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Rassismus und DemokratieMusical über „Gastarbeiter“-Streik bei Ford wird in Niehler Auto-Halle gezeigt

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Nedim Hazar (Mitte) erinnert mit dem Musical „Baha und die wilden 70er“ an den Streik von ausländischen Angestellten bei Ford im Jahr 1973.

Nedim Hazar (Mitte) erinnert mit dem Musical „Baha und die wilden 70er“ an den Streik von ausländischen Angestellten bei Ford im Jahr 1973. Rechts im Bild Seyfo Kurt, der damals im Streikkomitee war.

Das Musical „Baha und die wilden 70er“ zum Ford-Streik von Gastarbeitern 1973 gastiert Ende Oktober in den Ford-Werken.

„Wenn wir unsere Vergangenheit nicht wahrnehmen, werden wir nicht ankommen“, sagt Nedim Hazar. „Und wenn wir unsere Vergangenheit nicht gemeinsam reflektieren, verlieren wir irgendwann unsere Demokratie.“ Der Kölner Regisseur, Autor und Musiker Nedim Hazar macht sich um die Vergangenheit von Menschen, die einst als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, seit langem verdient. Mit der Konzertreihe „Deutschlandlieder“ brachte er der deutschen Mehrheitsgesellschaft weitgehend unbekannte Hits von Türken, Italienern, Kurden und Griechen auf die Bühne – mit Musikerinnen und Musikern, die für die so genannten Gastarbeiter Stars waren.

Die Konzerte wurden den Feuilletons genauso gefeiert wie ein noch unwahrscheinlicheres Projekt: Vor drei Jahren inszenierte Hazar den ersten großen Arbeiterkampf von türkischen Gastarbeitern aus dem Jahr 1973 als Musikrevue: „Baha und die wilden 70er“ verbindet die Geschichte des gescheiterten Anführers des Kölner Ford-Streiks des Jahres 1973, Baha Targün, mit dokumentarischen Bildern und Berichten. Jetzt kehrt die Geschichte zu ihren Ursprüngen zurück: Das Stück, für das Hazars Sohn Eko Fresh den Titel-Song schrieb („Eine Mark mehr für alle“), wird am 29. und 30. Oktober sowie am 7. November in einer Halle der Kölner Ford-Werke aufgeführt.

Der Streik 2973 war ein Meilenstein für die Politisierung der Migrationsgesellschaft, ein Signal, dass Ausländer für Gleichberechtigung kämpfen müssen
Kemal Bozay, Mitveranstalter des Vereins Interkultur

„Der Streik 1973 war ein Meilenstein für die Politisierung der Migrationsgesellschaft, ein Signal, dass Ausländer für Gleichberechtigung kämpfen müssen“, sagt Kemal Bozay, Geschäftsführer des Vereins Interkultur, der die Konzerte mitveranstaltet. „Letztlich war es auch ein Meilenstein für die deutsche Demokratiegeschichte“, sagt Hazar.

Sechs Jahre nach dem Ford-Streik berief die Bundesregierung mit Heinz Kühn den ersten Ausländerbeauftragten, erst 24 Jahre nach dem ersten Gastarbeiterabkommen machte sich die Politik Gedanken um Integration und Teilhabe – die zu späte Einsicht führte die ersten Generationen von Arbeitern in Parallelgesellschaften. „Dass der Ford-Konzern sein Werk für unser Musical öffnet, als Mitveranstalter auftritt und sogar eine Plakette anbringt, die an den Streik damals erinnert, zeigt, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat und wir hier aus der Geschichte gelernt haben“, sagt Nedim Hazar. „Das ist umso wichtiger, da Menschen mit Migrationsgeschichte wieder große Angst haben angesichts einer Partei, die von millionenfacher Remigration spricht, offen rassistisch agiert und die Demokratie abschaffen möchte.“

25.10.2024, Köln: Nedim Hazar und Seyfo Kurt (v.l.) planen ein Musiktheater-Projekt, das zwischen Demokratie- und Migrationsgeschichte vermittelt. Im Mittelpunkt steht ein Gastarbeiter-Streik bei Ford vor 50 Jahren. Foto: Arton Krasniqi

Seyfo Kurt (l.) war 1973 im Streikkomitee. Jetzt steht er mit dem Ensemble auf der Bühne, Nedim Hazar hat Regie geführt.

Die türkischen Arbeiter forderten im August 1973 eine Mark mehr Stundenlohn, mehr Urlaub, um im Sommer in die Türkei reisen zu können, menschenwürdige Arbeits- und Wohnbedingungen. Der „Express“ titelte seinerzeit „Das Kölner Ford-Werk am Rande des Bürgerkriegs“, die Bild plakatierte: „Türken-Terror bei Ford“. Die Arbeiter besetzten eine Halle, demonstrierten tagsüber, musizierten und tanzten nachts dort, wo sie sonst getriezt wurden. Die Ordnungsbehörden lösten den Streik gewaltsam auf, der Arbeiterkampf scheiterte, löste aber eine Debatte über Wertschätzung und Bezahlung von ausländischen Arbeitern aus.

Seyfo Kurt stand während des Streiks mit Megafon vor den türkischen Ford-Angestellten, er war Mitglied des Streikkomitees. „Damals gab es viel Rassismus. Es war wichtig, zu streiken, auch wenn wir am Ende nicht erfolgreich waren“, sagt er. „Die Leute haben danach besser kapiert, dass wir auch Menschen sind, nicht nur Gastarbeiter.“ Heute gebe es wieder viel Rassismus und Migranten trauten sich nicht mehr, ihre Meinung zu sagen. „Das ist sehr traurig.“ Seyfo Kurt ist 84 – und steht bei „Baha und die wilden 70er“ mit auf der Bühne. Leider gebe es „heute keine Sicherheit mehr in der Autoindustrie, auch das macht den Menschen Angst“, sagt Kurt. „Und wenn viele Menschen Angst haben, nimmt der Faschismus zu.“ Das sehe man überall auf der Welt.

Tickets für drei Aufführungen gelten auch für Oltimer-Ausstellung

Mit dem Musical, der an den Ford-Streik erinnert, ist das 22-köpfige Sanat-Ensemble durch ganz Deutschland getourt. Weiterführen werden Nedim Hazar und Kemal Bozay die Geschichte mit einem Dokumentationsfilm, einem Buch und einer Grafic Novel. Ein künstlerisches Denkmal setzen möchten sie auch dem ersten Streik von Gastarbeiterinnen beim Autozulieferer Pierburg, ebenfalls im August 1973. Die Stiftung Orte der Demokratiegeschichte fördert die Projekte. „Wir haben viel erreicht in Sachen Integration“, sagt Bozay. „Aber letztlich stehen wir heute vor den gleichen Fragen wie damals: Sind wir alle gleich an Würde? Wo will die Gesellschaft hin?“

Für die Musik-Revue „Baha und die wilden 70er“ gibt es noch Karten. Das Stück wird am 29. und 30. Oktober sowie am 7. November jeweils um 20 Uhr in der A-Halle der Ford-Werke gezeigt. Tickets gibt es bei den bekannten Vorverkaufsstellen. Die Tickets sind gleichzeitig Eintrittskarten für eine Oldtimer-Schau in einer Werkhalle.