„Hardcore-Einsatz gegen Einsamkeit“Künstler setzen sich für Erhalt des Ehrenfelder Bürgerzentrums ein

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Die 14 Bürgerzentren – hier das in Ehrenfeld – verzeichnen mit ihren niedrigschwelligen Angeboten etwa 1,5 Millionen Besucher pro Jahr.

Die 14 Bürgerzentren – hier das in Ehrenfeld – verzeichnen mit ihren niedrigschwelligen Angeboten etwa 1,5 Millionen Besucher pro Jahr.

Zur Unterstützung des Büze Ehrenfeld verzichteten Künstler des „Frei Art“-Abends auf ihre Gage. Eine Solidaritäts-Kampagne für das Zentrum ist geplant.

Nachdem sie zu Begrüßung eine Weile gekonnt mit Leuchtstäben herumgewirbelt hatte, machte Loona Tension unter dem Jubel der rund 120 Besucherinnen und Besucher die Grundregeln für den „Frei Art“-Abend im Ehrenfelder Bürgerzentrum (Büze) unmissverständlich klar: „Keine Homophobie, kein Rassismus, keine AfD.“ Doch bevor der Abend mit viel Glamour, Tanz, Gesang, Jonglage und Clownerie so richtig losgehen konnte, hatte Tension ein weiteres Anliegen. „Wenn ihr ein paar Euro übrig habt, steckt sie in die Spendenbüchse. Das Geld kommt dem Bürgerzentrum zugute, dessen Arbeit bedroht ist.“

Künstler verzichteten fürs Büze auf ihre Gage

Auch die Künstler, die an diesem Abend auftraten, verzichteten zugunsten des Büze auf ihre Gage. Dafür bedankten sich Jonathan Sieger, Leiter der Einrichtung, und Mona Hesselmann, zuständig für das Kulturprogramm, auf der Bühne. „Wir werden im Sommer eine Kampagne zu Erhaltung des Büze in seiner jetzigen Form starten, zum Beispiel mit Kulturveranstaltungen im Park“, versprach Hesselmann.

Loona Tension war eine der Drag Queens, die an diesem Abend auf die finanzielle Situation des Büze aufmerksam machte.

Loona Tension war eine der Drag Queens, die an diesem Abend auf die finanzielle Situation des Büze aufmerksam machte.

Wie bereits berichtet, ist die Arbeit der 14 Kölner Bürgerzentren aufgrund ihrer finanziellen Situation in Gefahr. Sie hoffen auf eine deutliche Erhöhung der städtischen Zuschüsse von derzeit 3,8 Millionen Euro pro Jahr auf 6,8 Millionen Euro für alle 14 Häuser. Unterstützt werden sie von der Verwaltung, doch angesichts der allgemeinen Finanzlage ist Jonathan Siegers Optimismus vor der Entscheidung im August überschaubar: „Wir haben eine sehr leise Lobby.“

Bewusst schrille Show sollte auf drohende Verluste aufmerksam machen

Meistens jedenfalls, denn Drag Queens sind da anders, und so war die bewusst schrille Show ein passender Anlass, auf die drohenden Verluste aufmerksam zu machen. Denn Männer, die sich mit Schminke und Glitter als Glamour-Damen inszenieren, sind eine Minderheit, der viele immer noch mit Misstrauen begegnen. Seit etwa zwei Jahren haben sie und ihr Gefolge im Büze jedoch einen „Safe Space“ – einen „sicheren Raum“ also. Das soll so bleiben, versicherte Sieger.

Nach seinem Verständnis sind Bürgerzentren ein Ort für Menschen, die es anderswo schwer haben, die nicht gern gesehen sind oder einfach nicht genug Geld in der Tasche haben, um die Preise in Cafés, Restaurants oder anderen kommerziell orientierten Einrichtungen zu zahlen. „Wohnungslose, die unser Umsonst-Café besuchen, die westafrikanische Diaspora und andere migrantische Organisationen, ukrainische Flüchtlinge, aber auch Senioren, die sich hier ‚Fit für 100‘ machen: Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten kommen hier zusammen. Wenn es gut läuft, lernen sie sich auch kennen“, beschreibt Sieger seine Arbeit.

Preiserhöhungen trügen zur weiteren Gentrifizierung bei

Das funktioniere aber nur, wenn der finanzielle Rahmen stimme. „Wir könnten die Preise für die Vermietung unserer Räume oder für den Cappuccino oder das Mittagessen erhöhen, aber dann würden wir diese Gruppen aus dem Büze verdrängen und zur weiteren Gentrifizierung beitragen“, sagt Sieger. „Das würde den Charakter des Bürgerzentrums konterkarieren.“

Doch die gestiegenen Energiekosten sitzen der Büze-Leitung – ebenso wie den anderen Bürgerzentren - im Nacken, außerdem steigen die Kosten aufgrund des Mangels an qualifiziertem Personal. „Wir haben einige Mitarbeiter, die demnächst in den Ruhestand gehen, für adäquaten Ersatz müssen wir auf dem umkämpften Arbeitsmarkt wohl tiefer in die Tasche greifen.“

Büze-Arbeit als Einsatz gegen Einsamkeit

Rund 400.000 Euro seines jährlichen Etats in Höhe von rund 2 Millionen Euro muss das Bürgerzentrum, das momentan 26 Vollzeitmitarbeiter beschäftigt, selbst erwirtschaften. Hinzu kommen rund 800.000 Euro, die extern meist für zeitlich begrenzte Projekte bei Stiftungen und Spendern eingeworben werden. Sowie 400.000 Euro von der Stadt, die zudem kostenlos das Gebäude stellt und alle Reparaturen übernimmt, die mehr als 400 Euro kosten.

Dieser kommunale Beitrag müsse angesichts des allgemeinen Kostenanstiegs dringend angepasst werden, sagt Sieger. Schon vor Corona sei die Lage der Bürgerzentren schwierig gewesen, ständig sei von Einsparungen die Rede gewesen. Nun sei zu befürchten, dass die Häuser kaputtgespart werden.

„Man muss zum Vergleich nur mal bedenken, was für die städtischen Bühnen ausgegeben wird. Die 14 Bürgerzentren arbeiten für die Stadt sehr günstig und verzeichnen mit ihren niedrigschwelligen Angeboten etwa 1,5 Millionen Besucher pro Jahr.“ Und das in einer Zeit, in der das Bundesfamilienministerium das Thema Einsamkeit für sich entdecke: „Was wir machen, ist ein Hardcore-Einsatz gegen Einsamkeit.“

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