Köln – Konzentriert presst Fanny den Brenner in das weiche Holz. Punkt für Punkt entsteht der Umriss eines Blatts. Zusammen mit vier weiteren Mädchen baut die Elfjährige in den Osterferien in der Werkstatt des Handwerkerinnenhauses in Nippes ein Hochbeet. Sägen, bohren, schrauben und verzieren stehen drei Tage lang auf dem Programm. Am zweiten Tag haben die Nachwuchs-Handwerkerinnen schon einiges geschafft: Die Beete sind zusammengezimmert, die Verzierungen größtenteils eingebrannt.
Für die Kursteilnehmerinnen im Alter zwischen neun und elf Jahren sind die Hochbeete die größten handwerklichen Arbeiten, die sie bisher selbst hergestellt haben.
Weit mehr als nur ein praktischer Lerneffekt
Neben dem Umgang mit Zollstock, Standbohrer, Brenner, Sägen und Pinseln haben die Mädchen im Kurs noch mehr gelernt. „Genauigkeit beispielsweise oder Ausdauer“, sagt Andrea Roth. Die Goldschmiedin mit Zusatzausbildungen in anderen Gewerken, begleitet seit mehr als 25 Jahren die Angebote des Vereins Handwerkerinnenhaus.
Zahlreiche Angebote
1989 entstand das Handwerkerinnenhaus e.V. als Lern- und Bildungsort für Mädchen und Frauen. Es bietet verschiedene Projekte an.
Im Mädchenprojekt Zukunft gibt es für Schülerinnen ab der 5. Klasse praktische Berufsorientierung und Beratung sowie die Begleitung bis ins erste Ausbildungsjahr.
Für Schulverweigerinnen gibt es präventive und intervenierende Angebote. Es ist auch möglich, dass schulverweigernde Mädchen im 9. und 10. Schulbesuchsjahr im Handwerkerinnenhaus ihren Hauptschulabschluss erwerben können.
Das Frauenkursprogramm ist vielfältig und richtet sich an alle Frauen. Es reicht von „Reparaturen im Haushalt“ über einen Autopannenkurs bis zum Möbelbau. (dha)
www.handwerkerinnenhaus.org
Ziel des Handwerkerinnenhauses ist es, Mädchen und Frauen in ihrem Selbstvertrauen und ihren Fähigkeiten zu stärken. „Sie sollen frei von stereotypen Rollenmustern ihr Potenzial entfalten“, sagt Sozialpädagogin Hanna Kunas. Sie ist überzeugt, dass es dabei immer noch viel zu tun gibt. Studien zeigten, dass Mädchen immer noch eine sehr eingeschränkte Perspektive bei der Berufswahl hätten. „Knapp 50 Prozent der Frauen, die einen Ausbildungsvertrag abschließen, wählen neun von insgesamt 325 Ausbildungsberufen“, so Kunas.
„Geschlechterklischees haben nach wie vor Einfluss auf die Berufswahl"
Um Fachkräfte in der Berufsberatung gendersensibel zu schulen, bietet sie entsprechende Schulungen an. „Geschlechterklischees haben nach wie vor Einfluss auf die Berufswahl. Die Vergeschlechtlichung von Berufen beginnt schon sehr früh“, sagt Kunas. Das gelte es zu ändern. „Genderkompetenz ist ein Lernprozess. Das allerwichtigste ist, dass wir reflektieren und bereit sind, zu schauen, welche Schubladen wir im Kopf haben“, findet die Sozialpädagogin. Um das Blickfeld für Kinder und Jugendliche bei der Berufswahl zu öffnen, empfiehlt sie, sich so viel wie möglich praktisch zu erproben.
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Praktika bei der Berufsfelderkundung helfen zu sehen, was individuell Spaß macht und wo Talente liegen. Der Ferienkurs im Hochbeetbauen kann da ein Einstieg sein. „Es macht Spaß, selbst etwas zu machen, was andere Leute fertig kaufen. Ich bin stolz“, hat Carlotta (10) festgestellt. Mitstreiterin Sophie (11) kann sich sogar vorstellen, ihre eigene Schreinerwerkstatt aufzumachen. Und Fanny findet handwerken „sehr kreativ“.


