Kinder leben gefährlich. Zumindest sobald sie in die Schule kommen. Die Gefahr, übergewichtig oder sogar adipös zu werden, steigt mit dem Durchschreiten des Schultores sprunghaft an. Während bei den unter Siebenjährigen 9,3 Prozent der Mädchen und 8,3 Prozent der Jungen übergewichtig sind, bringen es die Über-Siebenjährigen Jungen auf 16 Prozent, die Mädchen auf 15 Prozent. Das könnte daran liegen, dass Kinder in der Schule mehr sitzen als im Kindergarten. Die Daten stammen aus der sogenannten KIGGS-Studie zur Kindergesundheit, die das Robert-Koch-Institut mit 17 641 Mädchen und Jungen im Alter von 0 bis 17 Jahren durchgeführt hat.
Trainieren mit den Profis
Zahlreiche Projekte sollen dem Übergewicht entgegenwirken. Unter der Leitung von Professor Karsten Müßig führt das Deutsche Diabetes-Zentrum in Düsseldorf (DDZ) seit 2012 das Projekt "SMS - Sei schlau, mach mit, sei fit" an Düsseldorfer Grundschulen durch. In enger Zusammenarbeit mit der Stadt Düsseldorf und zahlreichen Partnern werden die Schüler an ein gesundes Leben herangeführt: Sie turnen, kochen, schwimmen, alles unter fachkundiger Anleitung. "Wir wollen Kinder für ein gesundes Leben sensibilisieren", sagt Dr. Olaf Spörkel vom DDZ. Das Projekt richtet sich an Kinder ab der dritten Klasse, ausgesucht wurden gezielt Schulen mit hohem Migrantenanteil, der - auch ein Ergebnis der KIGGS-Studie - ein höheres Risiko für Adipositas und Übergewicht hat. Anschaulicher Unterricht und Erfahrungen außerhalb des Schulgeländes sind das Konzept des Düsseldorfer Projekts, das bald auch an Kölner Grundschulen startet. "Bisher ist das Feedback positiv, gerade Erlebnisse wie Training bei den Profis von Fortuna Düsseldorf geben den Kindern sehr viel." Angebote für übergewichtige Kinder gibt es in Köln schon länger. Eins der ältesten ist das Programm CHILT-III, das Professor Christine Graf von der Sporthochschule (Spoho) vor mehr als zehn Jahren aufgebaut hat. Es richtet sich an stark übergewichtige Kinder im Alter von acht bis 16 Jahren. Die Kinder treffen sich ein Jahr lang mit 12 bis 15 weiteren Kindern in einer Gruppe. Zweimal die Woche wird Sport gemacht, aber auch Ernährungs- und psychologische Betreuung gehören zum Programm. Außerdem gibt es medizinische Sprechstunden. "Besonders wichtig ist, dass die Eltern mit dabei sind und sich auch zu dem Projekt bekennen", sagt Christine Graf. Das Abnehmen steht bei ihr gar nicht so sehr im Vordergrund: "Es kann schon ein Erfolg sein, wenn die Kinder ihr Gewicht halten." Außerdem sollen Motorik und Fitness verbessert werden. Bis zu drei Jahre nach dem Programm werden die Kinder und Jugendlichen nachbetreut. Häufigste Rückmeldung der Ehemaligen, laut Graf: "Am wichtigsten war mir, dass die Eltern mit dabei waren."
SMS - Sei schlau, mach mit, sei fit Deutsches Diabetes-Zentrum Auf'm Hennekamp 65 40225 Düsseldorf 02 11/3 38 25 07
Das Projekt Gesund macht Schule richtet sich an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen.Sabine Schindler-MarlowTersteegenstraße 940474 Düsseldorf02 11/43 02 20 30
Der Ernährungskurs Achtsam essen und trinken für Kinder ab sechs Jahren und ihre Eltern wird in Kooperation mit dem Kölner Gesundheitsamt angeboten: Evangelische FamilienbildungsstätteKartäuserwall 24B, 50678 Köln02 21 / 474 45 50
STEPKlinik und Poliklinik fürKinder- und JugendmedizinGebäude 26,Kerpener Straße 6250937 Köln02 21 /47 88 47 47
CHILT-IIIProfessor Christine GrafDeutsche SporthochschuleAm Sportpark Müngersdorf50933 Köln 02 21/49 82 52 90/-52 30
Kochbücher für Kinder und Jugendliche gibt es beim Forschungsinstitut für Kinderernährung e. V. zum Preis von 4 EuroBestellhotline: 0 18 05/79 81 83
KinderklinikKoordination PowerpänzFrau BaumgartAmsterdamer Straße 5902 21 / 89 07 - 155 22www.kliniken-koeln.de/upload/_bergewicht_Powerpaenz_KlinikenKoeln_2172.pdf
BMI-Rechner für Kinder:
http://aga.adipositas-gesellschaft.de/mybmi4kids/
Dass die Eltern mitmachen, darauf legt auch Dr. Joaquina Mirza von der Kinderklinik Amsterdamer Straße großen Wert. "Schließlich bestimmen die Eltern, was im Kühlschrank ist".
Eltern werden mitgeschult
Die Kinderklinik bietet eine Adipositas-Ambulanz mit wöchentlicher Sprechstunde an, die auf Monate ausgebucht ist. Zudem gibt es das einjährige Programm "Powerpänz" für acht- bis zwölfjährige Kinder. Auch hier werden die Kinder ein Jahr lang betreut. Zweimal die Woche stehen Sport, aber auch Ernährung und Essverhaltenstherapie auf dem Stundenplan.
"Die Eltern werden mitgeschult und bei den medizinischen Check-ups auch mitgewogen", erklärt Mirza. Da viele Kassen die Langzeitprogramme noch kritisch sehen, müssen Eltern zunächst finanziell in Vorleistung gehen. Nur bei Durchhalten zahlt am Ende die Kasse. "Die Eigenbeteiligung ist ein gutes Mittel, um die Leute bei der Stange zu halten", sagt Mirza.
Auch an der Uni-Klinik ist man rigoros bei unregelmäßiger Teilnahme. "Wer nicht kommt, fliegt raus", sagt Christiane von Loga, die hier das sechsmonatige Programm STEP betreut. STEP steht für Sport Therapie, Ernährung, Psychologie. Das Programm dauert sechs Monate und ist für Kinder ab dem Grundschulalter.
