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Urteil des obersten US-GerichtsBayer im Glyphosat-Streit am Ziel

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Glyphosat-Kritiker protestieren während der Anhörung im April vor dem obersten US-Gerichtshof in Washington.

Glyphosat-Kritiker protestieren während der Anhörung im April vor dem obersten US-Gerichtshof in Washington.

Ein Urteil des US Supreme Court entzieht zehntausenden Klagen gegen die Leverkusener die rechtliche Grundlage. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Mega-Prozess.

Bayer hat im milliardenschweren Rechtstreit um mögliche Krebsrisiken durch den Unkrautvernichter Glyphosat einen entscheidenden Sieg vor dem obersten US-Gericht errungen. Die Leverkusener teilten in einer ersten Stellungnahme mit, das Urteil werde „dazu beitragen, die Rechtsstreitigkeiten nach nahezu einem Jahrzehnt juristischer Auseinandersetzungen signifikant einzudämmen“. Die Entscheidung werde dazu führen, dass aktuelle Klagen abgewiesen und mögliche künftige Klagen verhindert würden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Mega-Prozess – und wie es nun für die Leverkusener Pharma-Ikone weitergeht.

Worum ging es im aktuellen Prozess?

Verhandelt wurde die Frage, ob Bayer Warnhinweise auf dem glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup hätte anbringen müssen. Das Herbizid steht im Verdacht, bestimmte Arten von Krebs zu begünstigen. Ein wissenschaftlicher Nachweis hierfür wurde bislang nicht erbracht. Die Kläger sind der Auffassung, Bayer hätte seine US-Kunden dennoch auf das Risiko aufmerksam machen müssen. Derzeit laufen nach Angaben von Bayer rund 67.000 solcher Verfahren.

Wie argumentierte Bayer?

Bayer verwies auf die nationale US-Umweltbehörde EPA. Die hatte wiederholt festgestellt, dass Glyphosat korrekt angewendet nicht krebserregend sei. Die Behörde hatte folglich auch keine entsprechende Warnung auf dem Bayer-Produkt verlangt. Dennoch riefen seit 2018 zehntausende Kläger Gerichte in den jeweiligen US-Bundesstaaten an und machten Glyphosat für ihre Erkrankung am Non-Hodgkin-Lymphomen, einer Art von Blutkrebs, verantwortlich. Bislang haben die Gerichte diese Klagen angenommen und Bayer in einigen Fällen zu empfindlichen Strafen verurteilt. Bayer zog nun vor das Oberste US Gericht, um die alleinige Zuständigkeit der EPA feststellen zu lassen.

Warum hat Bayer den Fall nicht schon früher vor den Supreme Court gebracht?

Bayer wollte bereits 2022 eine Klärung vor dem Supreme Court erwirken. Das Gericht wies zwei exemplarische Fälle aber ab. 2025 hat sich das politische Umfeld geändert. Der US-Generalanwalt, Sprachrohr der Trump-Administration, unterstützte einen erneuten Antrag auf Klärung beim Supreme Court. Das Gericht folgte seiner Empfehlung und ließ den Fall erstmalig zur höchstrichterlichen Klärung zu.

Welches Urteil fällten die Richter?

Der US Supreme Court entschied, dass die Bundesgerichte der einzelnen US-Staaten die Entscheidung der US-Umweltbehörde nicht außer Kraft setzen können. Es folgte damit den Bayer-Anwälten.

Was sagt das Urteil über die Gefahren von Glyphosat aus?

Nichts. Das Gericht hat keine Beurteilung der möglichen Krebsgefahren von Glyphosat vorgenommen, sondern nur die Zuständigkeit der Umweltbehörde gegenüber bundesstaatlichen Gerichten geklärt.

Welche Folgen hat das Urteil?

„Eine positive Entscheidung des obersten Gerichts der USA (…) könnte die Rechtsstreitigkeiten zu Roundup weitgehend beenden“, hatte Bayer bereits im Vorfeld des Urteils in Aussicht gestellt.

Bayer betonte zudem bereits in der Vergangenheit, dass die Bedeutung des Urteils über den Fall Glyphosat hinaus gehe. Mit einer klaren Zuständigkeit der Umweltbehörde würde ein „Flickenteppich an Regelungen in den Bundesstaaten“ vermieden und die „Rechtsstaatlichkeit“ wieder hergestellt. Das habe auch Einfluss auf die Einführung künftiger Produkte für den Pflanzenschutz in den USA, so Bayer.

Warum benötigt Bayer nun noch einen teuren Vergleich?

Bayer hat parallel zur Verhandlung vor dem Supreme Court einen Sammelvergleich mit den Klägeranwälten vorangetrieben. Bis zu 7,25 Milliarden US-Dollar will das Unternehmen zahlen, um eine große Mehrzahl der laufenden Prozesse zu befrieden. Bayer betont, dass das Unternehmen Glyphosat weiterhin für nicht krebserregend hält. Die Einigung enthalte „keinerlei Schuldeingeständnis”.

Sollte auf das positive Urteil Gerichtshofes aber auch noch eine Einigung im Sammelvergleich folgen, ist das Klagerisiko für Bayer weitgehend aus der Welt geschafft
Markus Manns, Portfoliomanager und Bayer-Analyst bei Union Investment

Der Vergleich ist nötig, weil das Urteil des Supreme Courts nicht alle Klagewege ausschließt. Manche Kläger berufen sich nicht auf fehlende Warnhinweise, sondern auf ein fehlerhaftes Marketing, um Schadenersatz von Bayer zu erstreiten. „Sollte auf das positive Urteil Gerichtshofes aber auch noch eine Einigung im Sammelvergleich folgen, ist das Klagerisiko für Bayer weitgehend aus der Welt geschafft“, erklärte Markus Manns, Portfoliomanager und Bayer-Analyst bei Union Investment gegenüber unserer Redaktion.

Kann der Sammelvergleich noch scheitern?

Ja, die Frist zur Annahme für den Sammelvergleich lief zwar bereits Anfang Juni aus. Noch ist aber nicht bekannt, ob sich eine ausreichend große Zahl der Kläger dem Vergleich angeschlossen hat. Sollte das nicht der Fall sein, kann es sein, dass der Milliarden-Deal nicht zustande kommt. Außerdem muss der Vergleich noch abschließend vom Bezirksgericht am Sitz der Bayer-Tochter Monsanto in St.Louis im US-Bundesstaat Missouri genehmigt werden. Die richterliche Entscheidung wird für den 9. Juli erwartet, kann sich aber noch verzögern. Bayer bestätigte im Nachgang zum Urteil des Supreme Courts, dass das Unternehmen „weiterhin die finale Genehmigung des angekündigten Sammelvergleichs“ anstrebe.

Wie schützt Bayer sich vor neuen Klagen?

In den USA hat Bayer 2023 eine glyphosatfreie Variante von Roundup für Privatanwender auf den Markt gebracht. Da fast ausschließlich private Verbraucher juristisch gegen Bayer vorgehen, sieht das Unternehmen sich vor künftigen Klagen geschützt. Zudem erstreckt sich der kürzlich geschlossene Sammelvergleich auch auf Krebserkrankungen, die erst in Zukunft eintreten werden. Etwaige neue Klagen würden dann nach dem im Vergleich festgelegten Mechanismus entschädigt. „Für professionelle und landwirtschaftliche Nutzer in den USA steht Glyphosat weiterhin zur Verfügung, genauso wie im Rest der Welt“, bestätigt Bayer. Ganz ausgeschlossen sind künftige Rechtsstreitigkeiten damit nicht, zumal der Sammelvergleich sich ausschließlich auf das Non-Hodgkin-Lymphom bezieht. Etwaige andere Krebserkrankungen, die in Zukunft mit Glyphosat in Verbindung gebracht werden könnten, fallen nicht darunter.

Wie reagierten die Anleger auf die Entscheidung?

Bayer-Papiere gehörten bereits in den Tagen vor dem Supreme-Court-Entscheid zu den Gewinnern im Dax. In der Woche vor dem Urteil legte die Aktie rund zehn Prozent zu – trotz eines allgemein schwachen Marktumfelds. Anleger hatten offensichtlich zuletzt auf einen positiven Verfahrensausgang für Bayer gewettet. Nach Bekanntwerden des Urteils schoss der Aktienkurs rund 19 Prozent nach oben.

Warum stellt Bayer die Produktion von Glyphosat nicht vollständig ein?

Bayer hat im Vorfeld der Verhandlungen vor dem Supreme Court tatsächlich mehrfach angedroht, die Produktion von Glyphosat in den USA einzustellen. „Das kann allerdings nur eine Notlösung sein, wenn alle anderen Wege gescheitert sind”, urteilt Bayer-Experte Markus Manns. Denn ein Produktionsstopp hätte aus seiner Sicht „erhebliche finanzielle Einbußen für Bayer” zur Folge. Das Bayer-Saatgut ist zu großen Teilen auf den Unkrautvernichter abgestimmt und lässt sich nur in Kombination damit sinnvoll vermarkten. Entsprechend sieht Manns in den Ankündigungen eher eine „Drohkulisse”. Zudem hatte die Trump-Administration Glyphosat kürzlich für verteidigungsrelevant erklärt. Weißer Phosphor, eingesetzt als Brandwaffe, Leuchtspurmunition oder Signalmittel, beruht wie Glyphosat auf demselben Ausgangsmineral: Phosphatgestein. Auf Basis des neuen Dekrets kann die US-Regierung die Produktion im Bedarfsfall sogar anordnen. Bayer ist der einzige Produzent von Phosphatgestein in den USA.