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Naturweinmesse „Weinsalon Natürel“„Der Mensch ist der einzige Zusatzstoff“

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Surk-ki Schrade in ihrer Vincaillerie.

Surk-ki Schrade in ihrer Vincaillerie.

Die Kölnerin Surk-ki Schrade ist eine Koryphäe der Naturwein-Szene und veranstaltet ihre eigene Naturwein-Messe in den Balloni-Hallen.

Am Wochenende findet zum zehnten Mal der Weinsalon Natürel statt, Deutschlands größte Naturweinmesse. Veranstalterin Surk-ki Schrade betreibt seit 17 Jahren die 30 Quadratmeter große Vincaillerie in der Leostraße. Johannes J. Arens sprach mit ihr über den boomenden Naturwein-Markt, Beschimpfungen und den besten aller Zusatzstoffe.

Frau Schrade, wie sind Sie zum Naturwein gekommen?

Seitdem ich Alkohol trinken darf, bin ich Weintrinkerin. Naturwein habe ich erst 2008 zum ersten Mal getrunken. Da hatte mich jemand auf eine Weinmesse nach Marseille mitgenommen. Da sei nichts anderes drin als vergorener Traubensaft, wurde mir gesagt. „Ist das nicht immer so?“, habe ich gefragt, „weil ja nichts auf der Flasche steht.“ Dann hat man mir die Zusatzstoffe aufgezählt, die man verwenden darf, ohne mir als Verbraucherin das sagen zu müssen. Erst seit Dezember 2023 gibt es ja die Pflicht, alle Zutaten anzugeben.

Der Wein hat offensichtlich geschmeckt. Wie ging es weiter?

Ich war erst einmal ziemlich erzürnt und habe angefangen mich zu erkundigen. Meine Marktrecherche hat dann ergeben, dass es diese Art von Wein in Deutschland nicht gibt. Also musste ich handeln, denn ich wollte ja nichts anderes mehr trinken. Auf der Messe hatten die Winzer zu mir gesagt: Schön, dass dir mein Wein schmeckt, aber hast du auch schon den von meinem Nachbarn probiert? Das fand ich sehr erstaunlich. Es gab also offensichtlich wenig Konkurrenz und selbstbewusste Menschen hinter den Ständen. Diese Welt gefiel mir.

War das eine andere Welt als die, aus der sie kamen?

Ich war lange Regieassistentin beim Film und habe an Fernseh-, Kino- und Serienproduktionen gearbeitet. Aber ich hatte zwei Kinder und war alleinerziehend. Da kam der Wein wie gerufen. Ich habe mir eine Palette Wein mit 600 Flaschen gekauft, mir einen Gewerbeschein geholt und die „Vincaillerie“ in der Leostraße aufgemacht. Plötzlich war ich Weinhändlerin und hatte keine Ahnung.

Surk-ki Schrade betreibt seit 17 Jahren die 30 Quadratmeter große Vincaillerie in der Leostraße

Surk-ki Schrade betreibt seit 17 Jahren die 30 Quadratmeter große Vincaillerie in der Leostraße

Hat die Tatsache geholfen, dass sie aus einer Weingegend stammen?

Ich habe lange im Badischen gewohnt, in Kehl am Rhein. Von dort aus bin ich jeden Tag in Straßburg zur Schule gegangen. Durch den französischen Einfluss bin ich früh mit Rotwein in Berührung gekommen. Mein Sozialisation liegt weintechnisch also eher in Südfrankreich. Als Weinhändlerin musste ich mich erst langsam Richtung Norden robben. Am Anfang konnte ich Spätburgunder und Riesling gar nicht trinken, weil mir das viel zu sauer war.

Aber Sie wollten den Wein ja verkaufen.

Ich habe von Anfang an mit Weinproben gearbeitet. Diese Weine muss man probieren, sie kosten eben mehr als drei Euro und man sollte schon wissen, wofür man sein Geld hinblättert. Seit 2014 habe ich einen Online-Shop, vorher haben die Leute mir eine Mail geschrieben. Da habe ich oft nachgefragt, woher sie den Wein kennen, um herauszufinden, ob das auch passt. Ein Unternehmensberater wäre hier kopfschüttelnd rausgegangen, denn so macht man erst einmal keine Geschäfte. Aber mir war das lieber, als wenn die Weine im Gulli gelandet wären.

Sie waren damals aber nicht nur eine Pionierin für Köln, sondern auch deutschlandweit. Wie waren denn am Anfang die Reaktionen auf Naturwein?

Als ich angefangen habe, hatte ich ja nur südfranzösische Weine. Ich bin dann hier in die Fachläden gegangen und habe gefragt, ob sie einen deutschen Wein haben, der biologisch angebaut ist, handgelesen, ohne Zusatzstoffe, ohne Hilfsmittel, ungeschwefelt und unfiltriert abgefüllt ist. Das ist die Kurzfassung dessen, was ich Naturwein nenne. Da wurde ich teilweise sehr unfreundlich behandelt. Irgendwann wurde mir klar, dass ich hier nach etwas frage, das angeblich nicht existieren darf. Ich bekam zu hören, dass jeder Wein 80 Milligramm Schwefel brauche, weil er sonst untrinkbar und nicht lagerfähig sei.

Inzwischen steht Naturwein in fast jeder gehobenen Gastronomie auf der Karte.

Der Markt hat sich rasant entwickelt. Vor Corona konnte ich meine Kollegen und Kolleginnen an zwei Händen abzählen. Man kannte sich, man wusste, wer was im Sortiment hatte. Während der Pandemie sind dann die Onlineshops wie Pilze aus dem Boden geschossen, und alle hatten plötzlich den besten Naturwein Deutschlands.

Wie fanden Sie das?

Ich habe mir immer gewünscht, dass mehr Naturwein fließt. Aber man sollte sich grundsätzlich schon ein bisschen mit Wein beschäftigt haben, bevor man ohne Zusatzstoffe unterwegs ist. Man muss viel probieren, um zu wissen, was die Leute erwarten. Wenn jemand seinen Lieblingswein will, muss ich in mein Sortiment schauen und sagen können: Das ist jetzt kein Lugana, aber der ist mild, hat wenig Säure und ist ein bisschen salzig. Das ist ein Job, den man schon machen muss. Aber ich finde es trotzdem toll, dass es immer mehr Kolleginnen und Kollegen gibt, die mit Naturwein handeln.

Was hat sich in der Vincaillerie in den 17 Jahren seit der Eröffnung verändert?

Am Anfang hatte ich hier zwölf Weine auf einem Regal. Mittlerweile habe ich eine Magnetwand, an der die leeren Flaschen hängen. Ich wollte eigentlich nie Deko haben. Jetzt habe ich hier so ein Weinfass, das mir 2019 ein japanischer Holzkünstler für meine Weinmesse im Stadtgarten geschnitzt hat. Das musste natürlich bleiben.

Wie setzt sich Ihre Kundschaft zusammen?

Halb Gastronomie, halb Endverbraucher. Jeden Donnerstag um 18 Uhr gibt es hier einen Aperitif. Das funktioniert ohne Anmeldung und auf Spendenbasis. Ich muss oft Weine aufmachen, die ich selbst lagere oder die gerade angekommen sind. Da brauche ich schon mal Hilfe.

Wahrscheinlich ist das inzwischen schon eine feste Community, oder?

Ja, aber es ist schön zu sehen, dass da aber auch immer neue Menschen dazukommen.

Am kommenden Wochenende findet zum 10. Mal der Weinsalon Natürel statt, die größte Naturweinmesse Deutschlands. Wie kam es dazu?

Auch das war eher ein Zufall. Ein Weingut aus meinem Sortiment wollte zur ProWein, zur großen Weinmesse nach Düsseldorf. Das habe ich mit ein paar anderen für den Samstag davor in meinen Laden eingeladen. Letztlich stand ich hier mit sechs Weingütern aus drei Ländern in meinem 30 Quadratmeter großen Laden. So fing das an.

Aber dabei ist es nicht geblieben.

In Frankreich gab es damals schon viele Naturweinmessen, aber in Deutschland war das noch kein Thema. Im November hatte ich dann innerhalb von zwei Wochen 30 Zusagen für das kommende Jahr. Aus dem Laden sind wir zunächst ins „Jack in the Box“ und dann in den Stadtgarten gezogen, während Corona haben wir Pause gemacht und 2022 haben wir in den Balloni-Hallen wieder angefangen.

Wie groß ist die Veranstaltung inzwischen?

In diesem Jahr sind 74 Weingüter aus acht Ländern dabei. Seit 2023 haben wir außerdem noch das Sunday Special. Das ist ein kleiner Nebenraum, in dem Weine vorgestellt werden, die noch nicht ganz der Definition von Naturwein entsprechen. Aber dahinter stehen Menschen voller Leidenschaft und Tatendrang, die vielleicht gerade erst angefangen haben. Denen möchte ich die Tür öffnen.

Kann ich auch zur Messe kommen, wenn ich keine Ahnung von Naturwein habe?

Na klar. Am Eingang bekommt man ein Glas. Dann geht man in die Halle und ist vielleicht erst einmal orientierungslos, weil man ja alles probieren kann. Mein Rat ist, bei den Ständen anzufangen, bei denen man die Leute dahinter sympathisch findet. Denn der Mensch ist eben der einzige Zusatzstoff in diesen Weinen.