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Zunahme von FSME-ErkrankungenDeutschland droht ein Rekord-Zeckenjahr

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Zecken sind äußerst unangenehm und warten gerade darauf, dass ein Wirbeltier, zum Beispiel ein Mensch, vorbei kommt.

Deutschland droht ein Zecken-Sommer. „Wir werden die höchste Zahl an Zecken seit den letzten zehn Jahren haben“, warnt Virologe Dr. Gerhard Dobler vom Deutschen Zentrum für Insektenforschung (DZIF). Entsprechend erhöht sei das Risiko, gestochen zu werden und in der Folge an Borreliose oder der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), einer viralen Form der Hirnhautentzündung, zu erkranken.

Dass Dobler mit seiner Prognose Recht haben könnte, ist wahrscheinlich. Denn gemeinsam mit Wiener Forschern haben die Zecken-Experten des DZIF den vergangenen Jahren ein präzises Modell entwickelt, mit dem sie die Zeckendichte für den jeweils kommenden Sommer relativ genau voraussagen können. In das Modell fließen zum einen die Zahl der Bucheckern zwei Jahre vor dem aktuellen Sommer sowie die jährliche Durchschnittstemperatur und die Wintertemperatur im Vorjahr ein. Je mehr Bucheckern es zwei Jahre vor dem fraglichen Sommer gab, umso mehr Wild und Nagetiere haben Futter und dienen wiederum als Überträger von Zecken, die dann ebenfalls vermehrt auftauchen.

Viren und Bakterien im Speichel

Für den Sommer 2017 hatten die Fachleute 187 Zecken pro standardisierter Fläche vorhergesagt – und 180 gefunden. Fast eine Punktlandung. Für 2018 wurde mit 443 Zecken die höchste je gefundene Zeckenzahl vorausgesagt und Dobler weiß mittlerweile, dass sich auch diese Voraussage genau erfüllen wird. „Wir haben die höchste Zahl von Zecken, die wir seit Beginn der Untersuchungen gesammelt haben.

Impfung

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt sie Personen, die in FSME-Risikogebieten Zecken ausgesetzt sind – weil sie dort leben oder sich kurzfristig dort aufhalten, zum Beispiel im Urlaub. Die Impfstoffe sind für Kinder ab einem Jahr zugelassen und auch e mpfohlen.-.

Für einen mehrjährigen Impfschutz vor FSME sind drei Impfungen nötig. Die ersten beiden erfolgen im Abstand von ein bis frei Monaten, die dritte – je nach Impfstoff – nach fünf oder neun bis 12 Monaten.

Danach ist eine Auffrischung nach drei Jahren, anschließend je nach Alter und Impfstoff alle drei bis fünf Jahre nötig, um bestmöglich vorgesorgt zu haben. Doch auch kurzfristig kann noch ein Impfschutz aufgebaut werden – der Arzt kann beraten.

Die Kosten für die FSME-Impfung werden von den meisten gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Bei Reisen ins Ausland kann es sein, dass die Impfung von der Krankenkasse als Reiseimpfung eingestuft wird und nur ein Teil der Kosten erstattet wird.

Denn die winzigen Spinnentiere sitzen auf Büschen, Sträuchern und Gräsern und warten dort förmlich nur darauf, dass ein Wirbeltier, zum Beispiel ein Mensch, vorbeikommt und sie mitnimmt. Hat eine Zecke ihren Platz auf der Haut gefunden, dann sticht sie zu und saugt Blut. Zusammen mit ihrem Speichel gibt sie einen Teil des Blutes allerdings wieder zurück – in einigen Fällen zusammen mit einer gefährlichen Fracht. Denn Zecken können eine Vielzahl von Infektionskrankheiten übertragen: Am häufigsten ist die Borreliose, eine Bakterieninfektion. Seltener, aber nicht minder gefährlich ist eine Infektion mit FSME-Viren. Sie kann im schlimmsten Fall tödlich enden.

Bisher kommen FSME-Infektionen hauptsächlich in ausgewiesenen Risikogebieten vor allem im süddeutschen Raum vor. Doch deren Zahl steigt seit Jahren stetig.

Allein in diesem Jahr wurden zehn Gebiete neu als Risikogebiet eingestuft, so dass es inzwischen in Deutschland insgesamt 156 Regionen mit FSME-Vorkommen gibt. „Wir sehen bereits jetzt, dass sich das FSME-Virus weiter in den Norden ausbreitet und es eine Tendenz auch in Richtung Nordwesten gibt“, sagte Zeckenexperte Gerhard Dobler.

Mehrzahl der Erkrankten nicht oder unzureichend geimpft

Die neuen FSME-Risikogebiete liegen in Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen. Zudem gibt es einzelne FSME-Risikogebiete in Mittelhessen, im Saarland und in Rheinland-Pfalz. Allerdings gibt es mittlerweile auch in nicht deklarierten Risikogebieten gemeldete FSME-Erkrankungen, unter anderen in Niedersachsen, NRW, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Generell könne gesagt werden, dass in Deutschland die gefährliche Hirnhautentzündung seit wenigen Jahren bevorzugt auch in Regionen neu auftrete, die mit 600 bis 700 Meter etwas höher liegen, so Dobler.Dass nun zehn weitere Landkreise als Risikogebiete eingestuft wurden, ist eine Folge der zahlreichen FSME-Erkrankungen aus dem Jahr 2017. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 485 FSME-Erkrankungen gemeldet, das entspricht gegenüber 2016 einer Zunahme von 39 Prozent.

Die Mehrzahl (97 Prozent) der gemeldeten Erkrankten war gar nicht oder unzureichend geimpft. „Da es gegen die FSME keine ursächliche Behandlung gibt, die Krankheit aber schwere Folgen mit sich bringen kann, sind Vorsorgemaßnahmen gegen Zeckenstiche besonders wichtig“, erklärt Zeckenexperte Jochen Süss.

Und die beste Vorbeugung ist eine FSME-Impfung. Eine solche Impfung gibt es gegen Borreliose nicht. Die bakterielle Infektion kann aber mit Antibiotika behandelt werden.

Zecken schnell entfernen

Dennoch sind vorbeugende Maßnahmen wichtig. Spezielle Sprays oder Cremes, so genannte Repellants, schützen. Wer sich im Freien aufhält, sollte zudem lange Hosen und langärmlige Kleidung tragen. Nach Waldspaziergängen und längeren Aufenthalten im Freien empfiehlt es sich, den Körper nach möglichen Blutsaugern sorgfältig abzusuchen. Zecken wandern auf der Suche nach einer gut durchbluteten Stelle über die Haut. Beim Menschen stechen Zecken häufig am Kopf, aber auch an anderen geschützten Stellen, wie zum Beispiel Hals, Achseln, Ellenbeuge, Bauchnabel, Genitalbereich, oder Kniekehle.

Zahlen und Saison

Nicht jede Zecke überträgt auch Erkrankungen. Im Durchschnitt tragen in FSME-Risikogebieten 0,1 bis fünf Prozent der Zecken FSME-Viren in sich. Viele FSME-Infektionen verlaufen zudem ohne sichtbare oder nur mit milden Symptomen.

Das Vorkommen von Borrelien in Zecken schwankt stark und kann bis zu 30 Prozent betragen. Nach Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz wurde nach einem Zeckenstich bei 2,6 bis 5,6 Prozent der Betroffenen eine Borrelien-Infektion nachgewiesen. Aber selbst ein solcher Nachweis heißt nicht, dass die Betroffenen auch erkranken. Nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt. Insgesamt ist bei 0,3 bis 1,4 Prozent der Stiche mit Krankheitssymptomen zu rechnen.

Zecken sind aktiv ab einer Temperatur von etwa acht Grad. FSME tritt in Abhängigkeit von der Aktivität der virustragenden Zecken bevorzugt im Frühjahr und Sommer auf, aber auch im Herbst. In warmen Wintern können Infektionen vereinzelt auch dann entstehen. Das saisonale Vorkommen von Borreliose ist ähnlich.

Je schneller die Zecke entfernt wird, umso geringer ist die Erkrankungsgefahr. Die Borrelien etwa befinden sich im Darm des Tieres und werden in der Regel erst 24 Stunden nach dem Biss übertragen. Anders sieht es bei FSME-Viren aus: Sie befinden sich in den Speicheldrüsen des Tieres und können dementsprechend schneller in die Blutbahn des Wirts gelangen.

Wer eine Zecke entdeckt, sollte sie entfernen – möglichst ohne sie zu quetschen. Am besten nimmt man dafür eine eine Zeckenzange oder -karte. Sonst besteht die Gefahr, dass noch mehr Krankheitserreger übertragen werden. Anschließend ist es ratsam, die Stichstelle zu desinfizieren und noch etwa acht Wochen lang zu beobachten.

Sollte nach einigen Tagen bis Wochen eine deutliche ringförmige Hautrötung, typischerweise im Zentrum blasser als am Rand, entstehen, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Es könnte sich dabei um die sogenannte Wanderröte handeln, der Hinweis auf eine beginnende Borreliose. Auch wer in einem FSME-Risikogebiet unterwegs war und in den sieben bis 14 Tagen nach einem Zeckenstich grippeähnliche Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit, Unwohlsein, Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen entwickelt, sollte zum Arzt.

Eine generelle Antibiotikatherapie nach einem Zeckenstich betrachten die Experten aber nicht als grundsätzlich notwendige Maßnahme: Sie ist erst bei einem begründeten Borrelioseverdacht (Wanderröte und/oder neurologische Symptome oder Gelenkschwellung) angezeigt, heißt es beim Robert-Koch-Institut in Berlin. (mit dpa)