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Karneval in Köln
So lief der Rosenmontagszug - Jeck mit Haltung

Lesezeit 5 Minuten
Gute Laune herrschte überall auf der Zugstrecke.

Gute Laune herrschte überall auf der Zugstrecke.

Der Rosenmontagszug war in diesem Jahr so politisch wie selten - Klare Botschaft gegen Hass und Würdigung der Kölner Kulturbranche.

Die Zeiten sind alles andere als lustig. Krieg und Gewalt in weiten Teilen der Welt, und ganz viel Theater vor der eigenen Haustür. Für den fassungslosen Jeck, der mit seinen wachsamen Augen wie immer alles im Blick hat, ist klar: Es ist Zeit, Haltung zu zeigen. Dass das Festkomitee einen der Persiflagen schon Wochen vor Rosenmontag aus der Wagenhalle am Maarweg ins Licht der Öffentlichkeit rückt, zeigt: Die Karnevalisten haben das dringende Bedürfnis, politisch zu sein. Es ist der Kallendresser, der stellvertretend für alle Jecken auf die zum Hitler-Gruß erhobenen Arme der Nazis scheißt. Seinen ersten Auftritt hatte der Wagen bei der Anti-Rechts-Demo im Januar auf der Deutzer Werft. Den Despoten dieser Welt nageln die Wagenbauer das symbolische Brett vor den Kopf, der ukrainische Präsident Selenskiy fragt sich „to be or NATO be“ und Bundeskanzler Olaf Scholz schaukelt als Faultier gemütlich und nichtstuend auf einem Ast und Außenministerin Annalena Baerbock rumpelt als Elefant durch den Porzellanladen.

Die Bilder, die der Karneval an Rosenmontag mit seinen Persiflagewagen in die Welt sendet, sind zwar nicht so hart wie bei den Kollegen aus Düsseldorf – Familienfreundlichkeit ist Zugleiter Holger Kirsch wichtig -, aber dennoch deutlich in der Botschaft. Mit dem Sessionsmotto „Wat e Theater – wat e Jeckespill“ haben sich die Karnevalisten in diesem Jahr selbst die perfekte Steilvorlage für einen Zoch voller politischer Statements gegeben.

In diesen aufregenden Zeiten kehrt der Rosenmontagszug aber auch zurück zu seinen Wurzeln. Nach Corona-Pause, Friedensmarsch und dem Jubiläumszoch 2023 zum 200-jährigen Bestehen des Festkomitees mit Start in Deutz, geht nun wieder alles seinen gewohnten Weg: Start in der Südstadt, über die Severinstraße, später über die Ringe und vorbei am Dom. Fast ein bissschen wie Urlaub seien die letzten Tage gewesen, meint Zugleiter Holger Kirsch am Montagmorgen. Alte Strukturen, alte Abläufe, bekannte Routinen in der Vorbereitung – und auch das, was nicht in der Hand seines Teams liegt, geht am Ende gut. Bis auf ein paar Schauer bleibt es trocken, auch die Sonne zeigt sich immer wieder.

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Sessionsmotto: „Wat e Theater – wat e Jeckespill“

Für den musikalischen Einstieg sorgen neben Mätropolis-Frontfrau Linda Teodusiu die Musiker von Cat Ballou. Die Band feiert in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum – mit zwei Konzerten in der Lanxess-Arena und einem eigenen Wagen beim Rosenmontagszug. Die „Gute Zeit“, von der die Musiker singen, haben auch die Zuschauer auf der Severinstraße, traditionell eine der stimmungsvollsten Passagen des Zugwegs.

Es sind gleich zwei Dimensionen, die das diesjährige Sessionsmotto zusammenführt - und die auch beim Rosenmontagszug im Mittelpunkt stehen. „Wat e Theater – wat e Jeckespill“ – Das ist zum einen das Kopfschütteln über die politischen und gesellschaftlichen Krisen und Herausforderungen der vergangenen Jahre. Zwei Mottowagen hat das Festkomitee für den Überraschungseffekt gewohnt bis zum Rosenmontag unter Verschluss gehalten. Angelehnt an Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ beobachtet das Kreativ-Team der Kritzelköpp: Der Antisemitismus ist mit seinen beiden zähnefletschenden Hunden - „Hass“ und „Gewalt“ - zurück in der Gesellschaft. Und wird mit Handkuss empfangen.

Auf der anderen Seite ist das Motto eine Würdigung der Karnevalisten für eine Branche, die harte Jahre hinter sich hat. Viele Bühnen und Kulturschaffende kämpften in der Corona-Zeit ums Überleben und um Anerkennung. Und kamen doch irgendwie zurück. Stellvertretend für die für Köln so überlebenswichtige Branche stehen die Mitglieder des Vereins für darstellende Künste Köln. Das Festkomitee schenkt dem Verein passend zum Sessionsmotto mit dem Auftritt im Rosenmontagszug die größte Freiluft-Bühne, die die Stadt zu bieten hat. 60 Kulturvertreter sind stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen unterwegs, etwa das Ensemble des Scala-Theaters oder Darsteller des Musicals „Himmel und Kölle.

Dass das Festkomitee einen der 25 Persiflagewagen schon Wochen vor Rosenmontag aus der Wagenhalle am Maarweg ins Licht der Öffentlichkeit rückt, zeigt: Die Karnevalisten haben das dringende Bedürfnis, politisch zu sein und Haltung zu zeigen. Es ist der Kallendresser, der stellvertretend für alle Jecken auf die zum Hitler-Gruß erhobenen Arme der Nazis scheißt. Seinen ersten Auftritt hatte der Wagen bei der Anti-Rechts-Demo im Januar auf der Deutzer Werft. Den Despoten dieser Welt nageln die Wagenbauer das symbolische Brett vor den Kopf, der ukrainische Präsident Selenskiy fragt sich "to be or NATO be" und Bundeskanzler Olaf Scholz schaukelt als Faultier gemütlich auf einem Ast. 

Bühne für das Hänneschen-Theater

Über die ungewohnte Bühne freuen sich auch Hänneschen, Bärbelchen, Tünnes und Schäl. Bereits bei der Prinzenproklamationen standen die vier XXL-Stockpuppen aus dem Hänneschen-Theater auf der Bühne des Gürzenich. Die Bewohner Knollendorfs feiern in dieser Session 222-jähriges Jubiläum.

Für ein Novum sorgt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, der nicht auf einem Wagen, sonder in der Fußgruppe der KG Rocholomäus mitläuft. „Karneval, das ist gelebte Vielfalt. Ich freue mich, nah bei den Menschen zu sein“, sagt Wüst. Textsicher singt der Ministerpräsident beim Durchschreiten der Severinstorburg „Mir losse d'r Dom in Kölle“ mit, gut gelaunt verteilt er auf der Severinstraße Strüßjer.

Einige außerplanmäßige Stopps führen schon früh am Tag zu Verspätungen. In Dom-Nähe fährt sich am Nachmittag ein Wagen der Roten Funken fest. Als Prinz Sascha I. das Ziel auf der Gereonstraße erreicht und der Vorhang des Jeckespills schließt, ist es bereits dunkel.


Jungfrau Frieda im Herzen dabei

Die traurige Nachricht, die viele Jecken bewegt, verkündet das Festkomitee am Samstag. Jungfrau Frieda, die schon seit Wochen unter einem hartnäckigen Muskelfaserriss in der Hüfte laboriert, fällt für den Rosenmontagszug aus.

Die Operation verläuft am Sonntag nach Plan, doch das Dreigestirn wird zum Zweigestirn. Bauer Werner ist auf dem Wagen, der für den Bauer und Jungfrau vorgesehen sind, auf sich allein gestellt. Prinz Sascha steht mit einem Grinsen im Gesicht auf seinem Prinzenwagen und genießt den Jubel der Menschen auf der Severinstraße. Doch auch ihm geht das Fehlen seines Vaters Friedrich Klupsch nah.

Während zwei Drittel des Familien-Dreigestirns durch die Stadt ziehen, liegt Jungfrau Frieda im Krankenhaus – und ist doch an vielen Ecken präsent. Solidarisch zeigt sich etwa das Reiter-Korps Jan von Werth, das kleine Zettel mit Herz und „Frieda“-Aufschrift vorbereitet hat. Die Ehrengarde trägt Armbinden und wünscht „Gute Besserung“. 

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