Prof. Dr. Paul Fuchs erklärt, was das Team des Verbrennungszentrums im Krankenhaus Merheim leistet und was Betroffene aushalten müssen.
Nach FeuerkatastropheKölner Arzt von Schweizer Brandopfer gibt Einblicke – Behandlung in Merheim

Oft sind schwerstverbrannte Patientinnen und Patienten an viele Stellen mit Wundverbänden bedeckt. Die Verbandswechsel können laut Prof. Dr. Paul Fuchs bis zu drei Stunden dauern.
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40 Tote und über 100 Verletzte: In der Silvesternacht ging eine Schweizer Bar in Flammen auf. Die Opfer erlitten teils schwerste Brandverletzungen, eines von ihnen liegt nun im Krankenhaus Merheim. Prof. Dr. Paul Fuchs erklärt als Chefarzt der Plastischen Chirurgie und Verbrennungsmedizin, worauf es bei der Behandlung ankommt.
Herr Prof. Dr. Fuchs, warum werden die Brandopfer aus der Schweiz auch im Ausland behandelt?
Ein solcher Massenanfall von Verbrennungspatienten würde jedes Land vor enorme Herausforderungen stellen. Das gilt besonders für die Schweiz, weil sie doch kleiner ist als Deutschland und es dort nur zwei Verbrennungszentren gibt. In Deutschland gibt es insgesamt circa 18 Verbrennungszentren. Wenn die Kapazitäten im eigenen Land ausgeschöpft sind, wird die EU kontaktiert. Diese übernimmt dann die Verteilung. Auch Patienten aus der Ukraine kommen immer wieder zu uns.
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Wieso kam eines der Opfer nach Merheim?
Wir hatten freie Kapazitäten, die wir der EU gemeldet haben. Das Verbrennungszentrum in Merheim ist eines der größten in Deutschland. Wir haben zehn Zimmer mit jeweils einem Bett und sechs davon sind für Schwerstverbrannte vorgesehen. Auch die Nähe zum Flughafen Köln/Bonn macht Merheim für solchen internationalen Behandlungen sicherlich attraktiv.

Prof. Dr. Paul Fuchs, Chefarzt der Plastischen Chirurgie/Verbrennungsmedizin im Krankenhaus Merheim der Kliniken der Stadt Köln
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Wann und wie kam die Person im Krankenhaus an?
Am Freitag in einem speziellen Transportflugzeug der Bundeswehr namens MedEvac. Für den Weitertransport ins Krankenhaus brauchte es dann nur einen Intensivtransport auf der Straße.
Sind Sie behandelnder Arzt des Schweizer Brandopfers?
Ich bin einer der behandelnden Ärzte. Verbrennungsmedizin ist eine absolute Teamleistung und sehr personalintensiv. Teilweise sind bei einer großen Operation sechs Chirurgen gleichzeitig und ein Anästhesist (Anm. d. Red.: Narkosearzt) beteiligt. Auch interdisziplinär arbeiten wir zusammen, zum Beispiel mit der Augenklinik oder der Unfallchirurgie, wenn gebrochene Knochen hinzukommen.
Was können Sie zum Zustand der Person sagen?
Aus Datenschutzgründen nichts. Ich kann nur sagen, dass es sich um eine schwerstverbrannte Person handelt. Davon spricht man ab circa 20 Prozent verbrannter Körperoberfläche.
Werden bei Ihnen nur solche Härtefälle behandelt?
Nein, es werden auch kleinere Verletzungen behandelt – aber ab 20 Prozent immer auf der spezialisierten Schwerstbrandverletztenstation. Besonderes Augenmerk legen wir auf die Behandlung von Verletzungen am Kopf und an den Händen, weil das mitunter den stärksten Einfluss auf Funktion und Ästhetik hat.
Wie sieht das Verbrennungszentrum in Merheim aus?
Die sechs Boxen, wie wir sie nennen, haben unter anderem eine spezielle Klimatisierung. Denn durch die Verbrennungen ist die Schutzfunktion der Haut stark eingeschränkt und es entsteht ein enormer Wärmeverlust. Alle Zimmer sind zudem großzügig bemessen, damit dort die täglichen Verbandswechsel durchgeführt werden können, was auch mal zwischen zwei und drei Stunden dauern kann. Wir haben außerdem ein Aufnahmebad, in dem die Patienten von Ruß und Dreck gereinigt werden können. Diese hochgestellte Wanne ist ausgestattet wie ein OP-Tisch, falls Kleidung oder Hautblasen etwas entfernt werden müssen.

Ein Feuerwehrmann gedenkt vor der Bar „Le Constellation“ der Opfer des Feuers, das während einer Silvesterparty ausgebrochen war.
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Die Personen haben in schweren Fällen also am ganzen Körper Verbände?
Ja, das passiert mit einer aufwendigen Wickeltechnik. Die Patienten sehen dann tatsächlich manchmal aus, wie man sich Mumien vorstellt.
Wenn Brandopfer auf der Station versterben, woran liegt das?
Durch die verlorene Schutzbarriere der Haut haben wir nicht nur enormen Verlust von Flüssigkeit und Wärme, sondern auch eine hohe Anfälligkeit der Wunden für Bakterien. Auch wenn hier hochprofessionell und steril gearbeitet wird, können Blutvergiftungen entstehen, die tödlich enden können. Unsere Anästhesisten versuchen dem mit modernen Antibiotika entgegenzuwirken. Das Risiko mindert sich erst, wenn die Wunden sich verschlossen haben. Und wir haben Patienten, bei denen das drei Monate oder länger dauert.
Bis zu welchem Punkt gibt es Hoffnung für Brandopfer?
Es gibt keine absolute Grenze. Es gibt auch Fälle, in denen Patienten überleben, bei denen 80 bis 90 Prozent der Körperfläche verbrannt war. Das ist schonmal im Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße der Fall gewesen. Das Alter der Patienten ist ganz entscheidend. Wenn Sie 50 sind und eine 80-prozentige Verbrennung haben, werden Sie wahrscheinlich nicht überleben.
Wie läuft eine Behandlung ab?
In den ersten 48 Stunden geht es meist einfach ums Überleben. Die Patienten kommen an und werden im Aufnahmebad gereinigt und die Wunden verbunden. Besonders wichtig ist auch die Flüssigkeitszufuhr über Katheter. Wenn man diese Akutphase überstanden hat, geht es um den Wundverschluss. Dabei geht man erst die großen Flächen an, um die Überlebenswahrscheinlichkeit zu steigern. Eine glatte Fläche wie einen Rücken kann man leichter operieren als ein Gesicht mit vielen Ecken und Kanten.

Zwischen 100 und 150 Personen werden jährlich im Verbrennungszentrum des Krankenhauses Merheim behandelt.
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Was passiert bei den Operationen?
Erst muss alles abgetragen werden, was verbrannt ist. Die Abdeckung der verbrannten Areale geht nur mit der eigenen gesunden Haut, die dann verpflanzt wird. Dafür gibt es eine bestimme chirurgische Methode. Man schneidet ein dünnes Stück Haut in die Form eines Gitternetzes, um es auf eine größere Fläche spannen zu können, die danach zuwächst. Am liebsten nehmen wir diese Haut vom Oberschenkel. Da wo die Haut entnommen wird, entsteht eine Wunde, die nicht tiefer ist als eine Schürfwunde, also um die zwei Millimeter, und innerhalb von drei Wochen wieder zuwächst.
Und in Fällen, wo kaum mehr gesunde Haut da ist?
Wenn wir uns Sonderfällen nähern, bei denen über 70 Prozent verbrannt sind, kann man auch Haut im Labor züchten. Aber das ist eine extrem aufwendige und teure Prozedur, die meistens nur bei ausgewählten Patienten gemacht wird.
Wie kommen die Brandopfer mit den Schmerzen klar?
Allein die Schmerzen durch die täglichen Verbandswechsel sind meist nur in einem künstlich erzeugten Dauerschlaf auszuhalten. Oft werden die Brandverletzten auch künstlich beatmet. Daher ist das gute Zusammenspiel zwischen Intensivmediziner, Narkosearzt und Chirurg so entscheidend.
Wie wichtig ist die psychologische Betreuung?
Sehr wichtig, wir werden auch von Traumapsychologen unterstützt. Das meiste in diesem Bereich findet aber oft im Nachhinein statt. Dann geht es zum Beispiel um die Verarbeitung dessen, dass große Narben im Gesicht entstanden sind. Viele haben aufgrund ihres Aussehens Angst, das Verbrennungszentrum zu verlassen. Hier werden sie als normal betrachtet. Das ist für uns täglich Brot und lässt uns nicht aufschrecken. Sich wieder in den Supermarkt zu trauen, ist aber etwas anderes.
Wie sieht das Leben nach der Entlassung aus?
Oft ist eine monatelange Behandlung in der Reha nötig, um die Gelenke wieder in Gang zu bekommen. Außerdem kommen die Patienten rund alle vier Monate wieder zu uns, um eine Korrektur-OP durchführen zu lassen. Denn Narben können so rigide sein, dass sie zu Bewegungseinschränkungen führen. Manchmal werden im Nachhinein auch noch Dinge im Gesicht oder an den Händen rekonstruiert. Die Leute gehen also oft eine jahrelange Beziehung mit uns ein.
