Theaterleiterin Marina Barth spricht über 25 Jahre Klüngelpütz, Herausforderungen der freien Szene und ihren Plan vom Ruin.
25 Jahre Klüngelpütz-Theater„Hier begegnen sich Menschen, hier sind noch Debatten möglich“

Theaterleiterin Marina Barth im kleinen Saal ihres Klüngelpütz.
Copyright: Arton Krasniqi
Angenommen, ich kenne das Klüngelpütz-Theater noch nicht und könnte mir zum Kennenlernen eine Veranstaltung aussuchen. Welche sollte ich wählen?
Diese Veranstaltung gibt es nicht. Wir sind sehr breit gefächert. Es ist schwierig, das mit einem Besuch abzudecken.
Ich müsste also mehrfach kommen.
Ich fürchte ja. Das ist unser geheimer Plan (lacht). Es hängt natürlich von Ihren Interessen ab. Unsere satirische Lesebühne „Rock 'n' Read“ ist sicherlich ein guter Einstieg. Ansonsten haben wir sehr junge performative Theaterkollektive hier oder politisch-dokumentarisches Theater. Es gibt aber auch Jazz-Konzerte. Wer Kabarett möchte, ist bei meinem Köln-Programm gut aufgehoben. Und ein Jugendtheater haben wir auch.
Zum 25-jährigen Jubiläum des Theaters haben Sie ein Buch geschrieben. Als Sie 2001 das erste Mal in das Theater kamen, haben Sie eine „verlotterte Bude“ vorgefunden, schreiben Sie.
Mich hat echt der Schlag getroffen. Alles war mit schwarzen Sackleinen verkleidet und mit Rigipsplatten eingekoffert. Im Theatersaal war alles zugerümpelt mit – im weitesten Sinne – Kunst. Es war super eng, es gab keine Bühne, nur ein kleines Podest und kein richtiges Licht. Und dann waren da die beiden stolzen Besitzer, die mahnten: „Nicht auf die Bühne treten“. Und ich dachte mir: Ja, wo ist sie denn, die Bühne?
Und trotzdem haben Sie das Theater übernommen und ihre Existenz als Pädagogin aufgegeben. „Um sich als Theatermacherin zu ruinieren“, wie Sie schreiben. Warum haben Sie sich das angetan?
Das hat meine Mutter mich auch gefragt. Keine Ahnung. Es ist Leidenschaft. Ich war im zweiten Beruf schon eine Weile auf der Bühne, mit zwei Kindern war es allerdings schwierig, so viel unterwegs zu sein. Ich brauchte also ein Theater vor Ort. Das mit dem Ruinieren war natürlich Ironie. Ich habe nicht gedacht, dass ich mich damit ruiniere. Und das ist ja zum Glück auch nicht passiert.
Ein paar Mal wäre es dann aber doch fast so gekommen. Wann war es am knappsten?
Der Schock war kurz nach der Eröffnung am größten, als kaum jemand kam. Am knappsten war es aber in der Corona-Pandemie. Als wir schließen mussten, habe ich gedacht, das wars.

Die rote Tür des Theaters und der markante Schriftzug an der Gertrudenstraße.
Copyright: Arton Krasniqi
Es ging aber doch weiter.
Das lag an meinem Team. Die haben sich das mit dem Streamen draufgeschafft, Ideen für kleine Videoformate entwickelt und quasi ohne mich umgesetzt. Das hat uns gerettet.
Hat die Pandemie das Theater resilienter gegenüber äußeren Umständen gemacht?
Krisen und Herausforderungen gibt es immer wieder, aktuell etwa die große Konkurrenz durch den Circus Roncalli. Oder die steigenden Benzinpreise, die sich auf die Kartenverkäufe auswirken. Ich weiß nicht, ob wir resilienter geworden sind. Die jüngeren Kollegen sind da noch zuversichtlicher als ich. Unser Veranstaltungstechniker sagt immer: „Den Laden kriegt doch keiner kaputt“. Warten wir mal ab (lacht).
Als freies Theater ist der Kampf um Förderungen ein großes Thema. Mit dem Förderungssystem sind Sie nicht zufrieden. Warum?
Wenn im Land 180 Projekte von der Förderjury für gut befunden werden und anschließend nur 50 Anträge gefördert werden, dann ist das ein Witz. Solche Anträge sind nicht teuer. Wenn das Budget das nicht hergibt, ist das lächerlich. Was uns besonders ärgert: Wenn ein Stück dann auch noch lustig ist, oder wenn man, wie wir, Kabarett im Namen hat, dann ist man raus. Da ist die Jury der Ansicht: Wer in diesem Segment unterwegs ist, der kann sein Geld selber verdienen. Auch das ist ein Witz.

Aus der Zeit gefallen, aber voller Charme: das Theater-Foyer.
Copyright: Arton Krasniqi
Auch für das Jugend-Theaterstück „random.“ wurde die Förderung abgelehnt. Trotzdem hat es den Jugendtheaterpreis 2025 gewonnen. Eine Genugtuung?
Das hat mich sehr gefreut. Unter jeden Brief, den ich ans Land schreibe, steht jetzt drunter: Theaterpreis 2025 für das nicht geförderte Stück. Das bringt zwar nichts. Aber manchmal braucht es einfach eine Genugtuung.
Welche Bedeutung hat das Jugendtheater für Sie?
Die Jugend muss uns Theatern am Herzen liegen. Aber wir dürfen nicht versuchen, junge Menschen in unsere Welt zu ziehen. Wir sollten sie in ihrer Welt besuchen und dort die Möglichkeiten erweitern. Das ist die Idee von „random.“. Da arbeiten wir mit den Methoden des Internets, mit Memes und Reels, bunt und laut und mit schnellen Wechseln. Das kommt gut an bei den Jugendlichen.
Die Förderungen sind das eine - mit welchen Herausforderungen hat die freie Szene noch zu kämpfen?
Wir haben ein Öffentlichkeitsproblem. Von vielen Menschen werden wir überhaupt nicht wahrgenommen. Wir mussten alle lernen, mehr in den sozialen Medien unterwegs zu sein. Aber auch dort ist es schwierig aufzufallen. Die Informationen an die richtigen Leute zu bringen, das ist nach wie vor schwierig. Auch von der Politik würden wir uns mehr Wertschätzung für die freie Szene wünschen.
Was ist in der Jubiläumswoche geplant?
Am Montag haben wir unsere Partner eingeladen, die Stadtspitze, Gäste aus dem Landtag und von allen Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir haben einen Film über das Theater gemacht mit einem Filmemacher, der uns die ganze Woche begleiten wird. Um unsere Bandbreite zu zeigen, spielen wir in der einen Woche alle unsere zehn Eigenproduktionen, jeweils zwei pro Tag. Wer also jeden Tag kommt, hat alles gesehen.
Was steht nach dem Jubiläum als nächstes an?
Wir hoffen, dass wir Ende des Jahres zweieinhalb weitere angrenzende Räume bekommen, die aktuell als Aktenkeller einer Anwaltskanzlei dienen. Da wollen wir sogenannte dritte Orte schaffen. Wir wollen Künstler mit Laien zusammenbringen, wir möchten einen Podcast mit Jugendlichen starten, bei denen die Jugendlichen bestimmen.
Warum ist ein kleines, freies Theater wichtig für eine Millionenstadt wie Köln?
Wir glauben, dass es große Auswirkungen entfalten kann. Hier begegnen sich Menschen, die nicht viel miteinander zu tun haben, die auch politisch aus unterschiedlichen Richtungen kommen. Hier sind noch Debatten möglich, auch wenn man mit seinen Ansichten nicht zusammenkommt. Wenn wir es schaffen, ein dichtes Netz solcher Orte zu schaffen, dann können wir eine Menge bewirken.