7000 Quadratmeter groß, zwei Drittel der Beschäftigten gehen dorthin, der Rest in ein anderes Gebäude der Deutschen Bank an der Gereonstraße. Früher war im Dominium die Generali Versicherung ansässig, sie entschloss sich jedoch schon 2015, den Standort zugunsten der Zentrale in München aufzugeben. Die Flächen im Dominium werden derzeit noch von „Design Offices“ genutzt. Der Co-Working-Anbieter wird sich im Gebäude verkleinern und den Standort weiter betreiben, wie die Deutsche Bank auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ mitteilte.

Bankenmeile An den Dominikanern / Unter Sachsenhausen vom Dom, ca. 1948. (Auf der rechten Seite: Ehemalige Danat-Bank, Sozialgericht, Hauptpost, Rheinboden, leerer Platz (später Oppenheim, Auf der linken Seite Andreas, Neubau Deutsche Bank, Landeszentralbank)
Copyright: Foto: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln
Mit dem Weggang der Deutschen Bank wird ein Schlussstrich unter den Niedergang des Kölner Bankenviertels rund um Unter Sachsenhausen gezogen. Dieser Abgesang kam nicht plötzlich, sondern schleichend über die Jahre.
Aber werfen wir einen Blick zurück: Noch vor der Gründung des Deutschen Reichs entwickelte sich Unter Sachsenhausen zu einem ersten Finanzplatz. 1861 bezog die „Kölnische Hagel-Versicherung“ das Haus mit der Nummer 8. Zwei Jahre später folgte in Hausnummer 8 - 10 die damalige „Colonia Kölnische Feuer-Versicherungs-Gesellschaft mit einem repräsentativen spätklassizistischen Bau. Das erste Bankgebäude der Straße war der Bankpalais genannte Bau des „A. Schaaffhausen’schens Bankvereins“. Dokumente der Zeit sprechen von „palastartigen Grundzügen mit italienischer Renaissance“, von „Innentreppen aus schwarzem Marmor und Ballsaal mit Stuck“ an der Decke.

Deutsche Bank-Filiale An den Dominikanern vor 1939
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Die Zeit der prunkvollen Moneten-Tempel hatte begonnen, Unter Sachsenhausen war die Kölner Version davon. Es folgten diverse weitere Banken, deren Namen heute längst vergessen sind, etwa der Barmer Bankverein und auch die Reichsbank. Und auch die Versicherungsfamilie Gerling zieht es nach Unter Sachsenhausen. Der Name hat übrigens nichts mit Sachsen zu tun, sondern leitet sich aus „unter 16 Häusern“ ab. Die Bergisch-Märkische-Bank war seit 1893 mit einer Niederlassung in Köln vertreten gewesen und hatte um 1900 einen Neubau An den Dominikanern errichtet, den die Deutsche Bank 1914 übernahm und seitdem als Standort ihrer Kölner Hauptniederlassung nutzt. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Der Neubau aus den 1950er-Jahren nutzt lediglich die Grundmauern.
Der Zweite Weltkrieg wird für die Kölner Wall Street wie für ganz Köln eine dramatische Zäsur. 75 Prozent der monumentalen, Palais-ähnlichen Bauwerke waren zerstört. Es bestand deshalb ein dringendes Bedürfnis für den Wiederaufbau, der ab 1950 begann. Eine der ersten Institutionen, die an der Straße neu bauen, ist die IHK zu Köln 1952. „Die Nachkriegsjahre sind die eigentliche Boomzeit des Bankenviertels, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank, alle bauen neu rund um Unter Sachsenhausen“, sagt Ulrich Soénius, Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs. Der weiß es nicht nur als Historiker, Soénius arbeitet seit 1985 an der Kölner Bankenmeile.

Deutsche Bank-Filiale An den Dominikanern noch zerstört im Jahr 1947
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Die Deutsche Bank hat den Standort jeweils 1960 und 1991 erweitert. Das Gebäudeensemble setzt sich aus drei Teilen zusammen: An den Dominikanern 11–27, Andreaskloster 5–19 und Unter Sachsenhausen 1–3. An der Straße finden sich etliche weitere damals klangvolle Namen aus der Finanzwelt. „Bankhaus Stein, Herstattbank, Delbrück, Sal. Oppenheim, ausgerechnet die gewerkschaftliche ,Bank für Gemeinwirtschaft‘ hat im heutigen Domforum den prominentesten Platz der kapitalistischsten Straße Kölns“, sagt Soénius.
Die Landeszentralbank lockt weitere Institute ins Viertel. Abgesehen vom spektakulären Untergang der Herstattbank 1974 habe sich bis in die frühen 2000er Jahre nicht viel geändert im Bankenviertel, meint Soénius. Auf den Straßen dort sieht man Männer ausnahmslos mit Krawatten und dunklen Anzügen. Die Bar im Innenhof des Andreasklosters trägt in den frühen 2000ern den Namen „Bankers“, in Anlehnung an ihr Hauptklientel. Im Viertel sind die Regional-Zentralen der jeweiligen Banken, und so ballen sich in dem Areal vor allem die hochrangigen, gut verdienenden Angestellten.

Deutsche Bank-Filiale An den Dominikanern nach dem Wiederaufbau 1958
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Doch die Konsolidierung im Markt der Groß- und Privatbanken hat schon Fahrt aufgenommen. Nicht nur Herstatt verschwindet. Die Dresdner wird von der Commerzbank übernommen. Delbrück geht zu Bethmann, aus der Colonia wird eine Tochter der französischen Axa. Und das besonders glanzvolle Bankhaus Sal. Oppenheim wird von der Deutschen geschluckt. Und schleichend wird es leer an der Bankenmeile. Die zwischenzeitlich angesiedelte Merck Finck ist schon wieder von der Straße verschwunden. 2003 verkauft die Deutsche Bank ihr Gebäude und mietet es zurück. „Der Weggang der Deutschen Bank aus dem großen Gebäude ist hoffentlich nicht bald der letzte Schritt im Niedergang Unter Sachsenhausens als das Kölner Bankenviertel“, sagt Soénius.
Soénius beobachtet aber auch andere Ansprüche an heutige Bankgebäude. „Die gigantischen Schalterhallen entsprechen nicht mehr den Kundengewohnheiten dieser Zeit. Die Bürozuschnitte mit hunderten Einzelbüros ebenso nicht“, sagt der Historiker. Kassenhallen in Unter Sachsenhausen lassen manche Kirche klein erscheinen.

Bankenmeile Unter Sachsenhausen von Westen, 1969. (rechts Commerzbank, Dresdner, LZB; links IHK, Herstatt)
Copyright: Foto: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln
Und nun prägen eher Goldhändler und Kioske die Straße, spätestens mit dem Weggang der Deutschen Bank aus ihrem Stammhaus ab 2028 kann man nicht mehr von Bankenmeile sprechen. Köln wird sich von seiner „Wall Street“ verabschieden müssen .
Nach Informationen der Immobilienzeitung soll das Deutsche-Bank-Areal neu entwickelt werden. Es gehört heute einem Konsortium unter Federführung des Hamburger Entwicklers Momeni. Branchenkenner gehen aber davon aus, dass die Neuentwicklung bis in die 2030er Jahre dauern wird. Wie die aussehen soll, darüber ist noch nichts bekannt.