Frei nach dem Motto: vorwärts immer, rückwärts nimmer. Unser satirischer Wochenrückblick.
Die Exklave in HöhenhausDie Siedlung Schönrath könnte Kölns neue Touristen-Attraktion werden

Die Glienicker Brücke von Köln: Das Bauwerk an der Straße Am Flachsrosterweg in Höhenhaus über den Eisenbahngleisen soll abgerissen werden.
Copyright: Alexander Schwaiger
Das ist kein Zufall. Nur eine Woche nach dem Aufschrei der Vorsitzenden der Fußgängervereins, die Stadt müsse endlich mehr Flächen für die vielen Touristen schaffen, die den Einheimischen rund um Dom, Altstadt und Rheinufer den Platz wegnehmen, reagiert die Stadt und schafft einen völlig neuen Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt: die Exklave von Höhenhaus.
Die Älteren werden sich noch erinnern. So etwas gab es bisher nur in Berlin. Genauer gesagt: in West-Berlin. Zwischen 1945 und 1972 lebten dort rund 200 Bewohner völlig isoliert in der Exklave Steinstücken und konnten ihr Veedel, pardon, ihren Kiez, nur durch einen Korridor über DDR-Gebiet erreichen. Erst nach einem Gebietsaustausch 1972 wurde Steinstücken über eine Straße mit West-Berlin verbunden.
Das kölsche Steinstücken entsteht dieser Tage in Schönrath, einer Siedlung mit 3500 Menschen in der einquetschten Lage zwischen Bahndamm und Autobahn, wo die Lärmschutzwand als unüberwindbar gilt, echtes Mauer-Feeling verspricht, und es bald nur noch einen Fluchtweg geben wird. Zur Berliner Straße, die dann West-Berliner Straße heißen wird.
Die kölsche Version der Glienicker Brücke
Das zweite Schlupfloch, eine Brücke, die noch über die Bahntrasse von Köln über Wuppertal nach Berlin führt, wird wegen angeblicher Baumängel abgerissen und durch eine gesicherte Behelfskonstruktion ersetzt, die nur noch von Fußgängern oder Radfahrern genutzt werden kann. Das ist kölsche Version der Glienicker Brücke.
Die Schönrather Brücke dient einzig und allein dem Touristenaustausch. Für jeden ausländischen Besucher darf ein Schönrather Bürger mit Passierschein die Exklave verlassen und sich auf der Schäl Sick mit garantiertem Dom-Blick frei bewegen, sofern er sich zuvor für das Besucherprogramm „Deutzer Freiheit“ beworben hat. Die linke Rheinseite bleibt tabu. Dafür sind die Brücken in einem zu schlechten Zustand.
Geplant wird das Ganze vom Mobilitätskombinat der Stadt Köln unter Leitung des Verkehrsgenossen Egerer, der schon mehrfach versucht hat, das chaotische und unkontrollierte Verkehrsgeschehen rund um Schönrath unter seine Kontrolle zu bringen.
Die Gelegenheit ist günstig, erneuert die DB InfraGo, die zu DDR-Zeiten im Osten noch Deutsche Reichsbahn hieß, doch gerade die Bahntrasse Richtung Hauptstadt, so dass der Bau der Nadelöhr-Behelfsbrücke zur Sicherung der Grenzanlagen nicht groß auffällt.
Revolutionärer Plan für die Mülheimer Brücke
Mit seinem revolutionären Plan, die Mülheimer Brücke – von der es heißt, sie verdanke ihren Bau in den 1920er Jahren der Tatsache, dass Kölns damaliger Oberbürgermeister Konrad Adenauer die Kommunisten bei der Abstimmung mit ins Boot holte – in erster Linie Fußgängern und Radfahrern zu überlassen, war Mobilitätsgenosse Egerer noch am kölschen Ober-Burmester gescheitert.
Diesmal zieht er das durch. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Nur die Schönrather sind gerade vor allem eins: ganz schön ratlos.